KURT TUCHOLSKY: ER LIEBTE DREI FRAUEN, EINE ENDETE IN AUSCHWITZ

KURT TUCHOLSKY: ER LIEBTE DREI FRAUEN, EINE ENDETE IN AUSCHWITZ

Im Sommer 1927 stapelten sich auf dem Schreibtisch eines Berliner Redakteurs fünf Manuskripte, die alle für dieselbe Ausgabe bestimmt waren. Ein politischer Kommentar von Ignatz Wrobel, eine Theaterkritik von Peter Panther, ein Gedicht von Theobald Tiger, eine Betrachtung von Kaspar Hauser und ein Reisebericht unter einem fünften Namen. Fünf Stimmen, fünf Handschriften, fünf Temperamente – und nur ein einziger Mann, der sie alle erfunden hatte: Kurt Tucholsky. Geboren wurde er am 9.

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Januar 1890 in der Lübecker Straße 13 in Berlin-Moabit. Der Vater, ein Bankdirektor, starb 1905, als Kurt 15 Jahre alt war. Die Mutter galt als dominant und erdrückend. Der Junge wuchs in einem wohlhabenden, assimilierten jüdischen Haushalt auf.

Man sprach Deutsch, man ging ins Theater statt in die Synagoge. Nach dem Abitur am französischen Gymnasium veröffentlichte er mit 17 seinen ersten Text in der Zeitschrift „Ulk“. Er studierte Jura in Berlin, Genf und Jena, wo er 1912 promovierte. Doch die Dissertation verschwand in den Archiven – der junge Mann wusste, dass er nie Jurist sein würde.

Wichtiger war dasselbe Jahr: Er schrieb mit „Reinsberg, ein Bilderbuch für Verliebte“ sein erstes Buch, eine zarte Liebesgeschichte über seinen Sommer mit der Medizinstudentin Else Weil, die er in dem Buch „Claire“ nannte. Bis 1932 verkaufte sich das schmale Bändchen über 100. 000 Mal. Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“ (zuvor „Die Schaubühne“), entdeckte das Talent des jungen Mannes und bot ihm eine Plattform.

1915 wurde Tucholsky eingezogen und an die Ostfront geschickt. Statt als Held kehrte er als ein Mann zurück, der beschlossen hatte, den Krieg so zu beschreiben, wie er wirklich war: dreckig und sinnlos. Während des Kriegs ließ er sich 1918 protestantisch taufen – nicht aus Glauben, sondern aus Kalkül, um die unsichtbaren Barrieren zu umgehen, die jüdischen Intellektuellen in jener Zeit gesetzt waren. Im Mai 1920 heiratete er Else Weil, die „Claire“ aus Reinsberg.

Die Ehe scheiterte nach vier Jahren. Am 30. August 1924 heiratete er Mary Gerold, eine selbstbewusste junge Frau, die er „Mariechen“ nannte und die zur großen Leidenschaft seines Lebens wurde. Seine produktivste Zeit begann: Als Korrespondent in Paris schrieb er Hunderte Texte pro Jahr – politische Analysen, Gedichte, Kabarettverse.

Bis zu vier Beiträge pro Ausgabe erschienen unter verschiedenen Pseudonymen, die längst zu eigenen Persönlichkeiten geworden waren. Am 3. Dezember 1926 starb Siegfried Jacobsohn plötzlich an einem Schlaganfall. Karl von Ossietzky übernahm die Weltbühne.

Doch die Dynamik veränderte sich. Die Arbeit füllte weiterhin das Leben des Pariser Korrespondenten, aber ein Riss blieb. Neben Mary gab es in Berlin eine weitere Frau: Lisa Matthias, die ihn später als frechen und zugleich zärtlichen Menschen beschrieb, der keine der Beziehungen dauerhaft führen konnte. 1929 erschien das Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ mit Fotomontagen von John Heartfield.

Es war eine Anklageschrift gegen Militarismus, Bürokratie und Nationalismus – schonte aber auch die Linke nicht. Die Rechten nannten ihn Verräter, die Linken Provokateur. Er stand nicht auf der Seite einer Partei, sondern auf der Seite der Wahrheit. Im selben Jahr reiste er mit Mary nach Schweden und entdeckte das Schloss Gripsholm.

Daraus entstand 1931 seine letzte heitere Erzählung – und ein Abschied: Die Ehe mit Mary zerbrach, ohne offizielle Scheidung. 1930 zog Tucholsky in den Ort Hindås bei Göteborg, in ein Haus am See. Am 4. August 1931 erschien in der Weltbühne sein Aufsatz „Der bewachte Kriegsschauplatz“ unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel.

Mitten in der Argumentation standen vier Worte: „Soldaten sind Mörder. “ Die Reichswehr tobte, nationale Verbände forderten Strafverfolgung. Ein Verfahren wegen Beleidigung wurde eingeleitet. Zu jener Zeit was die Weltbühne wegen eines anderen Artikels bereits ins Visier der Justiz geraten: 1929 hatte sie enthüllt, dass die Reichswehr heimlich aufrüstete.

