23 sowjetische Panzer jagten ihn 4 Tage — er versteckte seine Wespe in einer Obstplantage

23 sowjetische Panzer jagten ihn 4 Tage — er versteckte seine Wespe in einer Obstplantage

Am 14. Oktober 1943, um 5:42 Uhr, prüfte Oberfeldwebel Heinrich Vogel die Kettenspannung seiner Wespe in einer Obstplantage drei Kilometer südwestlich von Krivoi Rock. Er kniete im nassen Lehm, einen Schraubenschlüssel in der rechten Hand, und tastete mit den Fingerspitzen die dritte Laufrolle der linken Kette ab.

Nebel hing knietief zwischen den Apfelbäumen, milchig und schwer, und roch nach faulendem Fallobst und kaltem Motoröl. Die Temperatur lag bei etwa zwei Grad über null. Vogel war 31 Jahre alt und vor dem Krieg Landvermesser im württembergischen Heilbronn gewesen, ein Mann, der Winkel und Distanzen instinktiv schätzte.

Er hörte sie, bevor er sie sah. Ein tiefes, gleichmäßiges Mahlen aus Nordosten, aus mehreren Quellen überlagert und vom Nebel verschluckt. Vogel stand langsam auf, wischte den Schraubenschlüssel an seiner Hose ab und kletterte auf den hinteren Aufbau der Wespe.

Aus knapp 2,4 Metern Höhe sah er 23 T34 in zwei Keilen zu je zwölf Fahrzeugen, die in etwa 1800 Metern Entfernung die flache Hügelkette überquerten. Die vorderen Panzer fuhren Marschtempo, etwa 18 Kilometer pro Stunde. Begleitende Infanterie war nicht zu erkennen, eine reine Panzeraufklärung mit verstärktem Stoßkeil, vermutlich eine Vorausabteilung der fünften Garde-Panzerbrigade.

Vogel rechnete schweigend. Eine Wespe, im Idealfall sechs Mann Besatzung, in seinem Fall vier. Vier Granaten im Bordvorrat. Eine 10,5-cm-Haubitze auf dem Fahrgestell des Panzer II Ausführung F, Frontpanzerung 18 Millimeter, Seiten 8 Millimeter, Splitterschutz praktisch nicht vorhanden.

Gegen den T34 mit seinen 45 Millimetern geneigter Panzerung war seine Wespe auf jede Distanz unter 2000 Metern ein offenes Ziel. Auf dem Papier hatte eine selbstfahrende leichte Feldhaubitze gegen eine Panzerbrigade nichts verloren. Die Realität sah anders aus.

Er kletterte herunter und ging zu den drei Männern, die unter einem Apfelbaum am hinteren Kettenblech rauchten. Richtschütze war Unteroffizier Karl Brand, 24, ein ehemaliger Uhrmacherlehrling aus Pforzheim, flegmatisch und sparsam mit Worten, mit einem Auge, das Entfernungen auf zehn Meter genau einschätzte.

Ladeschütze war Gefreiter Otto Reimann, zehn Wochen an der Front, Sohn eines Bauern aus dem Allgäu, der seine Granaten so sorgfältig stapelte, als wären es Eier. Fahrer war Obergefreiter Walter Krüger, ein ehemaliger Omnibusfahrer aus Bremen, der die Wespe durch jedes Schlammloch brachte, das andere für unpassierbar hielten.

Vogel sagte: 23 T34 aus Nordost, 1800. Brand drückte die Zigarette im Lehm aus. Reimann zog hörbar die Luft ein. Krüger nickte nur und ging zum Fahrersitz.

Vogel hatte drei Möglichkeiten, und er formulierte sie für sich selbst, wie er es seit Stalingrad immer tat. Erstens: Rückzug nach Südwesten zur Hauptkampflinie, neun Kilometer entfernt. Eine Wespe in offenem Gelände gegen T34, die mit über 50 Kilometern pro Stunde jeden Rückzug einholen würden.

Zweitens: Sprengung des eigenen Geschützes und Absetzen zu Fuß durch die Plantage, Verlust der Waffe, möglicher Verlust der Besatzung. Drittens, und diesen Gedanken sprach Vogel nicht aus: in der Plantage bleiben, nicht ausweichen, sich in die Geometrie der Bäume einnähen und die Wespe als das einsetzen, wofür sie eigentlich nicht gebaut war.

