30 T-34 suchten ihn 3 Tage lang — der Maus-Kommandant versteckte sich in einer Werkshalle

30 T-34 suchten ihn 3 Tage lang — der Maus-Kommandant versteckte sich in einer Werkshalle

Am 22. April 1945 kniete Hauptmann Friedrich Kerling um 5:47 Uhr in der Werkshalle 3 der Heeresversuchsstelle Kummersdorf neben dem rechten Laufrollenträger des Panzers Achtmaus. Er drückte mit dem Daumen Schmierfett in einen verklemmten Nippel. Die Halle war zur Hälfte eingestürzt, das Dach hing in einem Winkel von 22 Grad nach Westen abgesackt. Durch die zerborstene Glaswand fiel graues, körniges Licht. Es roch nach kaltem Maschinenöl, nassem Beton und dem süßlichen Rauch der brennenden Bahnstrecke bei Sperenberg.

Die Temperatur lag bei vier Grad über null. Kerling trug einen schwarzen Panzerwagenrock ohne Auszeichnungen, seine Mütze lag auf dem Geschützturm, seine Finger waren schwarz vom Fett. Auf einer Karte am Rumpf des Panzers, mit zwei Schraubenmuttern befestigt, war mit Rotstift ein Sektor markiert. Etwa 9000 Meter nordöstlich hatte die Funkstation um 5:31 Uhr eine Meldung des Spähtrupps Witzleben aufgefangen: 30 sowjetische Panzer vom Typ T-34/85, eine verstärkte Kompanie, durchkämmten das Waldgelände zwischen Sperenberg und Schöneiche. Sie suchten den Panzer, der vor Kerling stand.

Es war ein Fahrzeug von 88 Tonnen, 10,20 Meter lang ohne Rohr, bewaffnet mit einer 12,8-cm-Kampfwagenkanone L/55 und einer koaxialen 7,5-cm-Kanone. Die Mündungsgeschwindigkeit der Panzergranate 43 betrug 920 Meter pro Sekunde. Die Frontpanzerung maß 200 Millimeter bei einem Winkel von 52 Grad, die Turmfront 210 Millimeter. Auf dem Papier war der Panzer unzerstörbar. In der Praxis verbrauchte er 44 Liter Diesel auf den Kilometer, sank auf weichem Boden ein und konnte nur eine einzige funktionsfähige Brücke zwischen Berlin und Dresden überqueren.

Friedrich Kerling hatte vor dem Krieg in Hannover als Konstrukteur gearbeitet, bei einer Firma, die Walzwerke für Kupferbleche baute. Er sprach leise und selten. Sein kleines Erprobungskommando hatte in fünf Monaten gemeinsamer Arbeit gelernt, dass eine seiner Pausen mehr bedeutete als drei Sätze eines anderen Offiziers. Er trug eine runde Stahlbrille mit geflicktem Bügel, sein linkes Ohr war seit einem Treffer bei Selow am 18. April taub.

Drei Männer arbeiteten mit ihm. Oberfeldwebel Albrecht Henning, 46, vor dem Krieg Lokomotivführer aus Magdeburg, fuhr den Panzer. Obergefreiter Karl Hauschild, Lehrling aus Solingen, war Ladeschütze für die schwere Kanone. Unteroffizier Werner Pol, 24, gelernter Funker, bediente die Funkanlage FU 5 und das koaxiale Maschinengewehr. Vier Männer in einem Versuchsfahrzeug, das niemals in eine Frontserie gegangen war. Niemand hatte ihnen befohlen zu kämpfen. Niemand hatte ihnen befohlen, sich zurückzuziehen. Der Befehl von Generaloberst Heinrici lautete wörtlich: Erhaltung des Fahrzeugs unter allen Umständen, Vermeidung der Erbeutung durch den Gegner.

Um 5:53 Uhr trat Henning durch die Werkshallentür. Sein Mantel war nass vom Tau im Wald, an seinen Stiefeln klebte rotbrauner Lehm. Er sagte, sie seien im Forst, drei Spähpanzer, dahinter die Hauptkraft, acht Kilometer. Kerling antwortete nicht sofort. Er wischte den überschüssigen Schmierstoff vom Nippel, faltete den Lappen in der Mitte und legte ihn auf den Werkzeugkasten. Erst dann sagte er, sie sollten das Tor ganz schließen und den Zwischenspalt mit Sackleinen verhängen.

