Sonntagnachmittag, der Duft von Braten in der Luft, der Tisch mit dem guten Geschirr gedeckt – ich wartete auf meinen Sohn. „Ich schaffe es heute nicht, Mama“, murmelte Stefan am Telefon. „Wir…

Sonntagnachmittag, der Duft von Braten in der Luft, der Tisch mit dem guten Geschirr gedeckt – ich wartete auf meinen Sohn. „Ich schaffe es heute nicht, Mama“, murmelte Stefan am Telefon. „Wir...

Ich heiße Brigitte, bin fünfundsechzig Jahre alt und bis vor wenigen Monaten hätte ich geschworen, dass ich ein gutes Verhältnis zu meinem einzigen Sohn Stefan habe. Mein Mann ist vor fünf Jahren gestorben. Er hat mir unser abbezahltes Haus hinterlassen und eine bescheidene, aber ausreichende Rente. Viel habe ich nie von Stefan verlangt.

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Nur ein bisschen Zeit wollte ich mir von ihm wünschen. Es war der zweite Sonntag im Oktober. Ein Datum, an dem wir seit dem Tod seines Vaters ein festes Ritual gepflegt hatten: ein gemeinsames Gedenkessen. Ich hatte den ganzen Vornachmittag in der Küche verbracht, ein Hähnchen gebraten, einen frischen Apfelkuchen gebacken und den Esstisch mit dem guten Sonntagsgeschirr gedeckt.

Sogar sein Lieblingsbier hatte ich kaltgestellt. Gegen drei Uhr nachmittags klingelte das Telefon. Ich wischte mir die Hände an der Küchenschürze ab und ging ran. Ich rechnete damit, dass er fragen würde, ob er auf dem Weg noch etwas mitbringen solle.

„Hallo, Mama“, murmelte Stefan. Seine Stimme klang seltsam belegt. „Stefan, mein Schatz, der Braten ist in einer Stunde fertig“, sagte ich. „Seid ihr schon auf dem Weg?

“ Ich zupfte unbewusst an der Tischdecke, um eine Gabel geradezurücken. Es entstand ein schweres Schweigen in der Leitung. „Ich schaffe es heute nicht, Mama. Es ist etwas Dringendes dazwischengekommen.

Wir haben einen riesigen Wasserrohrbruch. Bei uns steht alles unter Wasser. “

Mein Blick fiel auf den leeren Stuhl mir gegenüber. Erst letzten Monat hatte ich ihm 3.

000 Euro überwiesen, weil seine Frau Sandra behauptet hatte, das Dach müsse dringend repariert werden. Angeblich drohte ein massiver Wasserschaden. „Und jetzt bricht an einem Sonntag ein Rohr? “ Meine Stimme war vollkommen ruhig.

„Soll ich vorbeikommen und dir mit ein paar Handtüchern helfen? “

„Nein, nein“, sagte er viel zu schnell. „Wir haben schon einen Notdienst gerufen. Die sind gleich da.

Aber wir sind die ganze Nacht wach. Ich melde mich, versprochen. “

„Stefan“, fragte ich leise. „Ist alles in Ordnung?

“

„Ja, alles gut, Mama. Muss jetzt los, der Handwerker klingelt. “ Damit legte er auf. Ich stand allein in meinem ruhigen Esszimmer.

Der Geruch von geröstetem Knoblauch schlug mir plötzlich auf den Magen. Ich weinte nicht. Ich setzte mich an den gedeckten Tisch, aß ein Stück vom kalten Hähnchen und stellte den Teller dann beiseite. Irgendetwas an seiner Stimme, an der zu glatten Ausrede stimmte nicht.

Der Morgen danach begann damit, dass ich meine Handschuhe fein säuberlich neben das Geschenkpapier legte, den Tisch abräumte und das gute Geschirr zurück in den Schrank stellte. Dann rief ich meine alte Freundin Christa an. Sonntagabends unterhielten wir uns sonst immer, um den neuesten Klatsch aus der Nachbarschaft auszutauschen und über unsere Gärten zu plaudern. „Du, ich habe ja gar nichts gesagt, aber du kennst doch Sandra immer aus dem Urlaub“, begann ich vorsichtig.

„Ach, du meinst die Fotos, die sie ständig von sich macht? “, lachte Christa. „Da gibt es doch tatsächlich ein neues auf ihrem Profil. Sandra in einem knallbunten Tropenhemd, das ihr bestimmt gehört hat.