Als Hinterhaltsbatterie für indirekte und halbdirekte Schüsse aus kürzester Entfernung, getarnt durch zehn Hektar Apfelbäume in Reihen von 4,5 Metern Abstand. Die Plantage war alt, vermutlich aus der Zarenzeit. Die Stämme hatten 25 bis 35 Zentimeter Durchmesser, dicht genug, um die Silhouette der Wespe zu brechen, zu dünn, um eine Panzergranate aufzuhalten.

Aber die Bäume standen in präzisen Reihen, und Vogel sah Schusslinien, schmale Korridore zwischen den Stämmen, die wie Visierschneisen wirkten, wenn man wusste, wo man stand. Er hatte die Plantage am Vortag zu Fuß abgeschritten und die Reihenrichtung mit dem Kompass aufgenommen: 47 Grad gegen Nord. Die anrückenden T34 würden die Plantage in fast genau diesem Winkel queren müssen.

Vogel sagte zu Krüger, er solle rückwärts 40 Meter in die Senke hinter der zweiten Reihe fahren. Zu Brand sagte er: Aufsatzwinkel sieben Grad, wir schießen direkt, Granate, Sprenggranate, Zünderaufschlag. Zu Reimann: sechs Granaten griffbereit, den Rest geschlossen.

Krüger ließ den Maybach HL62 TR an, 140 Pferdestärken, sechs Zylinder. Das Geräusch ging im Mahlen der herannahenden T34 unter. Die Wespe rollte rückwärts in eine flache Bodensenke, knapp 80 Zentimeter tief, gerade genug, um das Geschützrohr unter die Krone des nächsten Baumes zu bringen und die Silhouette aufzubrechen.

Brand klappte den Visierdeckel auf. Reimann setzte die erste Sprenggranate ein. Vogel hob das Fernglas. Der vordere T34 des linken Keils war jetzt auf 1420 Metern.

Um 6:14 Uhr feuerte Brand den ersten Schuss. Die 10,5-cm-Sprenggranate verließ das Rohr mit 470 Metern pro Sekunde. Ein flacher, kurzer Knall, der sich in den Apfelbäumen brach und für einen Beobachter aus 1300 Metern Entfernung schwer zu lokalisieren war.

Die Granate schlug 14 Meter vor dem führenden T34 in den Boden. Der Aufschlagzünder löste mit minimaler Verzögerung aus, und die Splitterwolke fegte über das Frontblech des Panzers. Vogel sah, wie der Kommandantenturm sich schloss. Der T34 stoppte nicht, aber er drehte um sieben oder acht Grad nach links. Der Fahrer suchte instinktiv Deckung, wo keine war.

Vogel sagte: Korrektur plus 20, zweiter Wagen. Brand drehte die Höhenrichtkurbel. Reimann lud nach. Der Verschluss schloss sich mit einem metallischen Klacken, das in der Stille zwischen zwei Motorengeräuschen unnatürlich laut klang.

Vogel hatte die Wespe nicht als Panzerjäger geplant. Er plante sie als Störfeuerposition, die den sowjetischen Vormarsch zum Stocken bringen sollte, lange genug, damit die Plantage selbst die Arbeit übernahm. Eine T34-Kolonne in geschlossenem Keil konnte sich nicht zwischen Bäumen mit 4,5 Metern Reihenabstand bewegen, ohne ihre Formation zu verlieren. Sobald die Formation brach, brach auch die gegenseitige Sicherung.

Der zweite Schuss fiel um 6:15 Uhr und schlug direkt seitlich am dritten T34 im linken Keil ein. Die Sprenggranate riss die linke Stützrolle ab und beschädigte das Kettenglied. Der Panzer rollte noch drei Meter, dann verlor er die Kette und drehte sich quer.

Der Keil hinter ihm musste ausweichen, nach rechts in die Plantage hinein, was Vogel vorausberechnet hatte, oder nach links auf die offene Stoppelfläche, was sie gegen Artillerieangriffe öffnete. Sie wählten rechts.

Vogel sagte zu Krüger: vor 12 Meter, Reihe 3. Die Wespe rollte vorwärts. Das Geschützrohr senkte sich unter den nächsten Baum. Brand fand die nächste Schießscharte zwischen den Stämmen ohne Anweisung. Sie hatten am Vortag drei alternative Feuerstellungen erkundet, alle verbunden durch fahrbare Schneisen, alle mit unterschiedlichen Schussfeldern.

