Es ist der 1. Dezember 1941, irgendwo in Polen, im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd. Ein Fernschreiber rattert.
Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt nimmt das Blatt Papier, liest – und sein Gesicht erstarrt. Er ist abgesetzt. Mit 66 Jahren, nach drei Kriegen, nach der Einnahme von Warschau, Paris und Kiew, wird der rangälteste Feldmarschall der Wehrmacht aus seinem Amt geworfen wie ein unfähiger Befehlshaber.
Sein Verbrechen: Er hat sich geweigert, einen direkten Befehl Adolf Hitlers auszuführen.
Der Befehl lautete: Halten bis zum letzten Mann. Kein Zurückweichen, keinen Meter. Rostow am Don sollte um jeden Preis gehalten werden.
Rundstedt aber wusste, dass die Ausführung dieses Befehls die Vernichtung einer ganzen Panzerarmee bedeutet hätte. Rund 100. 000 Soldaten, Hunderte von Panzern, der gesamte südliche Flügel der Ostfront standen auf dem Spiel.
Seine Antwort an Berlin war kurz, scharf und in ihrer Form beispiellos. Er telegrafierte: Erstens können die Truppen das nicht leisten. Zweitens werden sie vernichtet, wenn sie nicht zurückgehen.
Ich bestehe darauf, dass dieser Befehl aufgehoben wird, oder Sie suchen sich jemand anderen. Es war keine Bitte. Es war ein Ultimatum.
Hitler suchte sich jemand anderen. Doch nach nur 48 Stunden bestätigte der neue Oberbefehlshaber, dass Rundstedt recht gehabt hatte. Der Rückzug ging weiter.
Die Armee blieb erhalten. Es ist die Geschichte, wie ein General auf Risiko seiner Laufbahn und seiner Freiheit die erste große Katastrophe der Wehrmacht im Osten verhinderte.
Um zu verstehen, was in diesen Dezembertagen geschah, muss man den November 1941 betrachten. Der fünfte Monat der Operation Barbarossa. Auf der Karte sieht alles nach Triumph aus.
Die deutschen Armeen sind mehr als 1000 Kilometer tief in die Sowjetunion vorgestoßen. Minsk, Kiew, Charkow sind erobert. Bei Kiew gerieten 665.
000 sowjetische Soldaten in Gefangenschaft, die größte militärische Kapitulation der Geschichte.
Doch am Boden sieht das Bild anders aus. Panzer bleiben im Schlamm stecken. Soldaten haben keine Winterkleidung.
Die Temperaturen fallen auf minus 20 Grad. Motoren springen nicht an. Schmieröl gefriert in den Geschützrohren.
Verwundete können nicht abtransportiert werden. Die Wege haben sich in bodenlosen Morast verwandelt.
Im Süden, am Asowschen Meer, versucht die 1. Panzerarmee des Generals Ewald von Kleist das letzte Ziel zu nehmen: die Stadt Rostow am Don. Das Tor zum Kaukasus.
Die Straße zum Öl von Baku und Grosny. Hitler ist von diesem Ziel besessen. Öl ist das Blut des modernen Krieges.
Ohne Öl werden Panzer zu Schrotthaufen, Flugzeuge zu Möbelstücken, U-Boote zu stählernen Särgen am Meeresgrund.
Zwischen Hitler in Berlin und den Soldaten vor Rostow klafft ein Abgrund. Der Führer starrt auf Karten mit Pfeilen des Vormarsches. Die Soldaten starren auf den Horizont, wo sich sowjetische Reserven sammeln.
Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, sieht, was Hitler nicht sehen will. Die Armee ist ausgezehrt. Die Nachschublinien ziehen sich über Hunderte von Kilometern.
Der linke Flügel ist offen. Die sowjetischen Truppen bündeln ihre Kräfte für einen Gegenangriff.
Genau hier, in den weiten Steppen am Don, kommt es zum ersten großen Zusammenstoß zwischen militärischem Professionalismus und dem politischen Willen des Führers. Dieser Zusammenstoß entscheidet über das Schicksal von Hunderttausenden auf deutscher wie auf sowjetischer Seite.
Gerd von Rundstedt entstammt einer Familie mit jahrhundertealter militärischer Tradition. Geboren in Aschersleben bei Halle, wächst er in einer Kaste auf, den Junkern, dem preußischen Landadel, der über Generationen Offiziere, Beamte und Diplomaten für Deutschland stellte. Ihr Credo: Dienst, Ehre, Pflicht.
Politik ist Sache anderer. Ein Offizier führt Befehle aus.
Der junge Gert geht den Weg, den Generationen vor ihm gegangen sind. Erst Kadettenkorps, dann die Kriegsschule in Lichterfelde bei Berlin. Hier wird ihm alles allzu Menschliche ausgetrieben und alles Preußische eingebrannt.
