37 JAHRE SCHWIEG SIE! DIE BITTERE WAHRHEIT ÜBER DÜRRENMATTS EHE

37 JAHRE SCHWIEG SIE! DIE BITTERE WAHRHEIT ÜBER DÜRRENMATTS EHE

In einer Dezembernacht 1983 kniet Friedrich Dürrenmatt vor dem Kamin seines Arbeitszimmers in Neuchâtel und verbrennt Papier. Brief um Brief, Seite um Seite. Jahrzehnte verschwinden in Sekunden. Das Feuer verschlingt Worte, die niemand mehr lesen wird – Geständnisse, Geheimnisse, Spuren eines Lebens.

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Im Nebenzimmer liegt seine Frau Lotti, seit 37 Jahren an seiner Seite, im Sterben. Der Krebs hat ihren Körper bereits weitgehend zerstört. Der 62-jährige Schriftsteller, dessen Lebenswerk aus Worten besteht, vernichtet an diesem Abend einen Teil seiner eigenen Geschichte. Was genau in den Flammen aufgeht, wird nie bekannt werden.

Der Kreis schließt sich in dieser Nacht – zwischen Bewahrung und Zerstörung, zwischen einem Leben, das öffentlich war, und Wahrheiten, die privat bleiben sollten. Angefangen hatte alles in einem Pfarrhaus in Konolfingen im Kanton Bern. Am 5. Januar 1921 kam Friedrich Dürrenmatt dort zur Welt.

Sein Vater Reinhold war protestantischer Pfarrer, ein Mann von unbeugsamen Prinzipien, der jeden Sonntag über Schuld und Vergebung predigte. Seine Mutter Hulda verschwand im Schatten ihres Mannes. In der Familie gab es ein verschwiegenes Geheimnis: Ein Onkel war in einer Nervenheilanstalt gestorben. Die Angst vor dem Wahnsinn hing wie ein Schatten über dem Haus.

Der junge Friedrich spürte mehr, als Erwachsene ihm zutrauten. Er hörte geflüsterte Gespräche, sah besorgte Blicke und fragte sich, ob auch er den Keim dieser Dunkelheit in sich trug. Ein Erlebnis prägte ihn nachhaltig: Mit zwölf Jahren fand er seinen Vater nachts weinend am Schreibtisch. Der Mann, der sonntags mit fester Stimme von Gottes Liebe predigte, war zusammengebrochen, nachdem er ein fünfjähriges Mädchen beerdigt hatte.

In diesem Moment zerbrach etwas in dem Jungen. Als Gymnasiast in Bern war Dürrenmatt ein notorisch schlechter Schüler – nicht aus Mangel an Intelligenz, sondern aus Weigerung, das Spiel mitzuspielen. Beinahe flog er von der Schule, weil er in einem Aufsatz die Auferstehung in Frage gestellt hatte. In dieser Zeit begann er zu malen: düstere Bilder, verzerrte Figuren, albtraumhafte Szenen.

Ein Kunstlehrer warnte seine Eltern: „Ihr Sohn sieht die Welt anders als wir. Er sieht die Dunkelheit. ”

Mit 20 Jahren ging Dürrenmatt nach Zürich, um Philosophie zu studieren. Er schloss nie ab.

In den Kneipen der Stadt fand er seinen Weg – der Alkohol wurde sein ständiger Begleiter. 1943 erschien seine erste Veröffentlichung, die Erzählung „Weihnacht”, die nicht von Frieden handelte, sondern von Dunkelheit. Die Kritiker schwiegen. 1946 verliebte sich Dürrenmatt in die Schauspielerin Lotti Geisler, drei Jahre älter als er, aus bürgerlicher und wohlhabender Familie.

Ihre Familie lehnte die Verbindung ab und blieb der Hochzeit im Oktober 1946 fern. Es begann eine Ehe, die 37 Jahre dauern sollte – mit Jahren des Hungers, des Erfolgs und des Scheiterns. 1947 sorgte Dürrenmatt für den größten Theaterskandal der Schweiz: Sein Stück „Es steht geschrieben” über die Täufer von Münster wurde zur Provokation. Das Publikum zischte, pfiff, warf Programme auf die Bühne.

Es kam zu Faustkämpfen, die Polizei musste eingreifen. Die Kritiken waren vernichtend. Unter den Zuschauern saß jedoch Max Frisch, der das Talent erkannte – der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft. Der Skandal machte Dürrenmatt berühmt, brachte aber kein Geld.

Die junge Familie – inzwischen mit Kindern – lebte in ärmlichen Verhältnissen in Basel und später in Ligerz am Bielersee. Lotti streckte jede Mahlzeit, flickte Kleidung, log den Vermietern vor, wenn die Miete zu spät kam. Friedrich schrieb Manuskripte, die niemand kaufen wollte. Ablehnungsbriefe kamen mit schöner Regelmäßigkeit.