Sie hat sogar ein Foto geschickt bekommen, weil ihr die Bilder von den Klippen so gut gefallen. Sie hat mir ausführlich beschrieben, was sie für ein Hotelzimmer hatten. Warte, ich schicke es dir. “

Ein paar Sekunden später klingelte mein Handy.

Auf dem Bildschirm erschien ein Strand, Palmen, die von der Meeresbrise gebogen wurden, und ein Meer in unglaublichem Türkis. Und dort, in einem bunten Tropenhemd, das ich noch nie an ihm gesehen hatte, stand mein Sohn. Er lächelte breit in die Kamera, den Arm lässig um Sandras Schultern gelegt. Im Hintergrund erkannte man eine traumhafte Hotelanlage mit Pool.

Ich starrte auf das Bild und spürte, wie mir die Wärme aus dem Gesicht wich. Es gab keinen Wasserrohrbruch. Es gab keinen Notdienst. Es gab nur eine erfundene Notlüge, nur damit ich nicht auf die Idee kam, sie zu besuchen oder zu fragen, wieso ich nicht mitdürfe.

Jemanden, der einem so offensichtlich das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören. Ich atmete tief durch und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein. Nach dem Telefonat saß ich noch lange im Zwielicht. Ich ließ die Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen.

Die Monate nach Stevans Auszug, in denen er und Sandra nach und nach mein Haus in ein zweites Zuhause für ihre Abfälle verwandelt hatten. Alte Kleidung, die er hier vergaß. Sandras Schulbücher. Ein kaputter Drucker, ein paar hässliche Sessel, die nicht mehr in ihre moderne Wohnung passten.

„Heben wir doch bei Mama auf“, hörte ich sie noch sagen. Nie fragte jemand, ob es mich störte. Ich wollte mir Klarheit verschaffen. Also zog ich die gute Stehlampe meines Mannes vom Esstisch ans Fenster und öffnete meinen alten Laptop.

Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, Kontoauszüge durchzugehen. Da waren sie: die monatlichen Abbuchungen von 40 Euro für das Familienpaket des Streaming-Dienstes, das Stefan „aus Solidarität“ mit mir geteilt hatte und das ich nie bestellt hatte. Dann der Dauerauftrag über 25 Euro monatlich für eine Zeitschrift, die ich längst abbestellt hatte. Und da war sie: die 3.

000-Euro-Überweisung an Stefan, getätigt vor nur vier Wochen. Mein Blut kochte, als ich auf „Vertragsdaten“ klickte. Es dauerte nicht lange, bis ich den wahren Empfänger sah. Das Geld wurde nicht für ein neues Dach verwendet, der Betrag war an ein Reiseunternehmen geflossen.

Für Teneriffa. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Also hatten sie mich nicht nur belogen, um einen Urlaub zu machen, sie hatten sogar noch meine Gutmütigkeit dafür benutzt. Zwei Flüge hatten sie mir in Rechnung gestellt.

Sie hatten sich wahrscheinlich gedacht: Die Alte merkt es doch eh nicht. Die folgenden Tage zeigte ich niemandem, wie sehr es mich traf. Ich machte eine lange Liste. Am nächsten Morgen um neun Uhr saß ich bei einer separaten Bankfiliale am Schalter und eröffnete ein neues Konto auf meinen Namen.

Meine Rente ließ ich mir umstellen, ein Betrag, der nur für mich gedacht war. Mein nächstes Ziel war die Hausverwaltung. Ich hatte gehört, dass man Schlösser auch nach Feierabend austauschen lassen konnte, wenn man bereit war, den Notdienst zu bezahlen. Mir war es das wert.

Ich wollte, dass meine eigenen vier Wände nur noch mir gehörten. Vier Stunden später, es war bereits dunkel, hielt ich einen kleinen Schraubenzieher in der Hand und stellte den ersten neuen Zylinder in die Haustür. Die alte Tür schloss ich zum letzten Mal auf und dann wieder zu – mit einem Klick, der sich anfühlte, als würde ich eine alte Tür hinter mir zuziehen. Dann legte ich sämtliche neuen Schlüssel in eine kleine Schachtel und verstaute sie in meiner Handtasche.

Am Donnerstagnachmittag war jedes Außenschloss meines Hauses ausgetauscht. Der alte Schlüsselbund von Stefan und Sandra, der noch immer in der Küchenschublade lag, war nun wertlos. Die nächsten 24 Stunden vergingen in absoluter Stille. Ich schrieb Stefan keine Nachricht.

