Am Morgen des 14. September 1944 lag dichter Nebel über den nassen Rübenfeldern in Lothringen, etwa neun Kilometer südwestlich von Arracourt. Die Temperatur stand bei sieben Grad, der Boden war seit drei Tagen aufgeweicht.
Um 6:12 Uhr füllte der Obergefreite Johann Keller heißen Kaffee aus einem verbeulten Aluminiumkessel in seine Feldflasche. Er stand 240 Meter nordöstlich einer Straßenkreuzung bei Réchicourt-la-Petite.
Keller war 24 Jahre alt, geboren am 7. März 1920 in Nürnberg. Vor dem Krieg war er Uhrmacher im dritten Lehrjahr bei einer kleinen Werkstatt in der Königstraße, Sohn eines Eisenbahners.
Seit Februar 1942 stand er an der Front, zunächst im Süden der Ostfront, seit Juni 1944 im Westen. Er galt als wortkarg und sorgfältig, als einer, der ein Werkzeug nie zweimal in die Hand nehmen musste, um zu wissen, ob es taugte.
Er hörte, bevor er sah. Zuerst war es nur ein Vibrieren im Boden, kaum von einem schweren Lastwagen zu unterscheiden. Dann wurde daraus ein tiefes metallisches Rollen, das sich aus dem Nebel in Richtung der Kreuzung schob.
Keller stellte den Kessel auf einen Munitionskasten, schraubte die Flasche zu und zählte nicht die Motoren, sondern die Oktaven. Er kam auf mindestens zwölf verschiedene Maschinen in der ersten Gruppe, dann folgte eine zweite Welle, dann eine dritte.
Auf dem Papier war der Morgen ruhig. Die Nachrichtenlage der Panzerbrigade hatte für diesen Sektor am Vortag keinen feindlichen Vorstoß gemeldet. Die nächste deutsche Linie lag 1200 Meter hinter Keller.
Seine Stellung war eine Vorauspositionierung, die nach Vorschrift 20 Minuten zu halten war, um eine Verzögerung zu erreichen, bevor man sich nach hinten absetzte. In der Realität sah es anders aus.
Aus dem Nebel rollten an diesem Morgen Sherman-Panzer des Tank Battalions, Combat Command A der vierten US-Panzerdivision, in zwei Zügen, gefolgt von einem Spätzug und einer Halbkette mit aufgesessener Infanterie.
Keller sah die ersten beiden Silhouetten nur kurz, als der Nebel für drei Sekunden aufriss. Er blieb stehen, sagte nichts, drehte sich langsam um und ging die 14 Schritte zu seiner Pak 40 zurück, als trüge er nicht Kaffee, sondern Eier.
Die Pak 40 stand in einer flachen Feldmulde, getarnt mit Rübenblättern und Tarnnetz, das Rohr in einem Winkel von 32 Grad zur Straße gerichtet.
Bei seinem Richtschützen, dem Gefreiten Paul Brunner aus Regensburg, einem ehemaligen Fleischergesellen, hieß es, Keller sage an einem ganzen Tag weniger Worte als Brunner in zehn Minuten.
Der Ladeschütze war der Grenadier Heinrich Vogt, 19 Jahre alt, aus Erfurt, vor drei Wochen aus der Rekrutenausbildung gekommen. Der vierte Mann war Unteroffizier Franz Meisner, 36, der Gruppenführer, ein ehemaliger Forstgehilfe aus dem Bayerischen Wald.
Die Pak 40 selbst war eine 7,5-cm-Panzerabwehrkanone 40, Baujahr 1943, Gefechtsgewicht 1425 Kilogramm, Rohrlänge 3,45 Meter, Kaliber 75 Millimeter.
