28 IS-2 brauchten vier Tage, um zu begreifen: der Tiger stand im Birkendickicht

28 IS-2 brauchten vier Tage, um zu begreifen: der Tiger stand im Birkendickicht

Am Morgen des 18. Juli 1944 stand Leutnant Friedhelm Asberg in einem Birkendickicht zwei Kilometer südlich des Weilers Sosnovka. Es war 4:47 Uhr, die Temperatur lag bei 11 Grad, und dichter Nebel hing zwischen den weißen Stämmen. Asberg, 26 Jahre alt und vor dem Krieg Vermessungsgehilfe aus Goslar, putzte zum zweiten Mal an diesem Morgen das Zielfernrohr seines Tiger 1 mit der Turmnummer 302. Seine Hände hatten sonst nichts zu tun.

Sein Zug bestand an diesem Morgen aus einem einzigen Panzer. Der zweite Wagen unter Feldwebel Hennig lag seit drei Tagen mit gebrochenem Lenkgetriebe in der Werkstatt. Fünf Männer also: Asberg, Richtschütze Unteroffizier Karl Mais, Ladeschütze Gefreiter Anton Liebe, Fahrer Obergefreiter Pol und Funker Gefreiter Sturm.

Um 4:47 Uhr schob sich aus dem Nebel im Osten schwerer Stahl. Asberg zählte die Silhouetten zweimal, weil er der ersten Zahl nicht traute. Panzer vom Typ IS-2, breit und niedrig, mit dem langen Rohr der 122-Millimeter-Kanone, rollten in geschlossener Marschkolonne aus Richtung des Höhenzugs bei Sosnovka heran. Entfernung beim ersten Sichtkontakt: 1600 Meter. Geschwindigkeit: etwa 12 Kilometer in der Stunde. Keine Aufklärung an der Spitze, keine Sicherung an den Flanken. Eine Kolonne, die sich sicher fühlte.

Asberg kannte die Daten seines Tiger 1 wie die Tabellen seines alten Theodoliten. Die 8,8-Zentimeter-Kampfwagenkanone 36 mit 56 Kalibern Rohrlänge verschoss die Panzergranate 39 mit rund 773 Metern in der Sekunde. Der Durchschlag auf 1000 Meter lag bei etwa 100 Millimetern Stahl. Eine eingespielte Mannschaft feuerte sechs bis acht Schuss in der Minute.

Die andere Seite hatte ein Problem, das die Sowjets selbst noch nicht kannten und Asberg seit Wochen kannte. Die 122-Millimeter-Kanone der IS-2 verschoss Geschoss und Treibladung getrennt. Erst schob der Lader das Geschoss in den Verschluss, das allein über 25 Kilogramm wog. Dann folgte die Treibladung in der Messinghülse. Zwei Handgriffe, zwei schwere Lasten in einem engen drehenden Turm. Das Ergebnis stand nüchtern in der Tabelle: Die IS-2 feuerte zwei Schuss in der Minute.

Auf dem Papier war ein einzelner Tiger gegen 28 IS-2 eine erledigte Sache. Die 122-Millimeter-Granate durchschlug die Front des Tiger auf 1000 Meter. Acht gegen einen hieß auf dem Papier acht tote Tiger. Asberg sah nicht auf das Papier, er sah auf den Nebel und die Stämme.

Das Birkendickicht war keine Deckung gegen Granaten. Eine Birke hielt keine 122-Millimeter-Granate auf. Aber das Dickicht war etwas Wertvolleres als Panzerung: Es war fehlende Sicht. Die weißen Stämme, der Nebel dazwischen, der dunkle Schatten der Krone darüber verschluckten die Umrisse eines stehenden Panzers vollständig. Ein fahrender Tiger war im Dickicht sofort zu erkennen. Ein stehender, schweigender Tiger mit abgeschaltetem Motor war Teil des Waldes.

Asberg wählte den dritten Weg. Er befahl Mais, das Fadenkreuz auf den vierten Wagen der Kolonne zu legen, nicht auf den ersten. Die ersten drei waren bereits an ihm vorbei, ihre Hecks nach Westen, ihre Rohre nach vorn. Der vierte schob sich gerade auf 210 Meter heran, breit von der Seite, die Flanke offen. Die Seitenpanzerung der IS-2 lag bei 90 Millimetern, fast senkrecht.

Der erste Schuss schlug unterhalb des Turmrings ein und ging durch. Die IS-2 stand sofort ohne Rauch, nur ein Ruck und Stille. Liebe hatte die nächste Granate schon im Verschluss, Ladezeit sieben Sekunden. Mais drehte das Räderhandrad auf den dritten Wagen. Der zweite Schuss traf das Heck über dem Motorraum. Vierzehn Sekunden, zwei Treffer.

In der Kolonne geschah, was Asberg vorausberechnet hatte. Die Kommandanten der vorderen Wagen wussten nicht, woher das Feuer kam. Die Mündungsblitze starben im Nebel und zwischen den Stämmen nach zwei Sekunden. Der Schall lief um das Dickicht herum und schien von überall zu kommen. Die IS-2 drehten ihre Türme nach links in die Heide, weg vom Wald. Sie suchten in der falschen Richtung.