Ich rief nicht an, um nach dem angeblichen Haus zu fragen. Ich verrichtete einfach meinen Alltag, backte Kekse, las einen neuen Krimi und wartete. Als am Sonnabend das Telefon klingelte, wusste ich, wer es war beziehungsweise, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Ich ließ es dreimal klingeln, bevor ich abnahm.

„Mama? “, ertönte Steffans Stimme. „Ich war dir etwas schuldig. Wir sind wieder da.

Äh, ich meine, wir sind zurück. Wir dachten, wir kommen kurz vorbeifahren. “

Ein schwaches Gefühl des Triumphes stieg in mir auf. „Bist du mit dem Dachbau fertig?

“, fragte ich mit süßlicher Stimme. „Ist der Wasserschaden schon repariert? “

„Der Wasserschaden? Ach, der ist lästiger als gedacht“, stotterte er.

„Wir haben ihn, äh, provisorisch geflickt. Aber genau darüber wollte ich mit dir reden. Der Handwerker meinte, das richtige Mittel wäre eine Abdichtung von außen. Das wird teuer, Mama.

So um die 2. 000 Euro. Kannst du mir da nicht noch einmal helfen? “

Ich musste grinsen.

„Ach, das tut mir aber leid, Schatz. Geht nicht. Der Notgroschen für mich selbst ist gerade etwas knapp. “

„Aber es ist doch ein Notfall!

“

„Das ist es, Liebling. Genau das ist es. Ich muss jetzt Schluss machen, ich habe einen Termin. “

Am Sonntag darauf, genau eine Woche nach der Sache mit dem gebrochenen Rohr, hörte ich das vertraute Motorengeräusch, als ein Auto in die Einfahrt fuhr.

Ich setzte den Teekessel auf und wartete, bis es an der Tür klingelte. Ich machte die Tür nicht ganz auf, sondern blieb im Spalt stehen. Stefan stand davor. Er sah gehetzt aus, und Sandra stand mit verschränkten Armen und einer Sonnenbrille auf dem Kopf hinter ihm.

„Mama“, begann er, mit einem gequälten Lächeln, das aussehen sollte, als wäre nichts gewesen. „Wir waren deinetwegen schon auf dem Sprung. Du glaubst nicht, wie kompliziert es war, rechtzeitig einen Termin zu bekommen. “ Er wartete kurz und trat dann über die Schwelle, als erwartete er, dass ich ihn hereinbat.

Als er mich nicht durchließ, zögerte er. „Termin für was? “, fragte ich ruhig. „Na, bei der Bank.

Wegen unseres Dauerauftrags für dein neues Konto. Weißt du, uns wäre es lieber, wenn wir noch ein paar Monate überweisen könnten. Komm, lass uns reingehen und einen Kaffee trinken. Wir haben noch eine Flasche Wein im Auto.

“

„Ich habe den Kaffee schon auf dem Herd. Aber er ist nur für mich. Und so einen Dauerauftrag habe ich nie eingerichtet. Eure Überweisung an mich?

Ich bekomme keine Überweisungen von euch“, sagte ich langsam. „Die letzte Überweisung von dir an mich, das war die Sache mit dem Dach, die auch keine war. “

Seine Augen weiteten sich. Hinter ihm zog Sandra ihre Sonnenbrille von der Nase und starrte mich an.

„Spiel nicht die Unschuldige, Brigitte“, fauchte sie. „Ich habe hier rumgehört. Die ganze Aktion mit der neuen Haustür und dem neuen Schlüssel. Was soll das werden?

Wollen Sie uns aussperren? “

„Ich schließe niemanden aus. Ich schließe nur das Haus ab, das mir gehört, Sandra. Und ich würde es begrüßen, wenn wir bei der formalen Anrede blieben.

“

„Mama, wir hatten es heute geschafft“, mischte sich Stefan ein und wurde rot. „Du kommst mir entgegen, ja? Wir wussten doch nicht, ob du mit dem Einbruch der Dunkelheit nicht doch noch etwas brauchst, wenn wir kommen. Du warst uns gegenüber schon immer ein bisschen zu empfindlich, was deine Freiheit anging.

Aber das ist doch kein Grund, uns so zu behandeln. Schau uns nicht so vor der Tür stehen. “

„Ihr steht vor meiner Tür, weil ihr ohne Ankündigung und ohne mein Wissen hier aufkreuzt“, sagte ich. „Eine gute Woche, und ich war euch keine einzige Frage wert.