Ihre Panzergranate 39 hatte eine Mündungsgeschwindigkeit von 792 Metern pro Sekunde und durchschlug auf 500 Meter bei einem Aufschlagwinkel von 90 Grad 106 Millimeter Panzerstahl. Die Hartkerngranate 40 schaffte auf derselben Distanz 143 Millimeter, war aber selten und bei Keller an diesem Morgen nur in vier Exemplaren vorhanden.
Der Gesamtvorrat an der Lafette umfasste 27 Panzergranaten 39, vier Panzergranaten 40 und zwölf Sprenggranaten. 43 Schuss für 31 Sherman, auf dem Papier eine einfache Rechnung von 1,4 Granaten pro Panzer.
Ein M4A3 Sherman wog 30 Tonnen und trug an der Frontpanzerung bis zu 89 Millimeter Stahl unter einem Winkel von 47 Grad, was einer effektiven Dicke von rund 108 Millimetern entsprach. Die Pak 40 konnte das mit Panzergranate 39 auf 500 Meter gerade noch durchschlagen, auf 800 Meter kaum noch, auf 1000 Meter nicht mehr zuverlässig.
Die Flanke eines Sherman maß 38 Millimeter, senkrecht. Das war auf jede Distanz zu knacken. Die Heckpanzerung war ähnlich dünn.
Keller stellte die Flasche neben dem linken Rad ab. Er kniete nicht, er bückte sich nicht. Er sah Meisner an, der mit dem Scherenfernrohr aus der Deckung lugte, und hob zwei Finger. Meisner nickte einmal.
Vogt, der junge Grenadier, hatte die Hand am ersten Geschoss in der Kiste und starrte auf Kellers Rücken. Brunner saß bereits auf dem Richtschützensitz, das linke Auge am Zielfernrohr ZF3x. Keller sagte ein einziges Wort: warten.
Die Entfernung betrug noch 700 Meter. Der Nebel hob sich langsam. Die vordersten Sherman rollten jetzt sichtbar in einer leichten Keilformation auf die Kreuzung zu, Turm vorn, Geschützrohre in Marschrichtung, Luken zum Teil offen. Keine Kampfbereitschaft, sie erwarteten nichts.
Um 6:24 Uhr hatte sich die Sichtweite auf etwa 450 Meter verbessert. Keller zählte zum ersten Mal durch, brach ab und sagte leise zu Meisner: "Mehr als 20, weiter." Meisner flüsterte die Zahl, als er fertig war: 31. Dahinter ein Spätzug, dahinter Halbketten.
Brunner am Zielfernrohr bewegte sich nicht. Vogt atmete durch den offenen Mund, wie man es den Rekruten abgewöhnte, und Keller legte ihm kurz die Hand auf den Unterarm, ohne ihn anzusehen. Vogt schloss den Mund.
Keller hatte in diesem Moment drei Varianten und rechnete sie durch wie ein Uhrwerk. Die erste Variante war die Vorschrift: Die Pak 40 war eine Verzögerungswaffe, sie sollte auf maximale Entfernung feuern, zwei bis drei Schuss abgeben, dann Stellungswechsel.
Nach Dienstvorschrift wäre der erste Schuss jetzt fällig gewesen, bei 450 Metern auf den Spitzenwagen. Ergebnis auf dem Papier: ein Abschuss, möglicherweise zwei. Danach würden die verbliebenen Sherman die Pak im Nebel lokalisieren, die Türme schwenken und mit ihren 75-mm-M3-Geschützen eine Salve abgeben.
Die Mündungsgeschwindigkeit der M61-Panzergranate des Sherman lag bei 619 Metern pro Sekunde. Der Schild der Pak 40 war vier Millimeter stark, nur gegen Splitter und Gewehrfeuer ausgelegt. Keller und seine drei Mann wären innerhalb von 90 Sekunden tot gewesen.
Die zweite Variante war ebenfalls Vorschrift: abprotzen und zurück. Die Pak 40 brauchte mit geübter Besatzung etwa vier Minuten, um an den Zugwagen gekoppelt und abfahrbereit zu sein. Der Zugwagen, ein RSO, stand 120 Meter rückwärts in einem Gehölz. Vier Minuten im Nebel, während Sherman auf zwei Meter heranrollten, hieß ebenfalls tot.