Henning blieb stehen und fragte, ob sie also nicht kämpften. Kerling schüttelte langsam den Kopf und nannte drei Möglichkeiten. Erstens: hinausfahren und sie auf offenem Feld annehmen. Bei der Sicht würden sie nach dem fünften Schuss zerstört, weil sie von drei Seiten umfasst würden. Zweitens: nach Westen in Richtung Jüterbog fahren. Sie kämen vier Kilometer weit, dann bliebe der Panzer im weichen Sand stehen und würde aus zwei Richtungen zerschossen. Er machte eine Pause von genau drei Sekunden. Drittens: hier in der Halle bleiben und sie suchen lassen.

Hauschild, der die Granaten zählte, sah auf. An Bord waren 14 panzerbrechende Schuss, 14 Sprenggranaten und 40 Schuss insgesamt für die schwere Kanone. Die Halle war 120 Meter lang, der Panzer stand am Ostende, das Tor lag im Westen. Auf dem Papier war das eine Falle. Kerling nickte: Genau das sollte es auch sein.

Um 6:10 Uhr schoben Henning und Pol gemeinsam das große Schiebetor aus dem Jahr 1938 in seiner verbogenen Laufschiene auf den letzten halben Meter zu. Es kreischte. Dann hängten sie zwei doppelt gefaltete Sackleinwände aus Munitionsverpackungen davor, hefteten die Säume mit Drahtklammern an die Holzrahmen und stellten an die Innenseite zwei zerbrochene Werkbänke. Von außen sah die Halle 3 aus wie jede andere zerstörte Halle des Geländes: eingestürztes Dach, schwarze Fensterhöhlen, verbrannte Träger.

Kerling stieg auf einen Holzbock und betrachtete sein Werk durch die Lücke zwischen den Sackleinen. Ein Mann auf einem Panzer, der 300 Meter entfernt vorbeiführe, würde in das Dunkel der Halle blicken und nichts erkennen außer Schutt. Genau das war die Idee.

Die erste sowjetische Spähpatrouille tauchte um 6:47 Uhr auf dem nördlichen Werkgleis auf. Drei T-34 fuhren in lockerem Abstand von 60 Metern langsam mit geöffneten Lukendeckeln, die Kommandanten halb herausgelehnt. Pol meldete sie über die Bordsprechanlage flüsternd, obwohl die Lautstärke draußen nichts ändern konnte. Kerling stand am rechten Sehschlitz des Turms und zählte. Der erste T-34 trug weiß aufgemalt die Nummer 314, der zweite die Nummer 318.

Sie fuhren an der Halle vorbei in einem Abstand von 80 Metern, drehten ihre Türme leicht nach rechts, leicht nach links, suchten Wärme, suchten Bewegung, suchten Spuren im Schotter. Die Spuren der Maus waren am Vortag mit Bauschutt aus dem Schuttkegel der Halle 4 zugeschüttet worden, zwei Stunden Arbeit von vier Männern. Jetzt zahlte sich diese Arbeit aus. Der erste T-34 hielt für genau elf Sekunden direkt vor dem Tor. Kerling hörte das Pulsieren des Dieselmotors W-2 mit 500 PS und hörte den Kommandanten etwas auf Russisch nach hinten rufen. Dann fuhr der Panzer weiter.

Kerling sagte gar nichts. Er hatte den linken Handschuh ausgezogen und drückte mit dem nackten Daumen gegen die kalte Stahlwand des Turms, weil er etwas brauchte, was kälter war als seine eigene Hand. Hauschild atmete neben ihm so leise, dass es klang wie Pulver, das durch ein feines Sieb rieselte. Pol flüsterte: Sie sind durch.