Ein General wird später über dieses System sagen, es bringe Offiziere hervor, die ihrer Pflicht ergeben, aber geistig stumpf seien. Das war übertrieben. Aber ein Körnchen Wahrheit steckte darin.
Das System lehrte Gehorsam. Nicht Zweifel.
Im Jahr 1893 erhält Rundstedt den Rang eines Leutnants. Er ist 18 Jahre alt. Der Erste Weltkrieg trifft ihn als Stabsoffizier.
Er führt keine Angriffe. Er plant sie. Bis 1918 steigt er zum Major und Chef des Stabes eines Armeekorps auf.
Die Niederlage Deutschlands zerbricht die Armee, aber nicht Rundstedt. Er bleibt in der winzigen, 100. 000 Mann starken Reichswehr, der einzigen Armee, die der Versailler Vertrag erlaubt.
1932, er ist 57 Jahre alt, führt er die 3. Infanteriedivision und den Berliner Wehrkreis. Das macht ihn zu einem der einflussreichsten Generäle Deutschlands.
In dieser Zeit stößt er zum ersten Mal direkt auf die Politik. Reichskanzler Franz von Papen nutzt Notverordnungen, um die preußische Regierung zu entmachten. Rundstedt muss diese Aktion mit militärischer Gewalt absichern.
Er tut es. Unwillig, aber er tut es. Ein Offizier führt Befehle aus.
Dann kommt Hitler. Rundstedt ist kein Nationalsozialist. Er verachtet diesen Gefreiten, so nennen die Offiziere alter Schule Hitler nach seinem höchsten Dienstgrad im Ersten Weltkrieg.
Für Rundstedt sind die Nationalsozialisten Straßenkämpfer in braunen Hemden. Im Februar 1934 blockiert Rundstedt zusammen mit General Wilhelm von Leeb die Ernennung des nationalsozialistisch gesinnten Generals Walter von Reichenau zum Oberbefehlshaber des Heeres.
Er stellt sich schützend vor General Werner von Fritsch, als dieser mit erfundenen Anschuldigungen aus dem Amt gedrängt wird. Aber er tritt nie offen auf. Er schließt sich keiner Verschwörung gegen Hitler an.
Er sagt niemals laut Nein. Stattdessen geht er einfach in den Ruhestand. Am 31.
Oktober 1938, mit 63 Jahren, verlässt Gerd von Rundstedt die Armee. Es scheint, als sei das endgültig.
Der Ruhestand dauert zehn Monate. Am 1. September 1939 überschreiten deutsche Truppen die polnische Grenze.
Das ist der Beginn des Zweiten Weltkrieges und der Moment, in dem Rundstedt wieder gebraucht wird. Hitler holt ihn persönlich in den Dienst zurück. Der 64-jährige General erhält den Oberbefehl über die Heeresgruppe Süd, eines von zwei Stoßkeilen, die Polen zerschlagen sollen.
Warum wählt Hitler einen Mann, der ihn offen verachtet hat? Die Antwort ist einfach: Reputation. Rundstedt ist eine lebende Legende.
Seine Anwesenheit verleiht dem Feldzug Gewicht. Jüngere Generäle respektieren ihn, die Soldaten vertrauen ihm. Der Polenfeldzug dauert fünf Wochen.
Rundstedts Armeen nehmen Lublin am 11. September. Bis zum 6.
Oktober ist der organisierte Widerstand gebrochen. Warschau kapituliert.
Schon damals zeigen sich erste beunruhigende Zeichen. Einige Einheiten erschießen Kriegsgefangene und Zivilisten, besonders jüdische. Ein Teil dieser Verbrechen geht auf das Konto der Schutzstaffel.
Aber an manchen sind auch reguläre Heereseinheiten beteiligt. Rundstedts Biograf wird später schreiben, es gebe keine Beweise, dass er diese Taten gebilligt oder gefördert habe. Er beschwert sich sogar beim Chef des Generalstabes Franz Halder über das Dulden solcher Vorfälle.
Aber er stoppt sie nicht. Er tritt nicht zurück. Er spricht nicht öffentlich.
Ein Offizier führt Befehle aus. Politik ist für andere.
Mai 1940, der Westfeldzug. Rundstedt kommandiert die Heeresgruppe A, den Hauptschlag durch die Ardennen. Hier unterstützt er den Plan des jungen Generals Erich von Manstein, einen Stoß durch die unpassierbaren Wälder vorbei an der Maginotlinie.
Ein riskanter, genialer, unorthodoxer Plan. Sieben Panzerdivisionen, drei motorisierte Divisionen, 35 Infanteriedivisionen, alle unter Rundstedts Oberbefehl.
Am 14. Mai brechen Guderians Panzer bei Sedan über die Maas. Eine Woche später stehen sie am Ärmelkanal.
Doch hier trifft Rundstedt eine Entscheidung, über die Historiker bis heute streiten. Er stimmt dem Befehl zu, die Panzer vor Dünkirchen anzuhalten. Die Infanterie soll die Panzerverbände einholen.