Bis 4:59 Uhr hatte Asberg sieben IS-2 ausgeschaltet. Jede einzelne in den Sekunden ihrer Blindheit, jede von der Seite oder von hinten, keine einzige frontal. Mais arbeitete schweigend und las die nächste Flanke aus dem Versatz der Auspuffrauchsäulen. Liebe lud schneller als die Tabelle es vorsah, fünf Sekunden, sechs. Das Hemd schwarz vor Schweiß.

Dann meldete Mais trocken, das Rohr werde warm. Die 8,8 vertrug Dauerfeuer in dieser Frequenz nicht unbegrenzt. Nach etwa 20 Schuss in schneller Folge stieg die Streuung. Asberg befahl, zwischen jedem Schuss mindestens zwölf Sekunden zu warten. Streuung war gefährlicher als Langsamkeit, sobald ein Treffer danebenging und den Mündungsblitz verriet.

Um 5:31 Uhr hielt eine der überlebenden IS-2 mitten auf der Straße an. Ihr Turm drehte sich langsam, suchend in Richtung Dickicht. Der Kommandant hatte begriffen, dass das Feuer aus den Birken kam. Er hatte nur noch nicht begriffen, wie nah. Die 122-Millimeter-Granate schlug zwölf Meter rechts von Tiger 302 ein, riss zwei Stämme heraus und warf einen Erdwall auf die Wanne. Splitter trommelten gegen die Seitenpanzerung, dann folgte die halbe Minute Stille, in der der russische Lader sein 25 Kilogramm schweres Geschoss hob.

In dieser Stille feuerte Mais. Der Schuss traf die Turmflanke. Detonation im Inneren. Die IS-2 brannte, aber der Schuss hatte den Mündungsblitz verraten. Jetzt wussten sie es.

Drei IS-2 lösten sich aus der Kolonne und schwenkten nach links in die Heide, um das Dickicht weiträumig zu umfahren und von Norden her anzusehen. Dort, wo der Wald dünner wurde, lag die Seite des Tiger frei, 80 Millimeter, und die 122-Millimeter-Granate durchschlug das auf jede im Gefecht vorkommende Entfernung. Asberg las ihre Geschwindigkeit aus dem Versatz der Auspuffsäulen über dem Nebel. In etwa drei Minuten würden sie die Nordkante erreichen.

Asberg wählte erneut den dritten Weg. Er ließ den Turm langsam von Hand nach Nordwesten drehen, in die Lücke zwischen zwei Baumgruppen, durch die der erste der drei umfassenden Wagen kommen musste. Dann befahl er absolute Stille. Nur das Knacken des abkühlenden Rohrs blieb und Liebes Atem.

Der erste der drei IS-2 schob sich in die Lücke. Langsam, die Luke offen, der Kommandant halb herausgelehnt, suchend nach Westen in die falsche Richtung. Seine Flanke stand auf 140 Metern quer zum Tiger. Der Schuss ging durch die Wanne unter dem Turmring. Der Wagen blieb stehen. Der zweite Wagen drehte den Turm in Richtung des Mündungsblitzes, diesmal zu langsam. Mais traf ihn auf 160 Metern in die Turmwurzel. Der Dritte fuhr rückwärts zurück in die Heide und entkam.

Dann kam der Bruch. Liebe schob die nächste Panzergranate in den Verschluss, und der Verschluss schloss nicht. Eine leere Hülse stand quer im Auswurfraum, halb herausgeschleudert, verklemmt. Liebe griff zum Schraubenzieher und zum Holzschlägel. Vom Klemmen bis zur Schussbereitschaft vergingen zwei Minuten und 18 Sekunden.

In diesen Minuten hob sich draußen der Nebel. Die Sicht wuchs von 200 auf 400 Meter. Die brennenden IS-2 zeichneten schwarze Säulen in den hellen Himmel. Die überlebenden Wagen der Kolonne, neun oder zehn, hatten aufgehört, einzeln zu suchen. Sie standen jetzt im Halbkreis weit verteilt, die Rohre alle in Richtung Dickicht. Sie warteten auf den nächsten Blitz, um ihn gemeinsam zu beantworten. Sie hatten Funk untereinander.

In genau dem Moment schlug eine 122-Millimeter-Granate von rechts vorn auf die Wannenfront. Ein Streifschuss, Abprall in die Birken, kein Durchschlag. Aber ein abgesprengter Stahlsplitter aus der Innenwand des Turms traf Liebe am linken Unterarm und blieb im Muskel stecken. Liebe lud die nächste Granate mit der rechten Hand allein, langsamer.

Der Halbkreis draußen schloss sich. Zehn Rohre suchten ihn, und jeder weitere Schuss aus dem Dickicht würde zehn Antworten bekommen. Die Arithmetik hatte sich umgekehrt. Jetzt war Schweigen die einzige Munition, die nicht zur Neige ging.