Sieben Minuten später kam die zweite Welle, diesmal sechs Panzer in zwei Reihen zu je drei. Sie hielten an der Kreuzung der Werksstraße. Ein Offizier stieg aus dem mittleren T-34 und ging mit einer Stabskarte zu Fuß bis zur Ecke der Halle 4, 90 Meter von Kerling entfernt. Kerling sah ihn durch das Scherenfernrohr des Kommandantenturms: ein Mann von etwa 30 Jahren in einem schwarzen Lederjackett, mit einer Mütze, deren rotes Sternemblem im Morgenlicht stumpf schimmerte. Der Offizier sprach in ein Handfunkgerät, drehte sich, deutete mit dem Arm nach Süden, steckte die Karte in die Brusttasche und ging zurück. Die Kolonne bog nach Süden ab und verschwand zwischen den Resten der Halle 1.

Genau in dieser Minute, um 7:00 Uhr, stieg Kerling vom Turm herab, ging zur rechten Wanne, setzte sich auf den Boden und reinigte das Optikgehäuse des Winkelspiegels Nummer 3 mit einem Lappen. Er tat es mechanisch, ohne darüber nachzudenken. Während er den Lappen drehte, fiel sein Blick auf eine Skizze, die Hauschild zwei Tage zuvor mit Bleistift in den Lack der Innenseite einer Granatenkiste gekratzt hatte: einen Querschnitt durch einen T-34/85 von der Seite. Hauschild hatte die Schweißnähte als doppelte Linien eingezeichnet, weil er den Panzer zerlegen wollte, wenn der Krieg vorbei war, um in Solingen eine Werkstatt zu eröffnen.

Eine bestimmte Naht zog Kerlings Blick an. Sie verlief am Übergang vom Turm zur Motorabdeckung, an der hinteren rechten Schulter des Turms, dort, wo bei den Modellen aus dem Werk 183 in Nischni Tagil die Decke des Triebwerksabteils unter dem Turmüberhang lag. Kerling stand auf, ging zum Tor, schob das Sackleinen einen Zentimeter beiseite und sah hinaus auf die zurückkehrende dritte Welle. Diesmal waren es 14 Panzer. Er beobachtete sie sechs Minuten lang, ohne sich zu bewegen.

Dann zog er sich zurück, ging zu Hauschild, deutete auf die Skizze und sagte, diese Naht sei offen, wenn sie an ihnen vorbeiführen. Kein Panzer auf der Welt schütze seinen Rücken so wie seine Front. Sie sei vielleicht geneigt, und der Winkel sei null. Hauschild verstand sofort. Pol, der mithörte, sagte leise, sie würden von hinten passieren müssen. Kerling nickte. Sie hätten sie schon zweimal von vorn passiert. Beim dritten Mal stünden sie zwischen ihnen und dem Tor, dann sähen sie ihre Rücken.

Er ging zur Karte, nahm den Rotstift, zeichnete eine Linie quer durch die Werkstraße vor der Halle 3 und schrieb eine Zahl daneben: 72 Meter. So weit war die Distanz vom Mündungsende der Kanone bis zur Mitte der Straße, wenn man die Sackleinen herunterriss und das Rohr durch die Toröffnung steckte. Bei 72 Metern und einer Mündungsgeschwindigkeit von 920 Metern pro Sekunde betrug die Flugzeit der Granate 78 Tausendstel einer Sekunde. Niemand, kein Kommandant der Welt, dreht in 78 Tausendstelsekunden einen Turm. Es war keine Strategie, es war Arithmetik.

Den ganzen Tag des 22. April und die folgende Nacht passierten sowjetische Panzer das Werksgelände dreimal. Jede Passage zählte Kerling mit Bleistiftstrichen auf der Innenseite seines Soldbuchs. Erste Welle: drei Spähpanzer. Zweite Welle: sechs Maschinen mit Offizier. Dritte Welle: 14 T-34/85. Vierte Welle in der Nacht: sieben Panzer mit aufgesetzten Scheinwerfern, die das Werksgelände in fahles Weiß tauchten und an den geschlossenen Toren der Halle 3 vorbeistrichen, ohne dass jemand absaß. 30 Panzer insgesamt.

Henning hatte recht gehabt. Sie suchten methodisch in Quadranten, mit jener Geduld, die in den letzten zwei Kriegsjahren in der Roten Armee gewachsen war wie ein Werkstoff. Sie würden die Maus finden. Es war nur eine Frage von Stunden.