330. 000 britische und französische Soldaten werden über den Ärmelkanal evakuiert. Das Wunder von Dünkirchen.
War das Rundstedts Fehler oder Hitlers Befehl? Die Debatten dauern an.
Für unsere Geschichte ist jedoch etwas anderes entscheidend. Schon hier zeigt sich Rundstedts Vorsicht, sein Unwille, zu weit zu riskieren, sein Vertrauen in die klassische Doktrin. Am 19.
Juli 1940 erhält Rundstedt den Rang eines Generalfeldmarschalls, die höchste militärische Auszeichnung des Dritten Reiches. Er ist 65 Jahre alt. Er könnte als Sieger in den Ruhestand gehen.
Stattdessen wartet der Osten auf ihn.
Am 22. Juni 1941 um 3:15 Uhr am frühen Morgen überschreiten rund drei Millionen deutsche Soldaten die Grenze zur Sowjetunion. Operation Barbarossa, die größte Militäroperation in der Geschichte der Menschheit.
Rundstedt führt wieder die Heeresgruppe Süd. Unter seinem Kommando stehen Infanteriedivisionen und fünf Panzerdivisionen. Sein Auftrag: Die Ukraine erobern, ihr Getreide, ihre Kohle, ihren Stahl und danach weiter vorstoßen zum Kaukasus und zum Öl.
In den ersten Wochen scheint alles ein einziger Triumph zu sein. Bei Uman vernichten Rundstedts Armeen die 6. und die 12.
sowjetische Armee. Vor Kiew gelingt ihnen ein noch größerer Schlag. Sie schließen die gesamte Südwestfront ein.
Rund 665. 000 Rotarmisten geraten in Gefangenschaft. Ein Rekord, der bis zum Ende des Krieges nicht übertroffen wird.
Doch mit jedem Kilometer nach Osten verschlechtert sich die Lage. Die Nachschublinien werden länger und fragiler. Die sowjetischen Eisenbahnen haben eine andere Spurweite.
Deutsche Waggons passen nicht auf die Schienen. Straßen verwandeln sich in Schlammgräben. Der Treibstoff wird knapp.
Die Munitionsbestände schrumpfen. Vor allem aber wirken die sowjetischen Reserven unerschöpflich. Eine Armee wird zerschlagen, und an ihrer Stelle steht bald eine neue.
Eine Stadt wird genommen, doch sie muss gehalten, versorgt, verteidigt werden. Jeder gewonnene Kilometer nach vorn ist ein weiterer Kilometer, den man schützen muss.
Im Herbst 1941 richtet Hitler seine Aufmerksamkeit auf zwei Punkte. Moskau im Norden und Rostow am Don im Süden. Rostow, eine Stadt am Zusammenfluss von Don und Donets, rund 500.
000 Einwohner, ein wichtiger Industrieort, vor allem aber das Tor zum Kaukasus. Durch Rostow verläuft die einzige große Eisenbahnlinie nach Süden. Wer Rostow hält, öffnet den Weg zu den Ölfeldern.
Wer Rostow verliert, sieht den Kaukasus nur noch auf der Karte.
Für den Angriff auf Rostow steht Rundstedt die 1. Panzerarmee unter General Ewald von Kleist zur Verfügung. Kleist, ebenfalls ein Spross des preußischen Adels, geboren 1881 in Pommern, ein Kavallerieoffizier alter Schule, der in Frankreich eine Panzergruppe geführt hat, jene, die durch die Ardennen brach.
Seine Armee besteht aus vier Korps: dem 3. Korps, dem 14. motorisierten Korps, dem 49.
Gebirgskorps. Dazu kommt die Leibstandarte Adolf Hitler, eine ausgewählte SS-Division.
Auf dem Papier ist das eine gewaltige Streitmacht. In der Realität ist sie ausgelaugt, überdehnt und ohne Winterausrüstung weit nach vorne geworfen. Trotzdem befiehlt Hitler: Rostow muss vor Einbruch des Winters genommen werden.
Oktober 1941. Die ukrainischen Steppen versinken im Schlamm. Rasputiza, so nennen die Russen diese Zeit des völligen Wegebrechens.
Es ist die Saison, in der unbefestigte Straßen sich in eine zähe Masse aus Lehm verwandeln, die alles verschluckt, was sich bewegt. Für eine mechanisierte Armee ist die Rasputiza eine stille Katastrophe.
Panzer stecken bis zum Turm fest. Lastwagen versinken bis zur Ladefläche. Pferde brechen unter der Last zusammen.
Soldaten versuchen, Fahrzeuge mit Leinen und Brettern freizuschleppen und bleiben selbst knietief im Morast stecken. Das Vorrücken der 1. Panzerarmee verlangsamt sich so sehr, dass die Stabsoffiziere die Marschleistung nicht mehr in Kilometern, sondern in Metern pro Tag notieren.