1948 erlitt Dürrenmatt einen Zusammenbruch. Nach einer weiteren Absage konnte er nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht mehr denken. Er lag im Bett und starrte die Decke an. Lotti stand vor einem Abgrund – mit drei kleinen Kindern, ohne Geld, ohne Aussicht.

Sie hätte gehen können, ihre Familie hätte sie aufgenommen. Aber sie blieb, weil sie immer noch an diesen Mann glaubte. Der Preis: Ihre eigene Schauspielkarriere war endgültig vorbei. Dürrenmatt erholte sich langsam und fand einen Weg, Geld zu verdienen: Er schrieb Kriminalromane.

„Der Richter und sein Henker” erschien 1950 als Fortsetzungsroman im Schweizerischen Beobachter und wurde ein Publikumserfolg. Die Kritiker rümpften die Nase – Trivialliteratur, sagten sie. Dürrenmatt zuckte die Schultern: „Handwerk, nicht Kunst. ” Aber das Handwerk zahlte die Rechnungen.

Der eigentliche Durchbruch kam 1956 mit „Der Besuch der alten Dame” am Schauspielhaus Zürich. Die Geschichte einer steinreichen Frau, die in ihr verarmtes Heimatdorf zurückkehrt und eine Milliarde anbietet – unter der Bedingung, dass die Bürger den Mann töten, der sie einst verführte und im Stich ließ. Kein Skandal diesmal, sondern Applaus ohne Ende. Das Stück wurde ein Welterfolg, übersetzt in ein Dutzend Sprachen.

Sechs Jahre später kam der Höhepunkt: „Die Physiker”, uraufgeführt am 21. Februar 1962, wurde zum meistgespielten deutschsprachigen Theaterstück des 20. Jahrhunderts. Das Stück über drei vermeintlich verrückte Patienten in einer Nervenheilanstalt stellte die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft im Zeitalter des Kalten Krieges.

Es machte Dürrenmatt reich. Tantiemen flossen aus aller Welt, das Haus in Neuchâtel wurde erweitert, Weinkeller und Kunstsammlung wuchsen. Mit dem Reichtum kam eine Veränderung. Der unsichere junge Mann wurde zum großen Autor, der von oben herab auf die Welt blickte.

Er gab Interviews, empfing Bewunderer, genoss die Aufmerksamkeit. Lotti blieb zu Hause, wenn er nach Berlin, Paris oder New York reiste. Sie war nicht mehr die junge Schauspielerin von einst. Es gab Gerüchte über andere Frauen.

In einer Nacht in den frühen 60er Jahren kam Dürrenmatt spät nach Hause, roch nach Alkohol und einem fremden Parfüm. Lotti sah den roten Lippenstift an seinem Kragen. „Für wen bedeutet es nichts? “, fragte sie.

Er hatte keine Antwort. 1963 erlitt er mit „Herkules und der Stall des Augias” einen Misserfolg. Die Kritiker, die ihn eben noch gelobt hatten, zeigten nun ihre Zähne. Dürrenmatt reagierte mit Karikaturen seiner Kritiker – bösartig präzise Bilder, die er bei Abendessen herumreichte.

Die Feindschaft war dauerhaft. In den 70er Jahren verschlechterte sich Dürrenmatts Gesundheit. Der Diabetes wurde schlimmer. Die Ärzte warnten ihn – weniger Alkohol, strengere Diät.

Er hörte nicht auf sie. Nach „Die Physiker” kam kein Werk mehr, das denselben Erfolg erreichte. Dürrenmatt wurde verbittert, zynisch, manchmal boshaft. Er attackierte die Schweiz, verspottete Kollegen.

Lotti alterte im Schatten ihres Mannes. Die Kinder verließen das Haus, die Räume wurden leerer, die Gespräche kürzer. 1982 kam die Diagnose: Lotti hatte Krebs. Die Behandlungen wirkten nicht.

Dürrenmatt pflegte seine Frau, saß an ihrem Bett, hielt ihre Hand, las ihr vor. Wenn Lotti schlief, ging er in sein Arbeitszimmer und schrieb. Ein Freund erinnerte sich später: „Er schrieb, während sie im Nebenzimmer starb. Ich weiß nicht, ob es Herzlosigkeit war oder das Gegenteil.

”

Am 16. Januar 1983 starb Lotti Dürrenmatt. 37 Jahre waren sie verheiratet gewesen. Sie hatte drei Kinder großgezogen, einen schwierigen Mann ertragen und unterstützt, ihre eigene Karriere geopfert.