Vogels Prinzip war einfach: Schuss, Stellungswechsel, Schuss, Stellungswechsel, niemals zwei Schüsse aus derselben Position. Bis 6:38 Uhr hatte die Wespe sieben Schüsse abgegeben. Drei T34 standen, einer mit abgerissener Kette, einer mit zerstörter Optik, einer mit aufgerissener Motorabdeckung, aus der schwarzer Rauch quoll.

Die übrigen 20 Panzer hatten sich in zwei Gruppen aufgeteilt. Die östliche Gruppe mit neun Wagen war in die Plantage eingedrungen und beschoss systematisch jeden zweiten Baum mit 76,2-mm-Sprenggranaten, was viel Splitterholz, aber wenig Wirkung bedeutete. Die westliche Gruppe mit elf Wagen hielt am Plantagenrand und feuerte ins Innere, ohne Ziel, nach dem Mündungsblitz.

Reimann meldete: noch 24 Granaten, davon Sprenggranaten, fünf Panzergranaten. Vogel nickte. Die Panzergranate 39 für die 10,5-cm-Feldhaubitze war kein zuverlässiges Mittel gegen die T34-Frontpanzerung, die unter 60 Grad geneigt bei 45 Millimetern lag und damit auf etwa 90 Millimeter effektive Stärke kam.

Die Panzergranate durchschlug die Seitenpanzerung von 45 Millimetern unter 40 Grad, was ungefähr 60 Millimeter effektive Stärke ergab, auf jeder Distanz unter 800 Metern. Vogel brauchte Seitenschüsse. Die Plantage zwang die T34 in Positionen, die ihre Flanken zeigten.

Um 6:44 Uhr stellte er die Wespe in der vierten vorbereiteten Stellung auf, einer halb eingegrabenen Mulde am südlichen Plantagenrand. Von hier aus sah Brand durch eine schmale Lücke zwischen zwei Stämmen den fünften Wagen der östlichen Gruppe von der Seite, 340 Meter entfernt, langsam durch eine Baumreihe rollend.

Brand brauchte zwei Sekunden für die Visierung. Die Panzergranate verließ das Rohr und schlug zwischen zweitem und drittem Laufrollenpaar in die Seitenpanzerung. Der T34 stand drei Sekunden still, dann öffnete sich die Turmluke und zwei Mann sprangen heraus. Der Dritte folgte nicht. Vier T34 erledigt, 19 übrig.

Die Sowjets begriffen jetzt, dass das Feuer nicht aus der Tiefe der Plantage kam, sondern wanderte. Der Brigadekommandeur, wie Vogel später erfuhr, war Oberstleutnant Seisef, ein erfahrener Offizier des Don-Frontkrieges. Er befahl die östliche Gruppe zurück und die westliche in einen weiten Bogen nach Süden. Eine Umfassung.

Vogel sah es an den Staubfahnen jenseits der Bäume. Die Sowjets gaben das frontale Eindringen auf und versuchten, die Plantage in einem Halbmond zu umschließen. Krüger sagte leise: Wenn Sie uns von Süden kriegen, sind wir im Sack.

Vogel sah auf die Uhr. 6:51 Uhr, sie hatten 69 Minuten gekämpft. Sie hatten 24 Granaten übrig. Sie hatten vier Panzer ausgeschaltet, 19 liefen, und die Umfassung würde in etwa 40 Minuten geschlossen sein. Die Mathematik war einfach, die Geometrie wurde komplizierter.

Vogel sagte: Wir bleiben. Er deutete nach Westen, aber nicht hier. Tiefer Plantagenteil zwischen die alten Bäume. Krüger wendete die Wespe in der schmalen Gasse. Die Ketten gruben sich in den feuchten Lehm. Aus 200 Metern Entfernung schlugen die ersten 76,2-mm-Granaten in die Baumkronen der Reihe, die sie gerade verlassen hatten.

Bis zum Abend des 15. Oktober hatte die Wespe sieben weitere T34 ausgeschaltet. Vogel führte das Buch im Kopf: elf erledigt, zwölf übrig, 16 Granaten im Bordvorrat, davon drei Panzergranaten. Brand schlief vier Stunden, Reimann zwei, Krüger gar nicht.