Die dritte Variante sprach Keller nicht aus. Er ging sie im Kopf durch. Er betrachtete den Verlauf der Straße. Die Kolonne fuhr in nordwestlicher Richtung auf die Kreuzung zu. Hinter der Kreuzung machte die Straße eine leichte Linkskurve von etwa 30 Grad.
Wenn die Sherman die Kurve durchfuhren, zeigte ihre Flanke für etwa vier bis fünf Sekunden direkt auf seine Stellung, auf einer Entfernung, die bei Einfahrt des ersten Panzers in die Kurve etwa 180 Meter betragen würde.
Auf 180 Metern schlug die Panzergranate 39 der Pak 40 durch die 38 Millimeter starke Seitenpanzerung glatt durch, nicht nur durch die Seite des Turms, sondern durch den Turm und den Motorraum dahinter.
Die Vorschrift sagte: Eröffne das Feuer auf den führenden Panzer, um die Kolonne zu stoppen. Keller entschied sich für das Gegenteil. Er würde auf den letzten in Sichtweite schießen.
Wenn der letzte Sherman in der Kurve brannte, verstopfte er den Rückweg für alle davor. Die Spitze konnte nicht mehr nach vorn, weil sie nicht wusste, wo der Schütze stand, und sie konnte nicht mehr nach hinten, weil ein brennendes Wrack aus 30 Tonnen Stahl in der Kurve lag.
Die Panzer dazwischen wären auf der Straße gefangen, mit der Flanke zu ihm, auf einer Distanz, auf der er nicht fehlen konnte. Keller flüsterte Meisner seinen Plan. Meisner sah ihn drei Sekunden an, dann nickte er einmal sehr knapp.
Brunner, der zugehört hatte, fragte nach dem Abstand zwischen den Panzern. Keller antwortete: 40 Meter, sie fahren im Marschabstand. Brunner sagte, dann brauche er zwischen zwei Schüssen weniger als vier Sekunden. Keller antwortete: Du hast sie.
Die Pak feuerte in der Hand einer eingespielten Besatzung bis zu zehn Schuss pro Minute. Das hieß sechs bis sechseinhalb Sekunden pro Schuss einschließlich Richten. Brunner sagte vier. Vogt, der 19-Jährige, würde laden müssen wie eine Maschine, ohne Pause, ohne zittern. Keller sah Vogt an. Vogt nickte. Es war das erste Mal an diesem Morgen, dass er nickte, ohne vorher zu schlucken.
Um 6:31 Uhr rollte der Spitzenpanzer durch die Kreuzung. Keller zählte weiter. Panzer 24. Der Nebel zerfaserte jetzt in einzelne Streifen. Keller sah, dass hinter dem 21. Sherman eine kleine Lücke war, vielleicht 80 Meter. Dann kamen die restlichen zehn.
Das machte seinen Plan besser. Den 21. in der Kurve schoss er zuerst, dann rückwärts in der Reihenfolge 20, 19 und so weiter. Die hintere Gruppe war damit in der Falle, die vordere blind.
Um 6:36 Uhr fuhr der 21. Sherman, ein M4A3 mit aufgepackten Reservekanistern am Heck, in die Linkskurve ein. Sein rechter Kettenzug kam frontal entgegen, dann drehte das Fahrzeug, und die Flanke erschien im Zielfernrohr wie ein zu groß aufgeblendetes Foto.
Brunner hatte den Panzer bereits zehn Sekunden vorher im Glas gehabt. Das Fadenkreuz stand eine Handbreit unterhalb der Turmringdichtung auf Höhe der Munitionshalterung im Kampfraum. Brunner sagte nichts, er zog den Abzug.