Nicht Kilometer. Meter.
Am 17. Oktober überschreitet die 14. Panzerdivision den Fluss Mius und nimmt Taganrog.
Die Gebirgseinheiten rücken in Stalino ein, das heutige Donezk. Doch bis nach Rostow sind es immer noch weit mehr als 100 Kilometer, und jeder einzelne kostet Menschenleben und Gerät. General Kleist schickt ein Warnschreiben nach dem anderen.
Der linke Flügel ist ungeschützt. Im Norden sammeln sich sowjetische Kräfte. Panzer verlieren in der Kälte an Zuverlässigkeit.
Das Öl wird zäh. Motoren springen nicht an, Getriebe versagen. Seine Meldungen verhallen.
Am 11. Oktober erklärt Hitler, die Schlacht am Asowschen Meer sei beendet. Als Gedenkzeichen ordnet er an, die Brigade Leibstandarte in eine vollwertige Division umzubenennen.
Die Truppen haben ihr Ziel noch nicht erreicht, aber der Führer feiert bereits einen Sieg.
Anfang November erleidet Rundstedt einen Herzinfarkt. Er ist 66 Jahre alt, hat fünf Monate im Feld verbracht, meist nur wenige Stunden pro Nacht geschlafen. Die Ärzte drängen auf eine Einweisung ins Lazarett.
Rundstedt lehnt ab. Der Angriff auf Rostow soll weitergehen, und irgendjemand muss das Kommando behalten, wenn die Lage außer Kontrolle gerät.
Am 17. November 1941 beginnt der Sturm auf Rostow. Die Temperaturen fallen unter den Gefrierpunkt.
Nach wochenlangem Regen kommt der Frost, und der Schlamm erstarrt zu Stein. Die Panzer können wieder rollen, doch der Winter hat seinen eigenen Preis. Die Soldaten haben keine Winteruniformen.
Leichte Sommerstiefel frieren durch. Erfrierungen breiten sich aus. Wunden verheilen schlecht.
Die Kälte verlangsamt den Kreislauf.
Am 19. November erreicht die 1. Panzerarmee die Vororte der Stadt.
Sie nimmt die Brücken über den Don. Am 21. November dringen deutsche Verbände in Rostow ein.
Mehrere Tage lang wird in den Straßen gekämpft. Die 56. Sowjetarmee verteidigt sich hartnäckig.
Jedes Haus, jede Kreuzung wird umkämpft. Deutsche Sturmgeschütze holen Scharfschützen aus den Fenstern. Sowjetische Gegenangriffe rollen in Wellen heran.
Doch bis zum 24. November steht die Stadt unter Kontrolle der Wehrmacht.
Rostow am Don, das Tor zum Kaukasus, scheint Deutschland zu gehören. Es hätte ein Triumph sein sollen. Stattdessen markiert dieser Moment den Anfang einer Katastrophe.
Die Nachschublinien sind nun über fast 300 Kilometer gestreckt. Treibstoff wird in Mengen herangefahren, die kaum noch zum Fahren, geschweige denn zum Kämpfen reichen. Die Munition neigt sich dem Ende zu.
Vor allem aber hängt der linke Flügel der 1. Panzerarmee in der Luft.
Das 3. motorisierte Korps von General Eberhard von Mackensen hält die Front nördlich von Rostow. Diese Linie ist so dünn, dass sie eher einem Bleistiftstrich auf der Karte gleicht als einem Schutzwall.
Es gibt keine nennenswerten Reserven. General Kleist meldet immer wieder nach oben: Meine Truppen sind überlastet. Die Panzer leiden in der Kälte.
Der linke Flügel ist gefährdet. Rundstedt gibt diese Warnungen weiter an Brauchitsch, an Halder, an Hitler. Die Antwort bleibt unverändert: Rostow muss gehalten werden.
Währenddessen verändert sich auf sowjetischer Seite die Lage, schneller als die deutsche Aufklärung es erfassen kann. Der Oberbefehlshaber der Südfront, Generaloberst Jakow Tscherewitschenko, erhält Verstärkungen. Die 37.
Armee, frisch aufgestellt, tritt in den Raum. Ihr Kommandeur ist Generalleutnant Anton Lopatin. Lopatin ist 46 Jahre alt, Veteran des Bürgerkriegs, ein harter und fordernder Kommandeur, der Rückzüge nicht duldet.
Seine Armee konzentriert sich nördlich von Rostow im Raum Nowotscherkassk. Ihr Auftrag: den linken Flügel des deutschen Keils angreifen und die 1. Panzerarmee vom Rest der Heeresgruppe Süd abschneiden.
