Die Geschichte klingt wie aus einem Hollywood-Film, doch sie ist real: Santo Trafficante Jr. war der Pate von Tampa, ein mächtiger Mafiaboss, dessen Einfluss weit über die Grenzen Floridas hinausreichte. Geboren 1914 in Tampa als Sohn sizilianischer Einwanderer, wuchs er in einer Welt auf, die von Ausbeutung und Vorurteilen geprägt war. Zwischen 1880 und 1915 wanderten rund vier Millionen Italiener in die USA ein, viele davon ließen sich in Florida nieder, angelockt von der Arbeit in der Zigarettenindustrie und den Zitrusplantagen.

Doch der Weg war hart: Italienische Einwanderer wurden von den sogenannten „Bossi“ genannten Zwischenhändlern schamlos ausgebeutet, die ihre Löhne kontrollierten und sie in Abhängigkeit hielten. In dieser angespannten Atmosphäre, die von Rassismus und Arbeiterunruhen geprägt war, kam es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen. Ein dokumentierter Fall zeigt die dramatischen Umstände: Ein Italiener wurde während eines Streiks in Tampa gelyncht. Solche Ereignisse schürten die Angst vor der aufstrebenden italienischen Gemeinschaft.
Die „Schwarze Hand“, eine italienische Verbrechensorganisation, trug zusätzlich zur Angst und Feindseligkeit bei. Trotz dieser Widrigkeiten gaben die italienischen Familien nicht auf. Sie etablierten ein blühendes kulturelles Leben mit Musik, Theatern und Festen und schufen so ein Stück Heimat in der neuen Welt. Ihr Einfluss beschränkte sich nicht nur auf die Kultur; auch an der industriellen und landwirtschaftlichen Entwicklung Floridas hatten sie maßgeblichen Anteil und machten den Staat zu einem Zentrum der Obstproduktion.
In dieses Umfeld hinein wurde Santo Trafficante Jr. hineingeboren. Sein Aufstieg in der kriminellen Unterwelt war rasant. Er knüpfte enge Verbindungen zu Kuba und dessen Herrscher Fulgencio Batista, wodurch er die Kontrolle über die Glücksspielgeschäfte in Havanna übernahm.
Diese Verbindungen machten ihn zu einem wertvollen, aber auch umstrittenen Partner des US-Geheimdienstes CIA. Die US-Regierung sah in ihm ein mögliches Werkzeug im Kampf gegen den kommunistischen Revolutionsführer Fidel Castro. Trafficante soll sich auf eine Zusammenarbeit mit der CIA eingelassen haben, allerdings nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus reinem Eigeninteresse. Es ranken sich bis heute hartnäckige Gerüchte um seine genaue Rolle bei den Attentatsplänen der CIA auf Castro.
Diese dubiose Nähe zur CIA und die Verbindungen nach Kuba führten dazu, dass Trafficante auch im Zusammenhang mit der Ermordung von Präsident John F. Kennedy ins Visier der Ermittler geriet. Das Church Committee des US-Senats untersuchte in den 1970er-Jahren die kriminellen Machenschaften der Geheimdienste und widmete sich auch den Verbindungen zwischen der Mafia und der CIA. Trafficante räumte vor dem Komitee zwar ein, von einem Attentatsplan auf Castro gewusst zu haben, bestritt jedoch jegliche Beteiligung an der Ermordung Kennedys.
Diese Aussage wurde von vielen als Schutzbehauptung gewertet, um eine Verwicklung in den tödlichsten Akt der amerikanischen Politik zu vertuschen. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 blieb er eine der schillerndsten und undurchsichtigsten Figuren der amerikanischen Kriminalgeschichte. Sein Leben endete so, wie es begonnen hatte: im Zentrum von Macht, Einfluss und ständiger Bedrohung. Sein Erbe ist ein doppeltes: Er war ein Produkt seiner Umgebung, geprägt von den Kämpfen der italienischen Einwanderer, aber auch ein skrupelloser Geschäftsmann, der keine Skrupel kannte, um sein Imperium zu sichern.
Die Geschichte von Santo Trafficante Jr. ist damit weit mehr als die eines Kriminellen – sie ist ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert, in der sich Träume und Abgründe oft nur schwer unterscheiden ließen.