„Fünfzehn Euro für ein Kilo Quark? Das ist doch Wucher!“ Kai stand mit verschränkten Armen im Flur und starrte auf die Einkaufstüten, die ich gerade für meine kranke Mutter nach Hause geschleppt…

„Fünfzehn Euro für ein Kilo Quark? Das ist doch Wucher!“ Kai stand mit verschränkten Armen im Flur und starrte auf die Einkaufstüten, die ich gerade für meine kranke Mutter nach Hause geschleppt...

Lena kam mit zwei schweren Einkaufstaschen die Treppe hoch, die Arme schmerzten, aber auf ihrem Gesicht lag ein zufriedenes Lächeln. Sie hatte wieder alles bekommen, was sie für den Speiseplan ihrer Mutter brauchte. Der magerne Quark, die zarte Hähnchenbrust ohne Haut, das Buchweizenmehl und der frische Boskop. Gleich würde sie ihre Mutter besuchen, ihr etwas Leichtes kochen und eine Weile bei ihr sitzen.

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Sie schob die Wohnungstür auf und trat in den Flur. Da stand schon Kai, die Arme verschränkt, das Kinn vorgeschoben. „Na, schon wieder das volle Programm für Luisa Krüger? “, sagte er, ohne sie zu begrüßen.

Sein Blick wanderte zu den Taschen. „Oder besser für Luisa Brand. Als ob wir Geld zum Fenster rauswerfen würden. “

Lena blieb stehen.

„Es ist eine Diät, Kai. Sie darf nichts Fettiges, nichts Süßes, nichts Salziges. Das hat der Arzt verordnet, nicht ich. “

„Der Arzt.

“ Er lachte kurz auf. „Weißt du, was dieser Quark kostet? Fünfzehn Euro das Kilo. Dafür kriegst du drei Kilo Schweinefleisch.

Das ist doch Wucher. “

Lena sagte nichts mehr. Sie hätte antworten können, hätte sagen können, dass ihre Mutter nach einem schweren Herzinfarkt jeden Tag um ihr Leben kämpfte, dass die Medikamente ihren Körper auslaugten, dass diese Einkäufe kein Luxus waren, sondern Überleben. Aber sie hatte keine Kraft für eine Diskussion.

Nicht jetzt, nicht schon wieder. Sie trug die Taschen in die Küche und begann, die Lebensmittel zu verstauen. Kai folgte ihr nicht, aber sie hörte, wie er ins Wohnzimmer ging und den Fernseher lauter stellte. So lief es seit Monaten.

Wenn er sie nicht mit spitzen Bemerkungen überschüttete, schwieg er sie an. Dabei hatte ihr gemeinsames Leben einmal anders ausgesehen. Drei Jahre waren sie nun verheiratet, und das erste Jahr war fast perfekt gewesen. Er war aufmerksam, liebevoll, zuverlässig.

Er hatte ihre Hand gehalten, als sie von ihrer Mutter berichtete, und hatte gesagt, dass man zusammen durch dick und dünn gehen müsse. Dann wurde ihre Mutter krank, und irgendwann verwandelte sich Kais anfängliche Hilfsbereitschaft in Gereiztheit, dann in offenen Zorn. Er zählte jeden Euro, den sie für ihre Mutter ausgab, aber wenn es um seine eigene Mutter Antonia ging, die gesund und guter Dinge im Nachbarbezirk wohnte, dann gab es keine Diskussion. Dann wurden Tausende Euro locker gemacht, mal für ein Gewächshaus, mal für neue Möbel, mal für eine teure Reparatur am Auto, das sie längst nicht mehr brauchte.

Lena schloss die Kühlschranktür und atmete tief durch. Sie würde morgen zur Apotheke gehen und danach ihre Mutter besuchen. Sie wollte nicht, dass dieser Ärger den Tag bestimmte. Am Abend klingelte es, während sie das Geschirr abwusch.

Kai stand wie immer sofort auf und ging ins Schlafzimmer, um das Gespräch entgegenzunehmen. Er sprach leise, aber Lena kannte diesen Tonfall inzwischen: anzüglich, schmeichelnd, unterwürfig. Es war das Telefon mit seiner Mutter. Als er mit gerötetem Gesicht in die Küche zurückkam, wusste Lena bereits, dass etwas auf sie zukommen würde.

Er stellte sich neben sie, ohne sie anzusehen. „Mama braucht Hilfe am Wochenende“, sagte er. „Im Garten. Das Gewächshaus muss aufgebaut werden.

“

„Dann fahr halt hin“, sagte Lena ruhig. „Ich habe eh vor, das ganze Wochenende bei meiner Mutter zu bleiben. “

„Es geht um mehr als nur das Gewächshaus“, unterbrach er sie. „Sie braucht auch Geld.

Zehntausend Euro. Für das Polycarbonat. Sie sagt, ihre Rente ist verzögert worden. “

Lena ließ den Schwamm sinken.

„Kai, wir haben noch zwölftausend auf dem Girokonto. Davon müssen wir zwei Wochen leben. “

„Dann nehmen wir es eben vom Sparbuch. “

Sie drehte sich zu ihm um.