Parallel dazu agiert Marschall Semjon Timoschenko, der Oberbefehlshaber der gesamten Südwestachse. Er koordiniert die Operationen dreier Fronten und bereitet einen umfassenden Gegenangriff vor. Die sowjetische Führung zieht ihre Lehren aus den Fehlern des Sommers.
Keine zerstreuten Schläge mehr, keine improvisierten Stoßtrupps. Stattdessen Konzentration der Kräfte an einer entscheidenden Stelle.
Bis zum 27. November sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Um 6 Uhr morgens beginnt der Gegenangriff.
Die 37. Armee schlägt von Norden zu. Die 56.
und die 9. Armee greifen aus anderen Richtungen an. Insgesamt stehen mehr als 100.
000 sowjetische Soldaten in der Angriffsformation. Das 3. motorisierte Korps Mackensen gerät unter einen Druck, dem es auf Dauer nicht standhalten kann.
Die 14. Panzerdivision tritt den Rückzug an. Dahinter weicht die 16.
Panzerdivision. Die SS-Division Wiking geht kämpfend zurück. Die Leibstandarte Adolf Hitler hält länger durch als andere Verbände, muss schließlich aber ebenfalls zurückweichen.
Die Front beginnt zu bröckeln. Erst in Rissen, dann in ganzen Stücken.
Am 28. November trifft Generalfeldmarschall von Rundstedt eine Entscheidung, die sein weiteres Schicksal bestimmen wird. Er befiehlt den allgemeinen Rückzug.
Alle Verbände der 1. Panzerarmee sollen Rostow räumen und sich auf die Linie des Flusses Mius zurückziehen. Die Stadt, die unter hohen Opfern genommen worden war, wird aufgegeben.
Die Truppen weichen rund 80 Kilometer nach Westen aus.
Es ist keine kopflose Flucht. Es ist ein geordneter Rückzug auf vorbereitete Stellungen. Die Miusstellung ist seit Oktober im Ausbau.
Dort gibt es Befestigungen. Dort lässt sich eine Verteidigung organisieren. Rundstedt weiß: Rostow zu halten ist unmöglich.
Jeder Versuch, die Stadt um jeden Preis zu verteidigen, würde in einer Einkesselung und Vernichtung der gesamten Armee enden. Etwa 100. 000 Soldaten, Hunderte von Panzern.
Lieber die Stadt verlieren als die Armee.
Er legt seine Entscheidung in einem Bericht nach Berlin vor. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Walter von Brauchitsch, stimmt zu. Der Generalstabschef Franz Halder ebenfalls.
Nur Hitler nicht. Am 29. November erhält der Führer Nachricht vom nicht genehmigten Rückzug.
Zeitzeugen beschreiben seine Reaktion als Ausbruch wütender Raserei. Es folgt ein klarer Gegenbefehl. Der Rückzug ist sofort zu stoppen.
Rostow ist zu halten. Es gilt, bis zum letzten Mann zu stehen.
Rundstedt liest den Befehl und schickt eine Antwort, kurz, scharf, in ihrer Form beispiellos. Erstens können die Truppen das nicht leisten. Zweitens werden sie vernichtet, wenn sie nicht zurückgehen.
Ich bestehe darauf, dass dieser Befehl aufgehoben wird. Oder Sie suchen sich jemand anderen. Das ist keine Bitte.
Das ist ein Ultimatum. Der alte Preuße, der sein Leben lang daran geglaubt hat, dass ein Offizier Befehle ausführt, sagt zum ersten Mal: Nein.
Hitler zögert nicht lange. Am 1. Dezember 1941 rattert früh am Morgen der Fernschreiber im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd.
Generalfeldmarschall von Rundstedt ist als Oberbefehlshaber abgelöst. Sein Nachfolger wird Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, der bisherige Kommandierende der 6. Armee, der sich in der Nähe befindet und das Kommando sofort übernehmen kann.
Reichenau ist in vielem das genaue Gegenteil von Rundstedt. Jünger, energischer, rund zehn Jahre weniger auf dem Buckel. Ein fanatischer Sportler, Marathonläufer, Fünfkämpfer, vor allem aber ein überzeugter Nationalsozialist, einer der wenigen Generäle, die Hitler schon vor 1933 offen unterstützt haben.
Es ist derselbe Reichenau, dessen Ernennung zum Oberbefehlshaber des Heeres Rundstedt und Leeb im Jahr 1934 verhindert hatten. Nun tritt er an Rundstedts Stelle.
Reichenau trifft ohne Verzögerung im Hauptquartier ein. Er übernimmt das Kommando, lässt sich die Lage an der Front im Detail schildern und studiert die Meldungen. Nach wenigen Stunden ist ihm klar: Rundstedt hat recht gehabt.
Die Situation entspricht genau den Warnungen seines Vorgängers. Die 1. Panzerarmee weicht zurück.
Die sowjetischen Verbände verstärken ihren Druck. Jeder Versuch, den Rückzug zu stoppen und Rostow um jeden Preis zu halten, würde in einem Desaster enden.