Der Rückstoß der Pak 40 betrug 1,10 Meter. Die Mündungsbremse schleuderte den Qualm seitlich weg. Die Panzergranate 39 brauchte bei 180 Metern etwa 240 Millisekunden bis zum Ziel. Der Treffer saß.
Keller sah durch sein Glas, wie der Turm des Sherman einen halben Meter aus seinem Ring sprang, bevor die Explosion ihn vollständig abhob. Die Munition im Kampfraum detonierte. Ein Feuerball von acht Metern Höhe stand über der Kurve.
6:36 Uhr. Erster Schuss, ein Sherman aus. 30 übrig. Vogt hatte die leere Kartusche schon aus der Kammer. Die nächste Granate war halb im Verschluss, bevor der Turm des ersten Sherman zu Boden fiel.
Vier Sekunden nach dem ersten Treffer war der zweite Schuss draußen. Brunner hatte das Rohr um zwei Strich nach rechts geschwenkt, Richtung 20. Sherman, der gerade zum Ausweichen ansetzte und dabei seine Flanke vollständig zeigte. Entfernung 195 Meter.
Die Panzergranate 39 schlug links unterhalb der Turmmitte ein, durchquerte den Kampfraum und verließ das Fahrzeug an der rechten Seite. Keine Explosion, aber eine Rauchfahne aus dem offenen Fahrerloch, und der Sherman rollte führerlos über den Straßenrand in den Graben. Zwei aus, 29 übrig.
6:36 Uhr und 23 Sekunden. Dritter Schuss auf den 19. Sherman, der nach links in das Feld ausweichen wollte und dabei das Heck präsentierte. Die Heckpanzerung des M4A3 maß 38 Millimeter bei zehn Grad Neigung. Die Panzergranate 39 traf den Motorblock. Aus dem Kühlergitter schossen Flammen einen Meter hoch. Der Sherman blieb stehen, die Besatzung sprang ab. Drei aus, 28 übrig.

Die Amerikaner reagierten jetzt. Der Spitzenpanzer der Kolonne, inzwischen 320 Meter westlich der Kreuzung, blieb stehen, schwenkte den Turm und suchte. Im Nebel, der sich in Bodennähe noch hielt, sah er nichts.
Die Funksprüche in der Kolonne liefen auf der Brigade-Frequenz durcheinander. Zwei Sherman aus der Mitte der Kolonne fuhren vorwärts, zwei andere rückwärts. Einer blieb quer auf der Straße stehen und blockierte den Rest. Keller hatte damit gerechnet.
Er sagte 18, dann 17. 6:36 Uhr und 49 Sekunden, vierter Schuss. Der 18. Sherman erhielt einen Treffer unterhalb des Turmrings und brannte sofort. 6:36 Uhr und 46 Sekunden, fünfter Schuss auf den 17., ein Frontaltreffer auf 210 Meter. Die Panzergranate 39 durchschlug die obere Frontplatte schräg und blieb im Motorraum stecken. Das Fahrzeug rollte aus.
Sechs, sieben und acht Schuss folgten in den nächsten 90 Sekunden. Brunner richtete, Vogt lud, Keller beobachtete, Meisner zählte mit. Um 6:39 Uhr standen acht Sherman brennend oder ausgefallen zwischen Kreuzung und Kurve.
23 waren übrig, die Hälfte davon eingekeilt zwischen Wracks, die andere Hälfte zerstreut in den Feldern. Der neunte Schuss ging fehl. Er streifte den Turm eines M4A3 und sprang in einem hohen Bogen in den Morgenhimmel. Der zehnte saß wieder, aber da begann das Problem.
6:40 Uhr und eine Sekunde. Vogt schob die Granate in den Verschluss, zog den Ladehebel, und der Verschluss schloss nicht vollständig. Ein kleiner Spalt blieb, keine zwei Millimeter. Vogt versuchte es ein zweites Mal. Der Spalt blieb. Er sah Keller an.
