FRANZ SCHUBERT: MIT 25 ERFUHR ER DIE DIAGNOSE — SEIN LEBEN WAR VORBEI

FRANZ SCHUBERT: MIT 25 ERFUHR ER DIE DIAGNOSE — SEIN LEBEN WAR VORBEI

Franz Schubert war 25 Jahre alt, als er im November 1822 erfuhr, dass er unheilbar krank war. Die Diagnose Syphilis bedeutete damals ein Todesurteil. Wenig später legte er die Partitur seiner Sinfonie in h-Moll beiseite – nach zwei vollendeten Sätzen und nur neun Takten eines dritten. Die sogenannte Unvollendete lag 43 Jahre in einer Schublade, bevor sie 1865 uraufgeführt wurde und Wien erschütterte.

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Warum Schubert abbrach und warum sein Freund Anselm Hüttenbrenner die Partitur so lange verbarg, gehört bis heute zu den großen Rätseln der Musikgeschichte. Geboren wurde Franz Peter Schubert am 31. Januar 1797 in Lichtental bei Wien. Sein Vater, Franz Theodor Schubert, war Lehrer und Zuwanderer aus Mähren, ein Mann, der an Ordnung und Fleiß glaubte.

Musik galt ihm als Zeitvertreib, nicht als Beruf. Die Mutter Elisabeth, eine ehemalige Köchin, gebar 14 Kinder, von denen neun im Säuglings- oder Kleinkindalter starben. Schuberts außergewöhnliches Talent zeigte sich früh. Sein Bruder Ignaz, der ihm ersten Klavierunterricht gab, erklärte dem Vater nach wenigen Monaten, er könne dem Jungen nichts mehr beibringen.

Auch der Kirchenorganist Michael Holzer, der Schubert später unterrichtete, bekannte, er sei nicht dessen Lehrer, sondern schaue nur zu. Mit elf Jahren wurde Schubert in das kaiserliche Konvikt aufgenommen, eine Eliteschule, in der begabte Knaben zu Sängern der Hofkapelle ausgebildet wurden. Dort freundete er sich mit Josef von Spaun an, der ihm Notenpapier kaufte und ihn förderte. Kompositionsunterricht erhielt Schubert bei Antonio Salieri, dem Hofkapellmeister, der den italienischen Stil lehrte.

Schubert lernte die Regeln, verfolgte aber in ihm einen eigenen Traum: Er wollte deutsche Lieder schreiben, die Gedichte von Goethe und Schiller vertonten. Nach dem Tod der Mutter 1812 und dem Stimmbruch verließ Schubert 1813 das Konvikt. Der Vater drängte ihn in eine Lehrerlaufbahn. Tagsüber stand Schubert als Schulgehilfe vor Klassen, nachts komponierte er bei Kerzenlicht mit einer Geschwindigkeit, die an Besessenheit grenzte.

Ein Lied pro Abend, manchmal zwei. Ein eigenes Klavier besaß er nie. Am 19. Oktober 1814 entstand Gretchen am Spinnrade nach einer Szene aus Goethes Faust.

Das Lied gilt als Revolution des Kunstliedes: Die Klavierbegleitung war nicht länger bloßer Hintergrund, sondern gleichwertiger Partner, der die Gefühle der Figur ausdrückte. 1816 kündigte Schubert seine Stelle als Lehrer. Es kam zum Bruch mit dem Vater, der ihn für Jahre nicht verstand. Drei Jahre lang sprachen sie kaum miteinander.

Wegweisend wurde die Freundschaft mit Franz von Schober, der Schubert eine Unterkunft anbot und ihn in einen Kreis junger Intellektueller einführte. Es entstanden die Schubertiaden, Abende mit Musik, Gesprächen und Wein. Unter den jungen Männern bildete sich auch die sogenannte Unsinnsgesellschaft, ein satirischer Geheimbund, der in der Zeit Metternichs gefährlich war. 1820 durchsuchte die Polizei eine Wohnung, in der Schubert sich aufhielt.

Ein Freund wurde verhaftet und verbannt, Schubert kam nach einem Verhör frei. Trotz wachsender Anerkennung in engen Kreisen blieben die großen Erfolge aus. Schubert träumte von der Oper, doch die Wiener Bühnen wurden von italienischen Impresarios dominiert. Opern wie Alfonso und Estrella oder Rosamunde wurden abgelehnt oder nach wenigen Aufführungen vergessen.

Berühmt machte ihn zunächst der Erlkönig, den er 1815 an einem Nachmittag vertont hatte. Die erste öffentliche Aufführung fand allerdings erst 1821 statt, nachdem die Partitur jahrelang beim falschen Verleger gelandet war – bei einem gleichnamigen Komponisten in Dresden. Der Erlkönig brachte Schubert erstmals Erfolg. Ein Jahr später folgte die Diagnose, die sein Leben veränderte.

Die Behandlung mit Quecksilber war brutal und schwächte ihn zusätzlich. 1823 schrieb er in einem Brief an seinen Bruder Ferdinand, er fühle sich als der unglücklichste, elendeste Mensch auf der Welt. Die Werke jener Zeit aber zählen zu seinen größten. Der Liederzyklus Die schöne Müllerin erzählt die Geschichte eines jungen Müllergesellen, der unglücklich liebt und im Bach Erlösung findet.