Herausgeber Karl von Ossietzky wurde im November 1931 wegen Landesverrats zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Er blieb, obwohl Freunde ihn zur Flucht drängten – jemand musste da bleiben, so seine Haltung. In seinen letzten Jahren begegnete er der jungen Schweizerin Hedwig Müller, der er den Kosenamen „Nuuna“ gab. In geheimen Tagebüchern hielt er seine Verzweiflung über die unerwiderte Liebe fest.

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, wusste Tucholsky: Er hatte in allem recht behalten – und genau das machte es unerträglich. Nach 1932 veröffentlichte er keine einzige Zeile mehr. Es war ein bewusster Verzicht auf das Wort, weil die deutsche Sprache in den Händen der Feinde lag.

Chronische Schmerzen und eine tiefe Erschöpfung kamen hinzu. Am 10. Mai 1933 brannten seine Bücher auf öffentlichen Plätzen. Am 23.

August 1933 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Er blieb wortlos. Am 20. Dezember 1935 nahm er eine Überdosis Veronal.

Seine Haushälterin Gertrude Meyer fand ihn bewusstlos. Am Abend des 21. Dezember 1935 starb Kurt Tucholsky in einem Krankenhaus in Göteborg – 45 Jahre alt, ohne Abschiedsworte. Ob es ein bewusster Freitod war oder die jahrelange Gewöhnung an Barbiturate die Grenze zum Tod verwischt hatte, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten.

Seine Asche wurde in Mariefred beigesetzt, in der Nähe des Schlosses, das seiner letzten Erzählung den Namen gegeben hatte. Das Grab ist schlicht: ein Stein, ein Name, zwei Jahreszahlen. Die Geschichte seiner Hinterbliebenen ist von dunkler Tragik. Seine erste Frau Else Weil wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Sein Freund Karl von Ossietzky starb 1938 in einer Berliner Klinik an den Folgen der KZ-Haft – nicht ohne vorher, im November 1936, aus dem Konzentrationslager heraus den Friedensnobelpreis erhalten zu haben, den das Regime ihm zu verbieten suchte. Lisa Matthias überlebte und schrieb 1962 mit „Ich war Tucholskys Lottchen“ ein lebendiges Erinnerungsbuch. Hedwig Müller schwieg ein Leben lang öffentlich. Und Mary Gerold widmete die letzten 52 Jahre ihres Lebens dem Vermächtnis des Mannes, der sie verlassen hatte: Sie rettete den Nachlass, ordnete Manuskripte und Briefe und bereitete die Wiederentdeckung ihres Mannes vor.

Sie starb 1987 in Rottach-Egern, 89 Jahre alt. In den 1960er Jahren entdeckte die Studentenbewegung Tucholsky wieder. Seine politischen Schriften wurden in Seminaren und auf Demonstrationen zitiert, weil sie wie eine Vorwegnahme der eigenen Kritik klangen. In der DDR vereinnahmte man ihn selektiv als Kronzeugen gegen den Kapitalismus – und verschwieg jene Texte, in denen er auch die Kommunisten angriff.

Im Westen entdeckte man dagegen einen ganzen, widersprüchlichen Menschen. Die Veröffentlichung der „Q-Tagebücher“ 1975 löste eine Debatte über die Grenzen des Intimen aus – weil hier ein Mann offenlag, der sein ganzes Leben hinter Masken verbracht hatte. 1990 wurde in Rheinsberg das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum eröffnet. Und 1995, genau 60 Jahre nach seinem Tod, entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dass der Satz „Soldaten sind Mörder“ von der Meinungsfreiheit geschützt ist.

Deutsche Pazifisten waren zuvor verfolgt worden, weil sie dieses Zitat verwendet hatten. Die vier Worte, auf einem Bücherhaufen in Berlin 1933 zum Verbrennen bestimmt, wurden zum Eckstein eines Grundsatzurteils. Tucholsky erlebte keinen von diesen Triumphen. Er starb in der Überzeugung, dass alles vergeblich war.

Heute zirkulieren seine Sätze in Bibliotheken, Schulbüchern und auf Plakaten – oft ohne Quellenangabe, aber lebendig. Er hatte 20 Jahre lang in fünf Stimmen das ausgesprochen, was viele nicht hören wollten. Die Worte sind geblieben. Sie haben die Flammen, die Diktatur, den Krieg, die Teilung und die Wiedervereinigung überdauert.

Am Ufer eines schwedischen Sees steht ein schlichter Stein mit seinem Namen und zwei Jahreszahlen. Daneben erhebt sich ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert, in dem er sich einmal einen Sommer lang Glück ausgedacht hat – das einzige erträumte Glück, das die Zeiten überdauerte.