Die Nacht zum 16. verbrachten sie unter einem Tarnnetz aus Zweigen und Strohmatten in der südwestlichen Ecke der Plantage, das Geschützrohr in Richtung einer flachen Lichtung, von der aus sie die einzige Zufahrtsschneise einsehen konnten. Die Sowjets hatten ihre Suche eingestellt, sobald die Sonne untergegangen war. Vogel rechnete damit, dass sie bei Tagesanbruch zurückkehren würden, diesmal mit Infanterie.

Um 5:30 Uhr am 16. Oktober hörten sie Stimmen, russisch und gedämpft, etwa 400 Meter östlich, aufgesessene Infanterie, mindestens zwei Züge, die zwischen den Baumreihen vorrückten und die Plantage systematisch durchkämmten.

Vogel hatte mit Panzern gerechnet, nicht mit Fußtruppen, und das veränderte alles. Eine Wespe konnte zwischen Bäumen gegen T34 bestehen, weil die Geometrie der Plantage die Panzer in Positionen zwang. Gegen Infanterie, die zwischen den Stämmen verteilt vorrückte, war die offene Kampfwanne der Wespe ein Sarg. Die 8-mm-Seitenpanzerung hielt 7,62-mm-Gewehrkugeln auf 200 Meter nicht ab.

Um 6:30 Uhr feuerte Brand die letzte Panzergranate auf einen T34, der durch die Lichtung vorrückte. Treffer am Turmring, der Wagen brannte aus. Eine Sekunde nach dem Schuss riss es Vogel die Mütze vom Kopf. Ein Maschinengewehrstoß aus den Bäumen fegte quer über die Kampfwanne.

Brand schrie nicht, er klappte nur nach vorn, die Stirn gegen das Visier. Ein Splitter, vermutlich vom Visierkopf selbst, hatte ihm die rechte Schläfe aufgerissen. Blut lief über das Höhenrichtrad. Reimann zog ihn von der Richtschützenposition, lehnte ihn gegen die Munitionshalterung und drückte ein Verbandspäckchen auf die Wunde.

In genau diesem Moment versagte die Rücklaufbremse. Vogel sah es zuerst nicht, er hörte es. Beim nächsten Versuch, er war auf die Richtschützenposition geklettert, weil Brand kampfunfähig war, zog er den Abzug, und das Geschütz schlug zurück, aber der Rücklauf war zu lang, fast doppelt so lang wie normal. Das Rohr kam nicht in die Ausgangslage zurück.

Das hydraulische Bremssystem der 10,5-cm-Feldhaubitze arbeitete mit Glyzerin und Wasser. Bei einem Riss in der Dichtung sank der Druck, und der Vorholer konnte das Rohr nicht zurückführen. Vogel kletterte heraus und prüfte. Ein dünner Strahl Hydraulikflüssigkeit lief aus der Bremszylinderverkleidung. Ein Splitter, wahrscheinlich derselbe Stoß, der Brand verwundet hatte, hatte die Verkleidung gestreift und eine Dichtung beschädigt.

Krüger sah Vogel an. Reimann hielt Brands Kopf. Brand atmete flach, aber regelmäßig. Vogel hatte drei Möglichkeiten. Erstens: Rückzug, die Wespe abkoppeln und zu Fuß durch die Plantage nach Südwesten, um die Hauptkampflinie zu erreichen. Brand würde transportiert werden müssen, was die Geschwindigkeit halbierte.

Zweitens: Sprengung, das Geschütz mit der letzten Handgranate und der Restmunition vernichten, sich absetzen. Drittens, und Vogel formulierte diesen Gedanken nicht aus: die Bremse provisorisch reparieren und weiterkämpfen. Die Vorschrift kannte keine Felddichtung für hydraulische Rücklaufbremsen. Es gab kein Verfahren.

Vogel sagte zu Krüger: Lederriemen vom Werkzeugkasten, zwei Stück, das Fett aus dem Kettenkasten. Krüger verstand nicht sofort, aber er gehorchte. Vogel kletterte unter den Rücklaufzylinder. Die Dichtung war ein einfacher Pressring zwischen Zylindergehäuse und Kolbenstange.