Keller sah das Metall. Eine Hülsenrandung der zehnten Kartusche hatte sich leicht verzogen. Ein Span Messing klemmte zwischen Keil und Kammerwand. Keller nahm den Putzstock, stieß den Span heraus, prüfte mit dem Daumen, schlug den Keil manuell zu. Elf Sekunden Verzögerung.
In diesen elf Sekunden verließen drei Sherman die Straße nach Süden in das Rübenfeld und begannen einen Fächerbogen. Der elfte Schuss war um 6:40 Uhr und 23 Sekunden draußen, ein Treffer auf einen stehenden Sherman bei 250 Metern.
Der zwölfte zielte auf einen der drei Fächer-Sherman, Entfernung jetzt 310 Meter, leicht schräg, und saß auf dem Turmkranz. Das Fahrzeug blieb fahrbar, schoss aber nicht mehr.
Dann kam die erste amerikanische Antwort. Der führende Sherman der Fächerformation hatte die Mündungsfeuer der Pak gesehen, nicht die Kanone, aber den Blitz. Er feuerte eine 75-mm-M61-Panzergranate auf die Feldmulde.
Das Geschoss schlug fünf Meter links neben der Pak in den Acker und riss Erde und Rüben in die Luft. Der zweite Schuss eines zweiten Sherman kam sechs Sekunden später und traf den Schutzschild der Pak 40 auf der rechten Seite.
Vier Millimeter Stahl gegen eine 75-mm-Granate. Der Schild wurde wie Papier durchschlagen. Die Granate detonierte hinter der Lafette in der Muldenböschung. Splitter flogen in alle Richtungen.
Brunner schrie nicht. Er sackte einen Finger breit vom Zielfernrohr weg. Die linke Hand griff zum rechten Oberschenkel, wo ein Splitter von der Größe einer Walnuss eingeschlagen war. Blut durchdrang das Feldhosenbein innerhalb von Sekunden. Brunner sagte: "Geht noch." Er setzte das Auge wieder ans Glas.
Vogt hatte einen Splitter am Unterarm abbekommen, oberflächlich, zehn Zentimeter Schnitt, blutete stark, aber die Hand funktionierte. Meisner war unverletzt, Keller auch. Der Schutzschild hatte ein unregelmäßiges Loch von etwa 30 Zentimetern Durchmesser.
6:41 Uhr, 13. Schuss auf den Sherman, der getroffen hatte. Treffer am Fahrersichtblock. Der Panzer drehte durch und blieb quer stehen. 13 Sherman ausgefallen, 18 übrig.
Munitionsstand: 30 Granaten verbraucht, 13 übrig, davon neun Panzergranaten 39, zwei Panzergranaten 40 und zwei Sprenggranaten. Jetzt versuchte der Gegner, die Position zu umgehen.
Vier Sherman fuhren in einer weiten Kurve nach Norden, um die Pak 40 von der Flanke zu nehmen. Meisner sah sie zuerst. Er zeigte mit dem Finger, ohne zu sprechen.
Keller rechnete erneut. Wenn die vier Sherman den nördlichen Wegrand erreichten, standen sie in geringer Entfernung zu seiner rechten Seite, und seine Pak stand im falschen Winkel, um dorthin zu drehen. Die Lafette erlaubte 65 Grad Seitenrichtung.
Die Neuausrichtung auf die nördliche Flanke bedeutete Umlafettierung, und das hieß, die Pak aus der Mulde nehmen, neu aufstellen, neu tarnen. Vier Minuten. In vier Minuten war er tot.
Keller wählte das zweite Mal gegen die Vorschrift. Er ließ die Pak, wo sie war. Er sagte zu Meisner: "MG42 nach rechts auf die abgesessene Infanterie, nicht auf die Panzer. Halte sie weg von uns. Brunner schießt weiter auf die Straße."