Reichenau nimmt Verbindung nach Berlin auf. Er spricht mit Halder. Erläutert die Lage, die Gefahren, die Grenzen der eigenen Kräfte.
Noch am selben Abend, keine 24 Stunden nach Rundstedts Entlassung, gibt Reichenau den Befehl: Der Rückzug wird fortgesetzt. Die Truppen ziehen sich auf die Miuslinie zurück, genauso wie Rundstedt es geplant hatte.
Am 3. Dezember 1941 fliegt Hitler persönlich nach Poltawa. Es ist ein außergewöhnlicher Schritt.
Der Führer besucht den Frontbereich nur selten. Die Absetzung des rangältesten Generalfeldmarschalls der Wehrmacht ist kein Routinevorgang. In Poltawa warten Reichenau und der Kommandeur der Leibstandarte, Sepp Dietrich, auf ihn.
Beide überzeugte Nationalsozialisten. Beide aber auch fest davon überzeugt, dass Rundstedt richtig gehandelt hat.
Der Chef des Stabes der Heeresgruppe, Georg von Sodenstern, legt Hitler die Lage dar, mit Karten, Zahlen, Verluststatistiken, mit Berichten über Straßenzustände, Wetter, Treibstoffvorräte. Hitler hört zu, und je länger er zuhört, desto mehr verliert sich sein Zorn. Am Ende des Gesprächs räumt er ein, widerwillig, fast zwischen zusammengebissenen Zähnen, dass der Rückzug notwendig gewesen ist.
Dann kommt es zu einem persönlichen Gespräch mit Rundstedt. Diese Unterredung wirkt seltsam. Hitler entschuldigt sich.
Er spricht von einem Missverständnis. Er bietet dem Feldmarschall an, Urlaub zu nehmen und später seine unschätzbaren Dienste wieder zur Verfügung zu stellen. Rundstedt hört sich das an.
Er akzeptiert die halbe Entschuldigung. Am 5. Dezember verlässt er Poltawa mit einem Sonderzug und fährt nach Kassel.
An die Ostfront wird er nicht zurückkehren.
Einige Tage nach seiner Rückkehr nach Deutschland, am 6. Dezember, an seinem 66. Geburtstag, erhält Rundstedt ein besonderes Geschenk des Führers: einen Scheck über 250.
000 Reichsmark. Es ist Teil von Hitlers System, die Loyalität der höchsten Offiziere mit Geld, Gutshöfen und Landbesitz zu sichern. Rundstedt lehnt nicht ab, aber er nutzt das Geld auch nicht.
Er übergibt den Scheck seiner Schwiegertochter. Die Summe bleibt unangetastet bis zu seinem Tod im Jahr 1953.
Während in den Stäben politische Spiele und persönliche Eitelkeiten aufeinanderprallen, geht der Krieg an der Front weiter. Die 1. Panzerarmee zieht sich wie von Rundstedt vorgesehen auf den Mius zurück.
Geordnet im Kampf, aber ohne Zusammenbruch der Disziplin. Die Miuslinie, ein Verteidigungsriegel, dessen Ausbau General Kleist bereits im Oktober angestoßen hat.
Der Mius selbst ist ein eher unscheinbarer Fluss, ungefähr 250 Kilometer lang. Er entspringt im Donez-Hügelland und mündet in den Taganrog-Golf des Asowschen Meeres. Nichts, was ihn einzigartig erscheinen lässt.
Wäre da nicht ein wichtiges Detail: Das Westufer liegt höher als das Ostufer. Für Verteidiger ist das ein Geschenk. Jeder Angreifer, der von Osten kommt, muss den Fluss unter Beschuss überqueren und dann eine Böschung hinaufstürmen, während oben Maschinengewehre und Geschütze warten.
Die Deutschen nutzen die Wochen vor dem Rückzug, um die Stellung massiv auszubauen. Betonbunker werden gegossen, Scharten für Maschinengewehre angelegt, Artilleriestellungen vermessen, Panzergräben ausgehoben, Minenfelder gelegt, stellenweise bis zu 200 Meter tief. Die Dichte der Befestigungen liegt bei schätzungsweise 20 bis 30 Bunkern pro Quadratkilometer.

Für den Bau wird Zwangsarbeit eingesetzt. Menschen aus der Umgebung, Frauen, Kinder, Alte müssen schuften. Häuser werden abgetragen, um Bretter und Ziegel zu gewinnen.
Schienen aus den Zechen der Region werden herausgerissen und verbaut. Aus heutiger Sicht ist das ein klares Unrecht. Aus Sicht des deutschen Oberkommandos erscheint es als militärische Notwendigkeit.
Beide Wahrheiten stehen nebeneinander.
Anfang Dezember erreicht die 1. Panzerarmee die Miusstellung und gräbt sich ein. Die sowjetischen Truppen folgen nach, setzen nach, stoßen an, aber sie schaffen es nicht, die neue Verteidigung zu durchbrechen.