Wenn er den Lederriemen, feuchtes, kräftiges Rindleder, fest um die beschädigte Stelle wickelte und mit Kettenfett abdichtete, würde das den Druckverlust nicht aufhalten. Aber er konnte den Druck zwischen jedem Schuss manuell wieder aufbauen, indem er Glyzerinöl aus dem Reservebehälter nachfüllte, der eigentlich für die Höhenrichtmaschine vorgesehen war. Pro Schuss vielleicht zwei Minuten Vorbereitungszeit. Pro Schuss eine Wartezeit, die jede Stellungsfeuerführung unmöglich machte. Aber er konnte schießen.

Während er arbeitete, kamen die russischen Stimmen näher, 300 Meter, 250 Meter. Krüger holte die MP40 aus der Halterung und gab Reimann eines der beiden Magazine. Vogel hörte das Klacken des Spannschiebers. Er sah nicht hin. Er wickelte den zweiten Lederriemen.

Um 7:11 Uhr war die Wespe wieder feuerbereit, eingeschränkt auf einen Schuss pro zwei Minuten, mit einem Mann zusätzlich am Vorholer, der nach jedem Schuss das Rohr von Hand in Stellung kurbeln musste. Brand war wach. Er sagte: Ich kann richten.

Vogel zögerte. Brands rechtes Auge war zugeschwollen, aber das linke, das Uhrmacherauge, funktionierte. Vogel half ihm zurück auf den Sitz. Reimann kroch nach Osten zur ersten Baumreihe und sah die Infanterie. Etwa 30 Mann in zwei lockeren Linien, dazwischen ein leichtes Maschinengewehr, ein DP-27, die Mündung in Richtung der Wespe. Hinter der Infanterie drei T34, langsam im Schritttempo, die Bäume seitlich abscheuernd.

Reimann kroch zurück und meldete. Vogel sah auf die Uhr. 7:16 Uhr. Die Umfassung war nicht mehr theoretisch. Sie war hier. Er sagte: Krüger, die Wespe in die Lehmgrube am Westrand. Sofort.

Am 17. Oktober, dem vierten Tag, um 5:51 Uhr schob Krüger die Wespe rückwärts in die Lehmgrube am westlichen Plantagenrand. Die Grube war keine Stellung im militärischen Sinne. Sie war ein Loch, ausgespült von einem Frühjahrsbach, der im Sommer ausgetrocknet war, gut zwei Meter tief, an den Rändern brüchig.

Vogel hatte sie am ersten Tag bemerkt und nicht erwähnt, weil eine Wespe, die in eine Lehmgrube fuhr, eine Wespe war, die nicht mehr herauskam. Aber jetzt brauchten sie keine Stellung, aus der man herauskam. Sie brauchten eine Stellung, von der aus man einen letzten Schuss abgeben konnte, ohne vorher selbst getroffen zu werden.

Krüger ließ die Wespe in die Grube gleiten und schaltete den Motor ab. Die Kampfwanne lag unter der Grassnarbe, nur das Geschützrohr ragte schräg nach oben. Vogel und Reimann tarnten das Rohr mit zwei Bündeln Apfellaub, die sie in der Nacht gesammelt hatten.

Brand lag auf der Munitionshalterung, das Verbandszeug durchgeblutet, aber er war wach und sprach in kurzen Sätzen. Drei Granaten lagen im Bordvorrat, alle drei Sprenggranaten, keine Panzergranaten mehr.

Nebel hing über der Plantage, dicker als an den Vortagen, etwa 60 Meter Sichtweite. Vogel hörte die Motoren der T34 von Norden. Drei Wagen, langsam im Schritttempo, dazwischen das schleifende Geräusch der Infanterie zwischen den Bäumen.

Der Brigadekommandeur hatte verstanden, dass die Wespe in der Plantage war, und kämmte sie systematisch von Norden nach Süden durch, in einer Linie mit Panzern und Fußtruppen kombiniert. Die mathematische Gewissheit lag bei den Sowjets. Zwölf Panzer, vermutlich 60 Infanteristen, gegen vier Mann, ein beschädigtes Geschütz und drei Granaten.

Vogel formulierte seine drei Möglichkeiten zum letzten Mal. Erstens: Selbstsprengung. Die letzten drei Granaten im Bordvorrat zur Detonation bringen, die Besatzung verlässt das Fahrzeug zu Fuß. Zweitens: Kapitulation. Weiße Fahne, was bei einer Wespenbesatzung, die elf T34 abgeschossen hatte, ein theoretischer Begriff war.