Kein Anruf, keine Nachricht. Und jetzt wird von mir erwartet, dass ich Kaffee koche und euch mit offenen Armen empfange, während ihr euch in der Zwischenzeit an meinem Geld und in meinem Haus bedient habt? Nein, danke. Macht es euch schön auf Teneriffa.

“

Auch Sandra war jetzt rot im Gesicht. „Also ich weiß wirklich nicht, auf welchem hohen Ross du dich da sitzend befindest“, zischte sie und machte eine Handbewegung in die Luft, die alles abtun sollte. „Du hast doch gar nichts. Wir haben dir sogar Schokolade mitgebracht.

“ Sie deutete auf eine kleine, platt gedrückte Tüte unter Steffans Arm. „Behaltet doch eure Schokolade. Ich möchte sie nicht mehr essen. Das ist mir zu wenig.

“

Ich machte Anstalten, die Tür zu schließen, aber Stefan hob beschwichtigend die Hand. „Mama, warte! Wir können doch darüber reden. Du weißt doch, wie lieb Sandra dich hat.

Wenn sie dich manchmal etwas ruppig angeht, dann nur, weil ihr euch so ähnlich seid. “

Ich lachte kurz und ohne jede Wärme auf. „Das waren wir einmal, Stefan, das war einmal. Das ist jetzt vorbei.

“

„Was soll das heißen, vorbei? Sind das die Tage, an denen du es bereust, uns nicht geholfen zu haben? Wir haben uns auf Teneriffa sogar Gedanken um dich gemacht, das kannst du mir glauben. Wir dachten, es täte dir gut, wenn du uns fehlst.

Aber das ist dir gar nicht bewusst, dass man dich braucht, oder? “

„Stefan“, sagte ich, und diesmal war meine Stimme nicht mehr so weich. „Ich möchte, dass du verstehst, worum es hier wirklich geht. Du hast mir dreitausend Euro abgeknöpft, die du für ein anderes Ziel ausgegeben hast.

Du hast mich belogen. Du und deine Frau, ihr habt mich jahrelang wie ein Möbellager behandelt. Und dann kommt ihr hierher und wagt es, mir noch eine Rechnung zu präsentieren? “

„Das ist nicht fair.

Das einzige Mal, dass wir dich brauchten, und du stehst nicht einmal dazu. “

„Ihr hattet dreißig Minuten Gesprächsbedarf mit eurem Urlaub und damit den ersten Schritt getan, mich zu hintergehen. Ich bin nicht euer Sparschwein, Stefan. Und ich bin nicht euer Abstellraum.

Ich bin eure Mutter. Das ist ein Unterschied, den ihr anscheinend nie verstanden habt. “

Er öffnete den Mund, aber es kam kein Wort heraus. Ich sah, wie wütend ihn meine Worte machten, aber er wusste, dass ich recht hatte.

Da schaltete sich Sandra ein, die mit verschränkten Armen dastand, doch ihre Stimme hatte nun einen drohenden Unterton. „Und was ist mit unserem Konto, Stefan? Wir haben unsere Ersparnisse für den Hauskredit angegriffen. Wenn du das nicht wieder in Ordnung bringst, ist das dein Problem.

“

Ich wandte mich an meinen Sohn. „Euer gemeinsames Konto? Wie war das mit dem Dach? Auch ein gemeinsames Verständnis von Wahrheit?

“ Ich seufzte tief. „Hör zu, Stefan. Ich bin keine Frau, die mit der Polizei oder mit Anwälten um sich wirft, aber ich bin auch niemand, der sich von euch auf der Nase herumtanzen lässt. Du überweist mir die 3.

000 Euro bis zum Monatsende oder ich sehe mich gezwungen, mein Haus zu verkaufen und mir eine kleine Wohnung zu suchen. Dann könnt ihr euren Schrott hier abholen und sehen, wo ihr bleibt. “

Die Drohung zeigte eine Reaktion auf Steffans Gesicht, eine Mischung aus Unglauben und Kalkül. „Du tust das nicht, Mama.

Das ist dein Ernst nicht. “

„Ich hatte noch nie so einen Ernst im Leben“, sagte ich. „Und jetzt geht. “

Er sah mich lange an, als suche er in meinen Zügen nach einem Anflug von Nachgiebigkeit.

Ich blieb hart. Sandra stieß ihn an, und dann drehten sie sich wortlos um. Ich schloss die Tür. Ich sah aus dem Küchenfenster, wie sie ins Auto stiegen und losfuhren.