„Das ist unser Notgroschen. Für unvorhergesehene Dinge, für Reparaturen, für Krankheit. “

„Genau“, sagte Kai und seine Stimme wurde scharf. „Und das hier ist unvorhergesehen.

Mamas Bedarf ist unvorhergesehen. “

„Nein, Kai. Das hier ist ein Gärtnerei-Projekt, das sie sich einfach in den Kopf gesetzt hat. Das ist kein Notfall.

“

„Du willst es mir also nicht geben. “ Er verschränkte die Arme. „Willst du das, was ich verdiene, weiter in deine Mutter hineinstopfen? Sieh dich doch an, Lena.

Wir geben monatlich fast ein Drittel meines Gehalts für ihre Lebensmittel aus. Dafür könnte man Urlaub machen. Dafür könnte man sich etwas Gutes tun. Aber nein, du schleppst lieber teure Quarkbecher zu deiner Mutter, damit ihre Durchblutung in Schwung bleibt.

“

„Halt den Mund. “

Das sagte sie leise, aber mit einer Schärfe, die Kai verstummen ließ. Sie legte das Geschirrtuch weg, ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich, ohne seine weiteren Worte abzuwarten. Sie hörte ihn kurz draußen murmeln, dann verließen seine Schritte die Wohnung.

Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Kai war zu seiner Mutter gefahren, wohl um sich zu besprechen, dachte Lena. Oder um seine eigenen Wunden zu lecken und sich dort die Batterien wieder aufzuladen. Sie blieb allein zurück und starrte an die Decke.

Sie dachte an ihre Mutter, die sich gerade durch einen langen, einsamen Abend quälte. Wie oft hatte sie sich gewünscht, ihre Mutter neben sich zu wissen, statt auf der anderen Seite der Stadt. Manchmal träumte sie davon, einfach auszuziehen, sich eine kleine Wohnung in der Nähe ihrer Mutter zu suchen und das alles hinter sich zu lassen. Aber das würde bedeuten, alles aufzugeben, was sie sich gemeinsam aufgebaut hatten.

Und tief drinnen hing sie noch an ihm, an dem Mann, der sie einmal zum Lachen gebracht hatte, der sie umarmt hatte, wenn sie weinte. Oder hing sie nur an dem Bild von ihm, das es nicht mehr gab? Am nächsten Morgen rief ihre Mutter an, bevor Lena zur Arbeit aufbrach. „Lena, ich habe dir gestern eine Nachricht hinterlassen.

Ging es dir gut? “

Es war nicht ihre gewohnt kräftige Stimme. Sie klang leise, brüchig, irgendwie kleiner. „Ja, Mama, es ist alles in Ordnung“, sagte Lena, obwohl sie wusste, dass ihre Mutter sie durchschaute.

„Ich komme am Wochenende vorbei, wie immer. “

Eine lange Pause entstand. „Lena, ich wollte es dir eigentlich nicht sagen“, begann ihre Mutter, „aber ich muss es. Die Kündigung.

Ich habe sie gestern bekommen. “

„Was für eine Kündigung? “

„Von der Wohnung“, sagte die alte Frau leise. „Ich bin drei Monate mit der Miete im Rückstand.

Sie haben mir geschrieben. Wenn ich nicht bald zahle, stehen sie vor der Tür. “

Lena setzte sich, während die Welt um sie herum kurz zu kippen schien. „Aber du hattest doch immer alles bezahlt“, flüsterte sie.

„Du hast doch deine Rente. “

„Die Rente reicht nicht mehr, Lena. Der Unterhalt, den dein Vater damals zahlen sollte, kommt seit einem Jahr nicht mehr. Du weißt, dass er nie pünktlich war.

Und dann habe ich denken müssen, dass ich dir nicht zur Last fallen wollte mit meinen Schulden. Also habe ich mir Geld gepumpt. Ein wenig hier, ein wenig dort. Jetzt steht alles auf einmal an.

“

Ihr Vater, das alleinige Sorgerecht, die verlorenen Jahre, das alles war nie ein einfaches Thema gewesen. Aber er schuldete seiner Tochter schon lange nichts mehr, das wusste sie. Und Luisa Brandt hatte in ihrer Art, das Leben zu meistern, nie über Schulden gesprochen. Sie hatte gelächelt, wenn sie es ertragen konnte.

Sie hatte nichts gesagt, um Lena nicht zu belasten. „Wie ich dich kenne, hast du dir keine Hilfe holen wollen“, sagte Lena mit belegter Stimme. „Mir geht es noch gut, mein Kind“, sagte ihre Mutter, aber ihre Stimme brach. „Aber ich habe Angst.

Ich habe solche Angst, Lena. Ich habe so eine Angst. “

Die Nachricht saß tief. Lena verließ ihre Wohnung, ohne aufzuräumen, ohne Kai etwas zu sagen.

Sie fuhr zu ihrer Mutter, fuhr in die alte Plattenbausiedlung, wo Luisa Brandt allein in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung lebte. Als ihre Mutter die Tür öffnete, sah Lena sofort, wie sehr sie gealtert war. Ihr Gesicht war grau, die Augen gerötet, und sie zitterte um die Lippen. „Setz dich erst mal hin, Mama“, sagte Lena und drückte sie sanft in den Sessel.