Dürrenmatt war erschüttert, sichtbar gealtert. Knapp ein Jahr später, im Januar 1984, heiratete er erneut: Charlotte Kerr, eine deutsche Schauspielerin und Filmregisseurin, 24 Jahre jünger als er. Die Nachricht schlug wie ein Donnerschlag ein. Die Zeitungen fragten, ob ein Jahr nicht zu kurz sei.

Dürrenmatt antwortete schneidend: „Die Zeit ist eine Erfindung der Uhrmacher, und davon haben wir in der Schweiz mehr als genug. ” Die Kinder aus erster Ehe fühlten sich verraten. Charlotte hatte in den frühen 80er Jahren einen Dokumentarfilm über Dürrenmatt gedreht – wann genau aus beruflicher Zusammenarbeit etwas anderes wurde, blieb unklar. Die Antwort verschwand möglicherweise mit den Briefen, die in jener Dezembernacht 1983 verbrannt worden waren.

Die Jahre mit Charlotte gaben Dürrenmatt neue Energie. Er reiste wieder, arbeitete an neuen Projekten. Charlotte wurde seine intellektuelle Partnerin, führte Regie bei Verfilmungen seiner Werke, organisierte Veranstaltungen. Das Verhältnis zu seinen Kindern blieb angespannt.

1989 erschütterte der Fichenskandal die Schweiz. Eine parlamentarische Untersuchung deckte auf: Der Staatsschutz hatte über Jahrzehnte hinweg 900. 000 Karteikarten über die eigenen Bürger angelegt – fast jeder sechste Schweizer war erfasst, beobachtet, registriert worden. Auch Dürrenmatt gehörte zu den Überwachten.

Seit den 40er Jahren hatten Agenten seine Schritte verfolgt, seine Veranstaltungen notiert, seine Reisen dokumentiert. Fast 50 Jahre war er ein Objekt der Beobachtung gewesen, ohne es zu wissen. Seine Reaktion war ruhig, aber vernichtend: „Ich war nicht überrascht”, sagte er, „nur angewidert. ”

Am 23.

November 1990 hielt Dürrenmatt die Laudatio für den tschechischen Präsidenten Václav Havel, der die Schweiz besuchte. Statt einer Festrede lieferte er eine Abrechnung. Er nannte die Schweiz „ein Gefängnis, dessen Insassen zugleich die Wärter sind”. Er sprach von der Vergangenheit, von den Jahren des Krieges, als die Schweiz jüdische Flüchtlinge abwies, „weil das Boot angeblich voll war” – und sie zurückgeschickt wurden in den sicheren Tod.

Er sprach vom Gold der Nationalsozialisten, das seinen Weg in Schweizer Tresore gefunden hatte, ohne dass jemand fragte, woher es kam. „Die Schweiz hat sich selbst eingesperrt”, sagte er. „Wir haben uns eine Freiheit erkauft, die keine ist. ”

Die Reaktion kam prompt.

„Nestbeschmutzer” titelte eine Zeitung, „Undankbar” eine andere. Politiker distanzierten sich, empörte Leserbriefe überschwemmten die Redaktionen. Aber es gab auch andere Stimmen – jüngere Menschen, die fragten, ob der alte Mann nicht einfach aussprach, was längst gesagt werden musste. Havel selbst äußerte sich diplomatisch und sprach von der Bedeutung der kritischen Stimme in jeder Demokratie.

Drei Wochen später, am 14. Dezember 1990, starb Friedrich Dürrenmatt in seinem Arbeitszimmer in Neuchâtel. Sein Herz, geschwächt vom Diabetes und den Jahren, hörte auf zu schlagen. Er wurde 69 Jahre alt – drei Wochen vor seinem 70.

Geburtstag. Auf dem Schreibtisch lagen unvollendete Sätze. Er wurde auf dem Friedhof von Neuchâtel beigesetzt, ohne große Reden, ohne staatliche Ehren. Es war sein Wille.

Der Nachlass wurde zum Gegenstand jahrelanger Auseinandersetzungen zwischen Charlotte Kerr und den Kindern aus erster Ehe. Charlotte erhielt die Kontrolle über das literarische Werk. Sie widmete sich bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 der Pflege von Dürrenmatts Erbe. Das Haus in Neuchâtel ist heute das Centre Dürrenmatt, ein Museum, das sein Schaffen zeigt.

Die Werke leben weiter. „Der Besuch der alten Dame” wird noch immer auf Bühnen in aller Welt gespielt, „Die Physiker” füllen Theater mehr als sechzig Jahre nach der Uraufführung. Die Fragen, die Dürrenmatt stellte – nach Schuld, Gerechtigkeit, Macht und Verantwortung – sind nicht veraltet.

Und die Fragen, die er in jener Dezembernacht 1983 im Kamin verbrannte, sind für immer verloren.