Am 23. April um 4:51 Uhr traten die ersten zwölf Panzer zur Suche im engeren Kreis an. Ihre Aufstellung war jetzt geändert: keine Kolonne mehr, sondern eine breite Linie mit 60 Metern Abstand zwischen den Maschinen, fünf Panzer voraus, sieben in der zweiten Linie versetzt. Sie würden das Gelände abrasieren. Henning saß auf seinem Fahrersitz, hatte den Helm aufgesetzt und die Hände an den Lenkhebeln. Pol hatte das Funkgerät auf Empfang gestellt und das koaxiale MG 34 geladen, 500 Schuss in der Trommel, weitere 2000 in Kästen rechts vom Sitz. Hauschild stand am Verschluss der 12,8-cm-Kanone. Eine Panzergranate 43 lag bereits im Rohr.

Kerling stand am Kommandantenturm und hatte die Hand am Sehrohr. Um 5:02 Uhr fuhr der erste Panzer der zweiten Linie direkt an der Halle vorbei, in einem Winkel von etwa 20 Grad zur Toröffnung. Kerling sah seine rechte Seite, noch nicht den Rücken. Er wartete. Um 5:42 Uhr fuhren zwei weitere Panzer vorbei. Auch sie zeigten ihm Seitenpanzerung, 45 Millimeter bei 40 Grad. Er wartete.

Erst um 5:53 Uhr zog die Linie weiter, und der vierte Panzer mit der weißen Nummer 422 auf der Wanne hatte die Halle passiert und zeigte Kerling sein Heck. Hinter ihm der fünfte, der sechste, der siebte. Sieben Hecks frei sichtbar in einem Bogen von 20 Grad, alle auf etwa 80 bis 120 Metern Entfernung.

Kerling hatte jetzt drei Möglichkeiten. Erstens: weiter warten, bis die zweite Linie ebenfalls vorbei war, und dann auf 14 Hecks schießen. Bis dahin würde der erste Panzer der ersten Linie aber bereits den Hallenrücken erreicht haben und das Tor von hinten sehen. Zweitens: jetzt die Sackleinen reißen lassen und schießen, mit dem Risiko, dass die hintere Linie sich noch umdrehen konnte. Drittens: Kerling nahm das Mikrofon der Bordsprechanlage und sagte: Pol, die Leinen.

Pol zog am Drahtseil, das oben über eine Rolle lief und mit den Sackleinen verbunden war. Beide fielen gleichzeitig nach innen. Tageslicht stürzte in die Halle. Die 12,8-cm-Kanone der Maus, die schwerste Panzerkanone des Krieges, ragte durch die Öffnung. Kerling sagte: 420, Heck, 85 Meter. Hauschild bestätigte: Schuss.

Der Knall in der geschlossenen Halle war so laut, dass Pols Nase zu bluten begann. Die Granate traf den T-34/85 mit der Nummer 422 zwischen den hinteren Triebwerksgittern und der Turmbasis. Das Heck riss vom Rumpf, das Triebwerksabteil explodierte. Der Turm hob sich um 40 Zentimeter und sackte schräg zurück. Hauschild ließ die ausgestoßene Hülse aus dem Auswerfer rollen. Nach sieben Sekunden: 414, Heck, 110 Meter, Schuss, Treffer in den hinteren rechten Sektor des Turms an der Schweißnaht, die Hausschild auf der Granatenkiste skizziert hatte. Der zweite T-34 brannte sofort, der Turm verkantete sich, die Munition im Kampfraum ging in einer kleinen weißen Lichtkugel hoch.

Nach sieben weiteren Sekunden: 409, Heck, 140 Meter, Schuss, Treffer, Brand. Drei Panzer brannten in wenigen Sekunden. In der vierten Sekunde nach dem dritten Schuss begann die zweite Linie zu reagieren. Türme drehten sich nach links, suchten Ziele. Kerling sah es kommen und sagte ruhig: Henning, 20 Meter zurück.

Henning legte den ersten Rückwärtsgang ein. Die Maus rollte 20 Meter in den Schatten der Halle. Das Geschützrohr stand jetzt nicht mehr in der Toröffnung. Drei sowjetische Panzer schossen blind in die Halle. Eine 85-mm-Granate schlug zweieinhalb Meter über dem Turm der Maus in einen Stahlträger und detonierte dort, ohne den Panzer zu erreichen. Eine zweite ging durch die Sackleine, durch die Halle, durch die rückwärtige Wand, ohne etwas zu treffen. Eine dritte traf den Boden vor dem Tor und warf eine Wolke aus Schotter auf.