Rostow bleibt in sowjetischer Hand. Am 28. November ist die Stadt befreit worden, die erste größere Stadt, die die Rote Armee von den Deutschen zurücknimmt.
Doch die Front kommt zum Stillstand, und die Armee, die in Rostow hätte untergehen können, ist gerettet.
Die Schlacht um Rostow geht in die Geschichte ein als der erste größere Rückzug der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Bis dahin kannten die deutschen Armeen im Grunde nur eine Richtung: vorwärts. Polen, Norwegen, Frankreich, der Balkan, die Sowjetunion.
Überall rückten sie vor, manchmal langsamer, manchmal schneller, aber immer in die gleiche Richtung. Rostow ist der erste Bruch in diesem Muster.
Das hat eine enorme psychologische Wirkung auf beide Seiten. Für die sowjetischen Soldaten ist es der Beweis, dass die Deutschen verwundbar sind, dass sie nicht allmächtig sind, dass auch sie zurückgehen, fallen, Angst haben. Für die deutschen Soldaten ist es ein erstes Warnsignal, ein feiner Riss im Mythos von der Unbesiegbarkeit, ein Hinweis darauf, dass dieser Krieg länger und härter werden könnte, als Hitler versprochen hat.
Für die oberste Führung der Wehrmacht ist Rostow eine Lektion. Eine Lektion, die Hitler nicht annehmen will. Die Lehre ist im Grunde schlicht: Die Wirklichkeit ist stärker als der Wille.
Man kann befehlen, bis zum letzten Mann zu halten, aber wenn es keinen Treibstoff, keine Munition, keine Reserven mehr gibt, geht eine Armee unter. Nicht weil ihr der Mut fehlt, sondern weil ihr die Mittel fehlen.
Rundstedt versteht das. Kleist versteht es. Reichenau ebenfalls, sobald er die Frontlage mit eigenen Augen gesehen hat.
Hitler versteht es nicht. Er zieht aus Rostow eine ganz andere Konsequenz. Für ihn liegt das Problem nicht in der Strategie, sondern in den Generälen.
Sie sind zu vorsichtig, zu alt, zu sehr preußisch im alten Sinn. Was es seiner Meinung nach braucht, ist fanatischer Wille, Glaube an den Sieg, Standhalten bis zum Letzten. Dann, so glaubt er, werde sich die Realität der Parole beugen.
Diese Denkschablone wird er vor Moskau anwenden, in Stalingrad, bei Kursk, überall mit demselben Ergebnis. Aber das ist bereits ein anderes Kapitel.
Reichenau bleibt nur wenige Wochen Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd. Am 17. Januar 1942 stirbt er an einem Herzinfarkt.
Er ist 57 Jahre alt. Die Last des Kommandos unter Winterbedingungen war zu groß, selbst für den durchtrainierten Sportsmann. Er ist nicht der einzige, den dieser Winter aus den oberen Führungsreihen reißt.
Brauchitsch, der Oberbefehlshaber des Heeres, erleidet ebenfalls einen Herzinfarkt und wird entlassen. Bock, Chef der Heeresgruppe Mitte, wird krank und bittet um seine Ablösung. Guderian, Hoepner und andere Panzerführer werden ihres Kommandos enthoben oder abgesetzt.
Hitler zieht daraus seinen eigenen Schluss. Er übernimmt selbst den Oberbefehl über das Heer. Er ist fortan Führer und oberster Befehlshaber in einer Person.
Diese Entscheidung prägt den weiteren Verlauf des Krieges. Von nun an muss jeder größere Operationsbefehl, jeder Rückzug, jeder größere Manövervorschlag durch Hitlers Schreibtisch. Die Folge: Unbeweglichkeit, Verzögerung, Befehle, die zu spät kommen, Rückzugsverbote, obwohl ein geordneter Rückzug die einzige Rettung wäre.
Stalingrad ist eine direkte Folge dieser Art zu führen. Die 6. Armee hat zwischenzeitlich die Erlaubnis zum Ausbruch in Aussicht.
Hitler verweigert sie. Rund 200. 000 Soldaten geraten in Gefangenschaft.
Eine gesamte Armee hört auf zu existieren.
Und Rundstedt? Im März 1942 holt Hitler ihn erneut in den Dienst. Diesmal in den Westen, als Oberbefehlshaber West, verantwortlich für die Verteidigung des Atlantikwalls.
Der alte Preuße wird wieder gebraucht. Er bleibt dort bis Juli 1944, bis zur Invasion in der Normandie. Wird entlassen, zurückgerufen, wieder entlassen, endgültig im März 1945.
Vier Entlassungen in einem Krieg. Ein Rekord, den kein anderer deutscher General erreicht.