„Ich mache uns einen Tee, und dann erzählst du mir alles von Anfang an. “

Luisa schüttelte den Kopf. „Ich will dich nicht mit meinen Problemen belasten. Das habe ich dir immer gesagt.

“

„Mama“, sagte Lena und setzte sich auf die Sessellehne. „Du bist keine Last. Du bist meine Mutter. Aber jetzt hör auf zu reden und fang an zu erzählen.

“

Die Schulden waren ihr längst über den Kopf gewachsen. Miete, Strom, Heizung, Medikamente, die sie nicht alle über die Kasse bekam. Dazu der tägliche Bedarf an frischen, gesunden Zutaten, den sie sich nicht mehr leisten konnte, aber auch nicht aufgeben wollte, weil es der einzige Weg war, ihre Herzschwäche wenigstens halbwegs in Schach zu halten. Sie hatte geglaubt, es allein zu schaffen.

Sie hatte sich geschämt, ihre Tochter um Geld zu bitten. Also hatte sie sich Geld von woanders geliehen. Nachbarn, ein befreundeter Kioskbesitzer, alte Kolleginnen. Alle gaben ihr, weil alle sie mochten.

Aber irgendwann waren sie es selbst, die nicht mehr konnten. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass es so schlimm ist? “, fragte Lena, die die Tränen kaum zurückhielt. „Weil du mir schon geholfen hast“, flüsterte Luisa.

„Mit den Lebensmitteln, mit den Fahrten zum Arzt. Und weil ich nicht wollte, dass du zwischen mir und Kai gestellt wirst. “

Lena senkte den Kopf. „Zwischen dir und Kai stand keine Frage.

Das Problem ist nur Kai. “

Sie erklärte ihrer Mutter alles. Das ständige Nörgeln wegen der Einkäufe, die Vorwürfe, die hartnäckig gewordene Forderung nach Geld für Antonia Krüger, die zehntausend Euro, das Sparbuch, die ständigen Anrufe. Luisa hörte zu, und mit jedem Satz wurde ihre Miene dunkler.

„Lena, mein Kind“, sagte sie schließlich mit einer Ruhe, die nichts von dem Zittern hatte, das ihre Stimme soeben noch besessen hatte. „Du weißt, dass ich dir nie Ratschläge geben will. Aber irgendwann musst du dich fragen, wo deine eigene Grenze ist. Wie weit willst du ihm noch entgegenkommen?

Wie viel von dir willst du noch opfern? “

„Ich liebe ihn, Mama. “

„Das weiß ich. Aber Liebe heißt nicht, dass man sich selbst verliert.

Du bist die Ehefrau geworden, die sich nicht mehr traut, ihr eigenes Urteil zu treffen. Und jetzt erst einmal: setz deine Energie in einen anderen Plan. Hilf mir, die Wohnung zu retten. Und dann sehen wir weiter.

“

Lena nickte. Sie waren nicht allein, und sie würde kämpfen. Sie holte einen Stift und ein Blatt Papier und begann, die Schulden ihrer Mutter aufzulisten, eine kleine Ordnung zu schaffen. Da landeten die ersten Beträge, die sich zu einer stattlichen Summe zusammenfinden sollten.

„Das packst du in einen Ordner“, sagte Luisa unerwartet gelassen. „Für den Fall, dass wir es vor Gericht brauchen. “

„Vor Gericht? “, fragte Lena überrascht.

„Jetzt schau nicht so, mein Kind. Ich habe überlebt, als dein Vater die Koffer gepackt hat. Ich habe dich allein aufgezogen, mit einem Hungerlohn als Kassiererin, und ich habe immer einen Weg gefunden. Wir werden auch diesmal einen Weg finden.

“

Lena sah zu, wie ihre Mutter die Schuldenübersicht sortierte. Da war kein Bedauern, keine Verzweiflung mehr in ihrem Blick. Das war etwas anderes. Eine alte Kämpferin, die die Fassung bewahrt hatte.

„Aber wovon sollen wir leben, wenn ich die kompletten Rückzahlungen aufgewendet habe? “, fragte Lena. „Ich habe schon fast alles aufgebraucht. “

Da schüttelte Luisa den Kopf und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

„So heikel bin ich nicht mehr. Ich könnte auch einen anderen Speiseplan vertragen. Solange du in meiner Nähe bist, mein Kind, bin ich schon zufrieden. “

Lena konnte nicht anders, sie musste lächeln.

Sie blieb erst einmal da, kochte ihrer Mutter etwas, wusch das Geschirr, das sich in der Spüle stapelte, und räumte die Wohnung auf. Sie rief auch bei einem Sozialamt an, um einen Termin zu vereinbaren, und sprach über eine mögliche Anpassung der Mietkosten, über Wohngeld, über die Möglichkeit der Pflegekasse. Als sie am Abend müde, aber bestimmt nach Hause kam, sah Kai vom Sofa auf.

„Na,