Am übernächsten Tag klingelte es erneut. Ich war überrascht, aber nicht, weil ich Besuch erwartet hätte, sondern weil ein Auto mit laufendem Motor vor der Tür stand. Stefan stieg aus und öffnete den Kofferraum. Er hatte sein Gesicht nicht unter Kontrolle, es zitterte leicht.

„Mama“, begann er, und seine Stimme klang belegt. „Du hast recht gehabt. Das mit dem Urlaub hätten wir nicht machen dürfen. Aber wir stecken komplett fest.

Sandra ist schwanger. “

Ich erstarrte innerlich, ließ mir aber nichts anmerken. „Stefan, das freut mich für euch. Wirklich.

Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir ein Problem haben. “

„Ich weiß. Und ich will nicht, dass du denkst, das ist ein Grund, mich da rauszureden. Ich hab dich belogen.

Sandra und ich, wir brauchten diesen Urlaub, um uns wieder näherzukommen. Es hätte auch ein Ausflug ans Land getan, aber sie wollte unbedingt ans Meer. Und ich hatte gehört, dass es auf Teneriffa billig ist. Wir waren heillos überschuldet, die Sache mit dem Dach war ein Vorwand.

Aber das ist keine Entschuldigung. Ich weiß, dass ich mich entschuldigen muss. Aber ich kann das Geld nicht auf einen Schlag zurückzahlen. Ich kann dir nur Raten anbieten.

“

Ich sah ihn an, diesen großen, hageren Mann, der vor mir stand und sich zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben nicht entschuldigte, sondern eine Verantwortung übernahm. Das Schweigen hing zwischen uns. „Komm erst mal rein“, sagte ich schließlich und trat zur Seite. „Die Kaffeetasse ist noch warm.

“

Wir setzten uns an den Küchentisch, und er begann zu erzählen. Wie sehr er unter Sandras ständiger Unzufriedenheit gelitten hatte. Wie er sich geschämt hatte, mich um Geld zu bitten. Wie er das Gefühl hatte, alle Erwartungen doppelt zu erfüllen – zuerst für seinen Vater, der gestorben war, dann für den Job, den er verloren hatte, und dann für Sandra, die immer mehr wollte.

„Ich war feige“, sagte er, den Blick auf den Tisch gerichtet, während er an seiner Tasse drehte. „Ich ließ Sandra vor, wie wir dich behandeln, und ich machte mit, weil es einfacher war, als mit ihr zu kämpfen. Ich habe dich bei der ersten Gelegenheit fallen lassen, damit ich meine Ruhe hatte. Und ich will nicht so sein wie mein Vater, der vor jeder familiären Auseinandersetzung weggelaufen ist.

“

„Das ist gut“, sagte ich leise. „Aber ich bin nicht diejenige, die auf Teneriffa war. Dass du das weißt, ich verzeihe dir ja nicht einfach so und tue so, als wäre nichts gewesen. Aber ich möchte auch nicht, dass das unser letztes Gespräch ist.

Ich bin deine Mutter, und das werde ich immer bleiben, egal was passiert. Aber ich bin nicht euer Fußabtreter. Ich bin nicht eure Bank. Und ich bin nicht eure Aufbewahrungsmöglichkeit.

“

Er sah auf und nickte. „Ich weiß. Ich muss das erst mal verstehen, was das für uns gerade bedeutet. “

„Das muss ich auch“, gab ich zu.

„Und ich schlage vor, dass du und Sandra euch erst mal ein paar Schritte von mir fernhaltet. Und jetzt bring den Kram zurück, den du aus meinem Haus geholt hast. Wir reden in einer Woche noch einmal in Ruhe. Und wenn du das nächste Mal kommst, bringst du bitte deine Frau mit, hörst du?

“

Zwei Tage später klingelte es am Vormittag. Es stand kein Auto in der Einfahrt, aber ein kleiner Leihwagen war vor dem Haus geparkt. Stefan und Sandra saßen auf der Treppe. Sie trugen beide keine Schuhe, und Sandras Augen waren auch nicht mehr mit einem Lidstrich umrandet.

„Du hast uns nicht hereingelassen, also klopfen wir wie zwei normale Menschen“, sagte sie leise und stand auf. Ihre Stimme war ganz verletzlich, so kannte ich sie nicht. „Ich wollte dir sagen, dass ich weiß, dass das mit dem Urlaub nicht in Ordnung war. Ich war eifersüchtig, weil Stefan immer von dir gesprochen hat und weil du ein Haus hast, das nicht an der Bank hängt, und weil ihr so eine besondere Beziehung habt.