Die Miuslinie, auf die sich die 1. Panzerarmee zurückzieht, entwickelt sich zu einem der stärksten Verteidigungsriegel an der Ostfront. Die sowjetischen Truppen versuchen zweimal, diesen Gürtel zu durchbrechen.
Das erste Mal zwischen Dezember 1941 und Juli 1942. Das zweite Mal zwischen Februar und August 1943. Beide Male ohne endgültigen Erfolg.
Erst im August 1943, während der strategischen Donbasoffensive, gelingt es den Verbänden der Südfront, die deutsche Stellung bei dem Dorf Kuibyschewo zu brechen.
Zwei Jahre lang hält eine Linie, die in der Situation des Rückzugs errichtet wurde, mit Hilfe von Zwangsarbeit, mit Material, das man Häusern und Gruben entrissen hat. Allein das zeigt, wie richtig Rundstedts Entscheidung war, genau dorthin zurückzugehen. Nicht weiter nach Westen, nicht näher bei Rostow, genau auf den Mius.
Er kennt das Gelände. Er kennt die Leistungsfähigkeit seiner Truppen. Er weiß, wo man sich festsetzen kann und wo nicht.
Hitler weiß das nicht. Er sieht Karten und Pfeile. Rundstedt sieht Straßen, Distanzen, Wetter, erschöpfte Männer.
Er sieht Realität.
Was bleibt also? Die Geschichte eines alten Generals, der sich weigert, den Befehl eines Diktators auszuführen und damit eine Armee rettet. Das klingt einfach.
In Wahrheit ist es komplizierter. Rundstedt ist kein Held im klassischen Sinn, kein Kämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er schließt sich keiner Verschwörung gegen Hitler an.
Im Gegenteil, er sitzt im sogenannten Ehrengericht, das nach dem Attentat vom 20. Juli Offiziere aus der Armee ausschließt und sie damit der Gestapo ausliefert. Er nimmt Geldgeschenke Hitlers an.
Er gibt den Scheck zwar weiter und nutzt das Geld nicht persönlich, aber er lehnt es auch nicht ab.
Er führt Armeen, unter deren Verantwortung schwerste Verbrechen geschehen. Die Hungerkatastrophe in der Ukraine in den Jahren 1941 und 1942 ist zum Teil die Folge der Politik des Lebens aus dem Land, die die Truppen in seinem Befehlsbereich mit durchsetzen. Rundstedt ist kein moralischer Anführer, kein Mann klarer Prinzipien.
Er ist ein Fachmann, ein Militärprofi alter Schule, für den der Erhalt seiner Armee wichtiger ist als die Prestigepläne seines politischen Chefs.
Und genau das rettet die Lage bei Rostow. Denn manchmal braucht es keinen Helden, sondern jemanden, der sein Handwerk beherrscht. Rundstedt beherrscht es.
Er sieht, was Hitler nicht sehen will: leere Vorratslager, zerrissene Verbindungswege, das wachsende Gewicht der gegnerischen Kräfte. Er versteht, dass nur noch wenige Tage bleiben, bis die Armee eingekesselt wäre. Und er sagt Nein.
Nicht aus moralischem Aufbegehren, nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus rein fachlicher Einsicht.
Darin liegt zugleich Größe und Tragik seiner Figur. Größe, weil er in diesem Moment das Richtige tut. Tragik, weil er in so vielen anderen Momenten das Falsche mitträgt.
Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist voll von solchen Gestalten. Profis, die einem verbrecherischen System dienen, Spezialisten, deren Fähigkeiten für Krieg und Vernichtung genutzt werden. Rundstedt ist einer von ihnen.
Nicht der Schlimmste, aber auch nicht unschuldig.
Er stirbt im Jahr 1953 in Hannover. Er ist 77 Jahre alt, der letzte der großen preußischen Feldmarschälle. Ein Erbe einer Tradition, die bis zu Friedrich dem Großen zurückreicht.
Sein Biograf nennt ihn den letzten Preußen. Ein treffendes Bild. Preußen, das ist Disziplin ohne Gewissen, Professionalität ohne Moral, Dienst ohne Fragen.
Rundstedt verkörpert all das, das Gute daran und das Zerstörerische.
Er rettet bei Rostow eine Armee. Das ist eine Tatsache. Er dient einem Regime, das Millionen tötet.
Das ist ebenfalls eine Tatsache. Geschichte ist selten schwarz oder weiß, meistens ist sie grau. In diesen Grautönen zeigt sich die Wahrheit über Menschen, die Geschichte machen.
Eine Wahrheit, die nicht beruhigt, sondern aufwühlt. Eine Wahrheit, die eine leise Frage stellt: Was hätte ich an seiner Stelle getan? Diese Frage bleibt unbeantwortet.
Aber gerade solche Fragen machen Geschichte wichtig, nicht als Sammlung von Daten und Zahlen, sondern als Spiegel, in den wir schauen und uns selbst darin erkennen.