Meisner kroch die drei Meter zum MG42, das auf einem Lafettenbock am rechten Muldenrand stand. Das MG42 schoss zwölf Schuss pro Sekunde bei einer Mündungsgeschwindigkeit von 755 Metern pro Sekunde. Ein Gurt hielt 50 Patronen. Meisner hatte acht Gurte bereit.
Er eröffnete um 6:43 Uhr und acht Sekunden das Feuer auf die abgesessene Infanterie der Halbketten, die sich nördlich formierte. Die erste Salve von 50 Schuss ging in drei Sekunden hinaus. Zwei Amerikaner fielen, die übrigen warfen sich in eine Ackerfurche.
Brunner richtete die Pak auf den Spitzenpanzer der neu formierten westlichen Gruppe. Entfernung 270 Meter, leichte Schräge. 14. Schuss um 6:43 Uhr und 22 Sekunden. Treffer an der Wanne, der Panzer brannte aus dem Fahrerloch. 14 aus, 17 übrig.
Die vier Sherman der nördlichen Umgehung hatten inzwischen die Ackerfläche überquert und standen bei 130 Metern. Sie konnten die Pak 40 jetzt sehen. Ihre Türme drehten.
Keller wusste, dass er diesen Schusswechsel nicht gewinnen konnte. Die Pak brauchte 25 Grad, um dorthin zu schwenken. Sie hatte nur 22 Grad Restwinkel. Drei Grad fehlten.
Keller tat, was im Handbuch nicht stand. Er griff in die Lafettensparten, zog sie einseitig aus dem Boden und verkantete die gesamte Kanone. Vogt und er rissen das linke Rad um einen halben Meter nach vorn. Die Mündung schwenkte um die fehlenden drei Grad. Es dauerte 40 Sekunden.
In diesen 40 Sekunden schoss der vordere der vier Sherman. Seine Granate traf drei Meter vor der Pak in die Muldenkante. Erde stob hoch, aber kein Splitter drang zur Besatzung.
6:44 Uhr und eine Sekunde, 15. Schuss, Panzergranate Hartkern, 130 Meter. Treffer an der Wannenfront des führenden Nord-Sherman. Die Granate durchschlug die Glacisplatte wie Blech, der Panzer explodierte von innen. Der Turm flog drei Meter hoch.
Die drei übrigen Nord-Sherman zogen sich zurück in die Ackerfurche, außer Sicht. Meisner legte das MG42 auf die aufgesprungenen Besatzungen. Zwei weitere Amerikaner blieben liegen.
Zwischen 6:45 Uhr und 6:51 Uhr fielen fünf weitere Schüsse, drei Treffer, zwei Fehlschüsse. Der Rauch über der Kreuzung erschwerte das Zielen. 20 Sherman ausgefallen, elf übrig, davon sieben fahrbar. Munition: acht Granaten. Die MG42-Gurte waren auf drei geschrumpft.
Um 6:52 Uhr und 30 Sekunden traf der zweite Volltreffer die Pak. Eine 75-mm-M61-Granate schlug in die linke obere Rohrhalterung, riss die Wiege auf und tötete Vogt mit einem Splitter durch den Hals. Der junge Grenadier aus Erfurt sackte neben der Munitionskiste zusammen, ohne einen Laut.
Keller brauchte zwei Sekunden, um zu erfassen, was geschehen war. Er zog Vogt aus der Kiste, legte ihn zur Seite und nahm dessen Platz ein. Brunner blutete stark, sein rechtes Hosenbein war schwarz. Er sagte: "Noch sieben Schuss, dann sind wir leer." Keller antwortete nicht. Er lud.
6:53 Uhr und vier Sekunden, 21. Schuss, Treffer. 6:53 Uhr und zwölf Sekunden, 22. Schuss, Fehlschuss. 6:54 Uhr und 50 Sekunden, 23. Schuss, Treffer. 6:55 Uhr und 28 Sekunden, 24. Schuss, Treffer. 6:56 Uhr und fünf Sekunden, 25. Schuss, Fehlschuss.