Das habe ich dir nie gegönnt. Und dann habe ich angefangen, ihn da hineinzusteigern, und du bist einfach überall aufgetaucht. Es tut mir leid, Brigitte. Wirklich.

“

Ich stand da und sah sie an. „Komm rein. Ich hab Tee aufgesetzt. “

Sie gingen an mir vorbei ins Wohnzimmer.

Ich schloss die Haustür und merkte, wie sich in meiner Brust eine kleine, warme Schwere eine Stelle suchte. Es war nicht das Aussperren, das mir so viel Bedeutung gab. Es war das Einlassen. Sie lösten alle Verträge und Daueraufträge auf, die sie auf meine Rechnung gestellt hatten.

Die 3. 000 Euro kamen in den folgenden Tagen als monatliche Raten auf mein neues Konto. Jeden 75. des Monats, als hätten sie einen kleinen Tribut gezahlt, damit sich ihr Gewissen freikaufen konnte.

Es war ein Anfang, dachte ich mir. Und mehr konnte ich erst einmal nicht erwarten. Zwei Monate nach der Geschichte mit Teneriffa klingelte es an einem Nachmittag. Ich war im Garten und schnitt meine Rosen, als ich das Geräusch hörte.

Ich trug meine Gartenschere zur Vordertür. Christer, mein neuer Nachbar, stand vor mir und grinste. Er hielt eine kleine Tüte mit frisch geernteten Äpfeln aus seinem Garten hoch. „Ich habe gehört, du hast dich zur Ruhe gesetzt“, sagte er und zwinkerte.

„Oder soll ich besser sagen: zurückerobert? “

Ich musste lächeln. „In gewisser Weise beides. Komm, ich koch uns einen Tee.

“

Kurz bevor wir uns verabschiedeten, die Tüte mit den Äpfeln in der Hand, drehte sich Christer noch einmal um. „Weißt du, Brigitte, vom Zuschauen allein wird man nie satt. Man muss sich manchmal was auf den Tisch holen. “ Er lachte und schob sich die Mütze aus der Stirn.

„Das war noch nie mein Problem“, erwiderte ich und schloss die Tür mit einem warmen Gefühl. Das alleinige Warten auf den Frieden war nichts für mich. Ich kaufte mir einen bequemen Lesesessel, stellte eine Staffelei im Esszimmer auf, die ich seit dem Tod meines Mannes nicht mehr angefasst hatte, und verwandelte das Zimmer in meine eigene kleine Zuflucht. Ich hörte auf, das Konto zu kontrollieren, um zu sehen, ob sie wieder etwas an meinem Sparbuch abgebucht hatten.

Ich kümmerte mich wieder um meine Iris, ich pflanzte sogar ein neues Beet mit Kräutern an. Weihnachten verbrachte ich allein, mit einer Ente, die ich perfekt hinbekam, und einer Tasse Glühwein auf dem Sofa. Es war mein eigener Weihnachtsfrieden, und er war mir wichtig. Und dann, Anfang Januar, klingelte das Telefon.

Es war Stefan. „Hallo Mama“, sagte er. Seine Stimme klang irgendwie gelassen. „Ich hab da nachgedacht.

Wir haben einen Gutschein für ein Wochenende in der Eifel, im Grünen. Sandra und ich wollten zu einer Paar-Therapie, wie es so schön heißt. “ Er machte eine kurze Pause. „Ich dachte, vielleicht schließt du dich uns an.

Also nicht zur Therapie selbst, sondern zum Kaffee danach. Wenn du magst. Und wir könnten zu dritt essen gehen. “

Ich schluckte.

Die Altlasten standen zwischen uns, aber sie waren es auch, die uns die Möglichkeit zum Reden gegeben hatten. „Ja, das klingt gut. Das klingt sehr gut, Stefan. “

„Okay.

Super. Ähm, ich schick dir die Adresse per Post. Mit dem Zug könntest du sogar hinfahren, oder? “

„Ja, mein Schatz.

Das kriege ich hin. “

Ich legte auf und stand eine Weile am Fenster. Der graue Winterhimmel hing wie ein Deckel über der Stadt. Aber irgendwo dahinter, das wusste ich, war ein Stück Sonne, das nur darauf wartete, aus seiner Deckung zu kommen.

Ich nahm meinen neuen Reisekoffer vom Schrank und fing an zu packen.