1824 stabilisierte sich Schuberts Zustand vorübergehend. Im selben Jahr begann er, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Sein Streichquartett Der Tod und das Mädchen verwendete die Melodie eines eigenen Liedes, in dem der Tod freundlich spricht. 1825 kam es zur Versöhnung mit dem Vater, der nach Jahren des Schweigens eingestand, dass sein Sohn den eigenen Weg hatte gehen müssen.

Schubert verehrte Ludwig van Beethoven, wagte aber nie, den Kontakt zu suchen. Nach Beethovens Tod am 26. März 1827 trug Schubert eine Fackel bei dessen Begräbnis. In der folgenden Nacht hob er in einem Gasthaus das Glas mit den Worten: „Auf den, der als nächster folgt.

“ Er meinte sich selbst. 1827 entstand mit der Winterreise sein düsterstes Werk: 24 Lieder über einen Wanderer, der seine Geliebte verloren hat und einsam durch eine Winterlandschaft irrt. Bei der ersten Aufführung fragte ein Freund, warum die Lieder so verzweifelt seien. Schubert antwortete: „Mir gefallen diese Lieder mehr als alle anderen.

“ Der Zyklus endet nicht mit dem Tod des Wanderers, sondern mit dem Bild eines Leiermanns, dem niemand zuhört. Am 26. März 1828, genau ein Jahr nach Beethovens Tod, gab Schubert sein einziges Konzert, das ausschließlich seinen Werken gewidmet war. Der Saal war voll, der Beifall lang.

Doch dieselbe Nacht gehörte dem Geiger Niccolò Paganini, dessen Konzert alle Kritiker besuchten. Über Schuberts Abend erschien kaum eine Zeile. Die letzten Monate seines Lebens waren von erstaunlicher Produktivität geprägt. Schubert schrieb das Streichquintett in C-Dur, drei monumentale Klaviersonaten und Lieder nach Gedichten von Heinrich Heine.

Anfang November 1828 erkrankte er schwer. Elf Tage lang konnte er kaum Nahrung zu sich nehmen, das Fieber stieg, er wurde verwirrt. Am 11. November korrigierte er noch die Druckfahnen der Winterreise.

Am 19. November 1828 um drei Uhr nachmittags starb er im Haus seines Bruders Ferdinand in Wien. Seine letzten Worte waren: „Hier, hier ist mein Ende. “ Er wurde 31 Jahre alt.

Die Beerdigung fand zwei Tage später auf dem Währinger Friedhof statt, nur wenige Schritte vom Grab Beethovens entfernt. Der Dichter Franz Grillparzer verfasste die Grabinschrift: „Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen. “

Nach Schuberts Tod trafen sich die engsten Freunde und sortierten seine Papiere. Einige Briefe galten als zu persönlich und wurden verbrannt.

Was genau in den Flammen verschwand, ist bis heute unbekannt. Spekulationen reichen von Liebesbriefen über politische Dokumente bis zu Bekenntnissen über seine Krankheit. In den folgenden Jahren drohte Schubert in Vergessenheit zu geraten. Seine Werke wurden nur in kleinen Kreisen gespielt.

Erst 1838 reiste Robert Schumann nach Wien, fand in Ferdinand Schuberts Wohnung die Partitur der großen C-Dur-Sinfonie und sorgte für die Uraufführung in Leipzig unter Felix Mendelssohn. Schumann prägte den Ausdruck von der „himmlischen Länge“ dieser Musik. Die Unvollendete kam erst 1865 ans Licht. Der Dirigent Johann von Herbeck erfuhr von Gerüchten, dass Anselm Hüttenbrenner, der einstige Freund, die Partitur besaß.

Der damals 78-jährige Hüttenbrenner zögerte lange, dann übergab er die vergilbten Blätter. Auf die Frage, warum er so lange geschwiegen habe, gab er widersprüchliche Antworten. Einmal sagte er: „Ich wollte sie für mich behalten. Sie war zu schön zum Teilen.

“ Kurz vor seinem Tod starb er, ohne mehr zu erklären. Die Forschung beschäftigt sich bis heute mit Schuberts Leben. In den 1990er Jahren löste der Musikwissenschaftler Maynard Solomon mit der These, Schubert sei homosexuell gewesen, eine bis heute anhaltende Debatte aus. Die Belege sind dünn, und die verbrannten Briefe machen eine Klärung unmöglich.

Was bleibt, ist ein gewaltiges Werk: mehr als 600 Lieder, neun Sinfonien, 15 Streichquartette, 21 Klaviersonaten, Opern und Messen – geschaffen in nur etwa 15 Jahren bewussten Komponierens. Franz Schubert erlebte zu Lebzeiten kaum öffentliche Anerkennung. Er starb, ohne zu wissen, dass sein Name einst neben dem von Beethoven stehen würde.

Seine Musik aber überdauerte – und spricht bis heute zu Menschen auf der ganzen Welt.