Asberg gab das Feuer auf, nicht aus Schwäche, sondern aus Arithmetik. Ein einziger Schuss verriet seine Position im klaren Licht, und zehn Rohre würden den Punkt zerpflügen, an dem er stand. Die einzige Deckung, die ihm blieb, war die, die ihn von Anfang an getragen hatte: die weißen Stämme, der Schatten, die Unsichtbarkeit des stehenden Wagens.

Er befahl, was kein Lehrbuch vorsah: Schweigen, nicht für Minuten, sondern für Tage. Vier Tage lag Tiger 302 im Birkendickicht, ohne einen weiteren Schuss. Pol hielt den Motor abgeschaltet. Liebe schlief schichtweise, den Arm im Verband aus demselben Mull, mit dem Asberg am ersten Morgen das Visier geputzt hatte. Sturm horchte den Funk ab und meldete einmal am Tag mit knappen Worten an das Bataillon, das eine Bergung frühestens am vierten Tag zusagte. Mais blieb am Visier, ohne abzufeuern, und zählte zweimal täglich die russischen Wagen, die an der Straße vorbeifuhren.

Am ersten Tag suchten sie, schossen blind in die Birken, fällten Stämme, warfen Erde auf und trafen nichts. Am zweiten Tag suchten sie weniger. Am dritten Tag gewöhnten sie sich an die ausgebrannten Wracks ringsum und fuhren ohne Aufklärung vorbei, im Glauben, der deutsche Panzer sei längst nach Westen entkommen. Sosnovka war für sie eine Stelle, an der etwas Schlimmes geschehen war. Kein Ort, an dem es noch geschah. Der Tiger war Teil des Waldes geworden.

Am Morgen des 22. Juli, am vierten Tag, kamen die Bergefahrzeuge der Heeresgruppe, zwei schwere Zugmaschinen, gedeckt von drei Tigern der Nachbarkompanie. Es war nicht einmal eine Bergung im Wortsinn, denn Tiger 302 steckte in nichts fest. Er fuhr aus eigener Kraft an, nach vier Tagen Stille. Der Motor sprang beim zweiten Versuch an. Beim Verlassen des Dickichts feuerte Asberg die letzten elf Panzergranaten auf zwei liegen gebliebene, aber noch nicht ausgebrannte IS-2 am Straßenrand. Acht Treffer. Mais meldete trocken, das Rohr halte.

Im Bericht des Kompanieschefs hieß es später in der trockenen Sprache des Wehrmachtsformulars, Leutnant Asberg habe mit einem einzelnen Tiger in der Zeit vom 18. bis 22. Juli 1944 bei Sosnovka eine Marschkolonne von 28 schweren sowjetischen Panzern des Typs IS-2 zum Stehen gebracht und 17 davon durch eigenes Feuer außer Gefecht gesetzt. Eigene Verluste: ein Verwundeter. Eigener Materialverlust: keiner.

Asberg erhielt für diesen Einsatz das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes, verliehen Anfang August 1944. Mais wurde zum Feldwebel befördert. Liebes Splitter wurde im Feldlazarett entfernt. Der Arm heilte ohne bleibenden Schaden, und er kehrte nach zwei Wochen zur Einheit zurück.

Asberg überlebte den Krieg. Er geriet im Frühjahr in britische Gefangenschaft, kehrte 1947 nach Goslar zurück und wurde wieder, was er vor dem Krieg gewesen war: Vermessungsingenieur. Er vermaß Straßen, Grundstücke und Waldparzellen im Harz, oft tagelang allein zwischen den Bäumen, und es störte ihn nie. Über Sosnovka sprach er selten. Wenn jemand ihn fragte, wie ein einzelner Panzer 28 schwere russische Panzer aufgehalten habe, antwortete er meist mit einem einzigen Satz und wechselte das Thema. Einmal soll er gesagt haben, es sei keine Tapferkeit gewesen, sondern eine Rechenaufgabe. Zwei Schuss in der Minute gegen sechs. Den Rest habe der Wald erledigt. Er starb im Jahr 2006 im Alter von 88 Jahren in Goslar.

Auf dem Papier war Sosnovka unmöglich. Auf dem Papier hätte ein einzelner Tiger gegen IS-2 nach dem dritten Schuss brennen müssen. In der Wirklichkeit dauerte es vier Tage, und 17 von ihnen kamen nicht über die Sandstraße hinaus. Es war keine Strategie, es war Arithmetik: zwei Schuss in der Minute, fehlende Sicht, offene Seitenpanzerung, vier Tage Schweigen. Entschieden hatte nicht die 8,8 und nicht das Birkendickicht, sondern ein Vermessungsgehilfe aus Goslar, der vor dem ersten Schuss das Zielfernrohr zum zweiten Mal putzte, weil seine Hände sonst nichts zu tun hatten, und der wusste, dass man einen Gegner nicht immer durch seine Panzerung schlägt, sondern manchmal durch die halbe Minute, die er zum Nachladen braucht.