Drittens: in der Lehmgrube warten, bis der Brigadekommandantenwagen, Seisefs T34 mit der zweiten Antenne, den Vogel am Vortag durchs Fernglas identifiziert hatte, in die Schusslinie kam, und mit allen drei Granaten Flankenfeuer geben. Ohne Panzergranaten würde das Geschoss nicht durchschlagen, aber eine 10,5-cm-Sprenggranate mit Aufschlagzünder auf den Turmring eines T34 aus 200 Metern Seitenentfernung konnte den Turm blockieren, die Optik zerstören und die Besatzung mit dem Druckschock kampfunfähig machen. Vogel wählte den dritten Weg.

Um 6:27 Uhr sah Reimann durch die Lücke im Laub drei Wagen. Der mittlere hatte zwei Antennen. Distanz 210. Brand richtete mit dem linken Auge. Das beschädigte Rücklaufsystem zischte leise. Krüger hatte die Nacht damit verbracht, alle 90 Minuten Glyzerin nachzufüllen.

Vogel gab kein Kommando. Brand drückte ab. Die Sprenggranate verließ das Rohr mit 470 Metern pro Sekunde und schlug 0,4 Sekunden später in den Turmring des mittleren T34. Die Detonation hob den Turm um etwa fünf Zentimeter aus der Lagerung, verkeilte ihn und riss die Kommandantenkuppel ab.

Vogel sah durchs Fernglas, wie die beiden Begleitpanzer stoppten und ihre Geschütze in Richtung des Mündungsblitzes drehten. Krüger kurbelte den Vorholer von Hand. Reimann legte die zweite Granate ein. Brand richtete neu auf den linken Begleitpanzer, der sich gerade quer stellte. Treffer in die Kettenführung. Der Panzer drehte sich um die eigene Achse und blieb stehen.

Die dritte Granate kam nie zum Schuss. Eine 76,2-mm-Granate des rechten Begleitpanzers schlug in den Rand der Lehmgrube, drei Meter vor dem Geschützrohr der Wespe. Lehmbrocken regneten auf die Kampfwanne. Krüger wurde von der Druckwelle gegen den Vorholer geschleudert. Das linke Schlüsselbein brach hörbar.

Vogel zog ihn nieder, riss die Notladung der dritten Granate aus der Halterung und sagte zu Reimann: Beide Lederriemen, schnell. Sie banden Brand und Krüger zusammen, hoben sie über den hinteren Rand der Grube und krochen zu viert nach Westen durch die letzte Reihe Apfelbäume, dann in den Buchenwald jenseits der Plantage.

Hinter ihnen detonierten in der Lehmgrube die hinterlegte dritte Granate und die Restkartuschen, ausgelöst durch eine vorbereitete Zündschnur, die Vogel um 6:31 Uhr angesteckt hatte. Sie erreichten die deutsche Hauptkampflinie um 14 Uhr.

Brand überlebte. Krüger auch. Seisefs Brigade hatte in vier Tagen gegen eine Wespenbesatzung 13 T34 verloren. Der Heeresbericht der neunten Panzerdivision vom 19. Oktober 1943 formulierte: Oberfeldwebel Vogel hat durch außerordentliche Tapferkeit und ungewöhnliches taktisches Verständnis mit einem einzigen Geschütz das Vorrücken einer feindlichen Panzerbrigade über vier Tage zum Stillstand gebracht.

Vogel wurde am 4. November 1943 mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Heinrich Vogel überlebte den Krieg. Nach 1945 kehrte er als Landvermesser nach Heilbronn zurück, heiratete 1949, hatte zwei Töchter und sprach bis zu seinem Tod 1987 mit niemandem über die Plantage.

Auf die Frage seines Enkels, wie er es geschafft habe, soll er einmal gesagt haben: Es waren Winkel, Bäume in Reihen, mehr nicht. Die Wespe war eine leichte Feldhaubitze auf einem veralteten Fahrgestell. Auf dem Papier hatte sie gegen T34 nichts verloren. Aber zwischen Papier und Lehmgrube liegt der Mensch. Es war kein Geschütz, das diese vier Tage entschied.