Kerling sagte wieder: vor. Hauschild, vierte Granate. In der zwölften Sekunde der zweiten Phase schlug Hauschilds Verschluss schief in der Führung. Der Auswurfhebel klemmte. Eine Granate, die er bereits eingeschoben hatte, saß nicht ganz im Patronenlager. Das Schloss wollte nicht. Hauschild fluchte nicht. Er griff zum Hebel mit beiden Händen. Er war 20, und seine Hände waren stärker, als zwei Hände zu sein hatten. Er drückte, der Hebel schnappte mit einem Klirren in die Sperrposition.

Genau in diesem Augenblick traf eine 85-mm-Granate die linke Turmseite der Maus. 210 Millimeter Panzerstahl hielten, aber ein Splitter, der durch die offene Ladeluke eindrang, riss Hauschild eine Wunde quer über das rechte Schulterblatt, zehn Zentimeter lang, zwei Zentimeter tief. Hauschild sagte nichts. Er legte die linke Hand auf die Wunde, sah einen Moment auf das Blut zwischen seinen Fingern, dann griff er mit der unverletzten Hand zur nächsten Granate. Kerling sah es und sagte nur: Schuss frei.

Hauschild lud, sieben Sekunden, einen Tick langsamer als zuvor. 43, Heck, 95 Meter, Schuss, Treffer. Vier Panzer brannten, dann die fünfte Granate, die sechste, die siebte. Sechs Panzer der hinteren Linie standen in Flammen. Der siebte hatte den Rückwärtsgang eingelegt und versuchte, sich hinter die Halle 1 zu schleppen, aber die achte Granate riss ihm das linke Kettenrad ab und ließ ihn quer auf der Straße liegen.

Kerling zählte: acht Schuss, sieben Treffer, sieben Brände, eine Bewegungsausschaltung. Hauschild zählte ebenfalls: 18 Granaten noch im Schott, eine im Rohr. Es war 5:07 Uhr. Vier Minuten und sechs Sekunden hatte die erste Phase gedauert.

Auf der westlichen Werksstraße lebte noch die vordere Linie, fünf Panzer, die bisher das Hallenrückgrat verdeckt hatte und die nun begriffen, was geschehen war. Sie schwenkten ein, formierten sich in einem weiten Halbkreis und begannen, die Halle aus drei Richtungen zu beschießen. Eine 85-mm-Granate schlug in die Toröffnung und riss den linken Pfosten heraus. Eine andere durchschlug das Dach und detonierte im Hallenrücken.

Henning sagte über die Bordsprechanlage: Herr Hauptmann, Sie wissen jetzt, wo wir stehen. Kerling nannte drei Möglichkeiten. Erstens: in der Halle bleiben und versuchen, durch die Toröffnung die fünf vorderen Panzer einzeln zu erlegen, bis die zweite, noch nicht eingetroffene Hälfte der Kompanie ankäme. Zweitens: das Tor durchbrechen und auf der Werkstraße kämpfen, in offenem Gelände, wo die Maus nicht manövrieren konnte. Drittens: die rückwärtige Wand der Halle durchbrechen, dorthin, wo niemand sie erwartete, und die fünf Panzer von ihrer eigenen schwachen Seite angreifen.

Die rückwärtige Wand war aus Ziegelmauerwerk, 60 Zentimeter stark. Hinter ihr lag ein freies Feld von etwa 200 Metern Breite. Kerling sagte: Henning, durch die Rückwand, volle Kraft. Henning bestätigte mit einem einzigen Wort.

Der Panzer Achtmaus beschleunigte aus dem Stand auf seine Höchstgeschwindigkeit von 13 Kilometern in der Stunde und schlug mit der Bugpanzerung in die Ziegelwand ein. Die Wand fiel wie nasses Papier. Die Maus stand im Freien hinter der Halle, mit Blick auf die offene Flanke der fünf restlichen sowjetischen Panzer, die noch immer auf die Toröffnung schossen. Sie sahen nicht, was kam.