Der Rückstoß hatte die beschädigte Wiege verzogen. Die Richtung stimmte nicht mehr genau. 6:56 Uhr und 49 Sekunden, 26. Schuss mit einer manuellen Korrektur, Treffer. 24 Sherman ausgefallen, sieben übrig, davon fünf fahrbar, zwei Granaten in der Kiste.
Die verbliebenen Amerikaner zogen sich zurück, nicht geordnet, sondern in Einzelaktionen, ein Panzer nach dem anderen, mit Halt in Deckungen. Der Gefechtslärm verschob sich nach Westen.
Um 7:04 Uhr war die Kreuzung still. Der 27. und 28. Schuss fielen auf zwei zurückweichende Sherman bei 400 Metern. Einer saß, einer nicht. 25 Sherman ausgefallen, sechs entkommen.
Keller hatte 28 Schüsse abgegeben, davon 25 Treffer. Meisner kroch zurück. Brunner saß auf dem Boden, das Bein abgebunden mit seinem eigenen Koppel. Vogt lag still.
Keller stand, den Kaffeebecher von 6:12 Uhr noch neben dem Rad. Er trank nicht, er sagte nichts. Er schloss die Augen für drei Sekunden und öffnete sie wieder. Dann ging er zum Funkgerät und meldete: "Réchicourt, 25 Feindpanzer, Position gehalten, ein Gefallener."
Im Gefechtsbericht der 113. Panzerbrigade wurde vermerkt, Obergefreiter Keller und sein Geschütz hätten zwischen 6:36 Uhr und 7:04 Uhr des 14. September 1944 bei Réchicourt-la-Petite eine überlegene feindliche Panzerspitze vernichtet. Ausgefallen 25 Sherman. Eigene Verluste: ein Toter, zwei Verwundete. Die Haltung des Geschützführers verdiene höchste Anerkennung.
Keller erhielt am 23. September 1944 das Deutsche Kreuz in Gold, im Oktober das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Brunner bekam das Eiserne Kreuz erster Klasse, Meisner das Eiserne Kreuz erster Klasse. Vogt wurde postum zum Gefreiten befördert.
Auf dem Papier war die Lage unhaltbar gewesen. 31 Sherman gegen eine Pak 40 mit vier Mann. Die Realität sah anders aus, weil ein 24-jähriger Uhrmacher aus Nürnberg die Geometrie einer Straßenkurve anders gelesen hatte als die Vorschrift.
Keller überlebte den Krieg. Er geriet im April 1945 in Bayern in amerikanische Gefangenschaft und wurde im August 1945 entlassen. Er kehrte nach Nürnberg zurück, fand seine Lehrwerkstatt zerstört und arbeitete ab 1947 als Uhrmacher in einem kleinen Geschäft in der Viertenstraße.
Er heiratete 1951 und hatte zwei Kinder. Er sprach nie über Réchicourt, nicht mit seiner Frau, nicht mit seinen Kindern, nicht mit den wenigen alten Kameraden, die ihn in den 70er Jahren besuchen wollten.
Auf die Frage eines Journalisten, der 1984 einen Artikel über Arracourt schrieb, antwortete er mit einem Satz: "Es war Arithmetik, mehr nicht."
Er starb am 11. Februar 1991 an Lungenkrebs im Alter von 70 Jahren. Auf seiner Beerdigung trug keiner eine Uniform. Das Ritterkreuz lag in einer Holzschachtel in der obersten Schublade seines Werkstatttisches zwischen Lupe und Pinzette, wo es seit 1945 gelegen hatte.
Eine Pak 40 ohne Johann Keller war ein Stück Stahl auf zwei Rädern. Mit ihm war es etwas anderes. Nicht die Kanone hatte die Kolonne gestoppt. Ein Mann, der den Kaffee abgestellt hatte, bevor er ihn trinken konnte, hatte sie gestoppt.