Hauschild brauchte 28 Sekunden für vier Schüsse, vier Treffer, vier brennende T-34/85. Der fünfte schaffte es, seinen Turm zu drehen, und schoss zweimal: einmal vorbei, einmal in die Stirnpanzerung der Maus, wo 200 Millimeter den 85-mm-Treffer in einen heißen weißen Funkenkreis verwandelten, ohne Eindringung. Hauschilds zwölfte Granate dieses Tages traf ihn an der Turmbasis. Die Stille danach war so groß, dass Pol seine eigenen Ohren hörte.

18 Panzer in 21 Minuten. Die übrigen zwölf der 30 versuchten am Abend des 23. April noch einmal, aus dem Wald herauszukommen, wurden aber bei Sperenberg von Kerlings Schwesterzug aus zwei Jagdpanzern und einer 8,8-cm-Pak 43 abgefangen, ohne ihn zu erreichen.

In der Nacht vom 23. auf den 24. April erhielt Kerling Funkbefehl, das Fahrzeug zu sprengen und sich abzusetzen. Er las den Befehl zweimal, dann gab er ihn an Henning weiter. Um 3:41 Uhr am 24. April öffnete Hauschild mit einer linkshändigen Bewegung die Bodenklappe. Pol legte die Sprengladung an die Munitionskammer, und alle vier verließen die Maus durch die rückwärtige Bruchstelle. Die Detonation um 4 Uhr war im Süden Berlins zu hören.

Kerling erhielt am 27. April 1945 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Im Vorschlag des Kommandeurs hieß es wörtlich, Hauptmann Kerling habe mit einem einzelnen Versuchspanzer und einer Besatzung von vier Mann in einem Zeitraum von 42 Stunden eine verstärkte sowjetische Panzerkompanie zur Hälfte vernichtet und damit das Vordringen der gegnerischen Kräfte zwischen Kummersdorf und Jüterbog um drei Tage verzögert. Sein taktisches Vorgehen, die Nutzung der beschädigten Werkshalle als Versteck und die spätere Durchbrechung der rückwärtigen Mauer als Überraschungsmanöver, habe in keinem Punkt der gültigen Vorschrift entsprochen und sei allein seiner persönlichen Entscheidung zu verdanken.

Hauschild erhielt mit Schulterverband das Eiserne Kreuz erster Klasse. Henning und Pol erhielten das Eiserne Kreuz zweiter Klasse.

Friedrich Kerling geriet am 1. Mai 1945 nordwestlich von Magdeburg in britische Gefangenschaft, wurde im August 1947 entlassen, kehrte nach Hannover zurück und arbeitete bis 1976 wieder als Konstrukteur, diesmal bei einer Firma, die Maschinen für die Papierindustrie baute. Über den Kampf von Kummersdorf sprach er nur ein einziges Mal, im Herbst 1981 mit einem Militärhistoriker des Bundesarchivs, und auch dann nur 42 Minuten lang. Auf die Frage, ob er sich für einen mutigen Mann halte, antwortete er, er habe nur gerechnet. Er starb am 14. Februar 1987 in Hannover an einem Herzinfarkt, 72 Jahre alt.

Hauschild, dessen Schulter zeitlebens steif blieb, eröffnete tatsächlich eine kleine Werkstatt in Solingen und starb 1994. Henning kehrte nicht aus sowjetischer Gefangenschaft zurück, das Datum seines Todes ist unbekannt. Pol wurde Lehrer in Hamburg.

Auf dem Papier war der Panzer Achtmaus ein zu schweres, zu langsames, zu durstiges Versuchsfahrzeug, das niemand brauchte. In der Halle 3 von Kummersdorf war er drei Tage lang etwas anderes. Es war nicht der Panzer, der 18 T-34/85 vernichtete. Es war nicht die 200 Millimeter starke Front, nicht die 12,8-cm-Kanone, nicht die 920 Meter pro Sekunde. Es war ein Mann, der einen Lappen über eine Optik führte und an einer Schweißnaht hängen blieb. Eine Maschine ohne Kerling war 88 Tonnen Stahl. Mit ihm war sie etwas, was sich rechnen ließ.