Der 14. Februar 1929 sollte als einer der blutigsten Tage in der Geschichte des organisierten Verbrechens in die Annalen eingehen. Was an diesem Vormittag in einer Garage in Chicago geschah, hatte nichts mit den dramatischen Schießereien zu tun, die Hollywood später daraus machen sollte. Es war eine Hinrichtung, kalt, präzise und von brutaler Effizienz.
Sieben Männer standen an einer Backsteinmauer, die Hände erhoben. Keiner von ihnen zeigte Angst. Sie waren genervt, nicht verängstigt. Sie glaubten, verhaftet zu werden.
Zwei Männer in Polizeiuniformen waren in die Garage der SMC Cartage Company in der North Clark Street eingedrungen. Sie befahlen den Männern, sich mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen, und begannen mit einer Durchsuchung. Eine Routine-Razzia, dachten die Gangster. Ein Anwalt würde sie am Morgen wieder herausholen.
Was sie nicht wussten: Die Polizisten waren Schauspieler. Und die Razzia war eine Falle.
Die Männer an der Wand gehörten zur North Side Gang unter der Führung von George „Bugs" Moran. Sie waren erbitterte Feinde von Al Capone, der den Süden der Stadt kontrollierte. Der Krieg zwischen den beiden Lagern tobte seit Jahren und hatte bereits mehrere Tote gefordert.
Die Tarnung als Polizei war der geniale Kern des Plans. Kein Gangster würde eine Polizeirazzia als tödliche Bedrohung wahrnehmen. Sie stellten sich brav an die Wand, drehten der Tür den Rücken zu und warteten auf Handschellen.

Dann traten zwei weitere Männer in Zivilkleidung aus dem Hinterhalt hervor. Sie zogen ihre Mäntel aus und enthüllten zwei Thompson-Maschinenpistolen. Eine mit einem 20-Schuss-Magazin, die andere mit einer Trommel für 50 Schuss. Dazu kam eine abgesägte Schrotflinte.
Aus wenigen Metern Entfernung eröffneten sie das Feuer auf die wehrlosen Männer. Die .45-Kaliber-Munition der Thompson war schwer und langsam, aber verheerend. Sie riss Muskeln von Knochen und hinterließ beim Austritt aus dem Körper klaffende Wunden.
Die Schützen gingen methodisch vor. Sie feuerten in drei Durchgängen entlang der Reihe: einmal auf Kopfhöhe, einmal auf Brusthöhe, einmal auf Bauchhöhe. Insgesamt wurden etwa 70 Schüsse abgegeben, dazu kamen die Schrotflintenladungen.
Als die Waffen verstummten, bewegten sich noch mindestens zwei Männer am Boden. Die Schützen gingen hinüber und exekutierten sie mit gezielten Schüssen aus nächster Nähe. Die Gerichtsmedizin stellte später fest, dass zwei der Opfer keine Gesichter mehr hatten. Sie waren buchstäblich weggeschossen worden.
Einer der Toten war kein Gangster. Dr. Reinhardt Schwimmer, ein Augenarzt, war nur zufällig anwesend. Er fand Gangster interessant und verkehrte gern in ihren Kreisen. An diesem Morgen kostete ihn seine Neugier das Leben.
Die Mörder verließen die Garage so, wie sie gekommen waren: als Polizisten. Sie führten ihre beiden zivil gekleideten Komplizen mit vorgehaltener Waffe hinaus, als hätten sie sie gerade festgenommen. Für jeden Beobachter auf der Straße sah es aus wie eine erfolgreiche Razzia.

Doch die eigentliche Pointe dieser Tragödie offenbarte sich erst später. Das Ziel der gesamten Aktion war ein einziger Mann gewesen: Bugs Moran. Und Moran war nicht in der Garage.
Er war auf dem Weg dorthin, als er die Polizeiautos vor dem Gebäude sah. Er drehte sich um und ging. Die Tarnung, die seine Männer getäuscht hatte, rettete sein Leben. Die Mörder hatten stattdessen einen Mann namens Albert Weinshank erschossen, der Moran ähnlich sah.
Sieben Tote, darunter ein unschuldiger Arzt, und der eigentliche Zielperson war entkommen.
Als die echte Polizei eintraf, fand sie ein Schlachthaus vor. Sechs Leichen, Blut überall. Aber sie wurden von einem Geräusch zum Tatort geführt: ein heulender Hund.
Highball, ein Deutscher Schäferhund, gehörte einem der Toten, dem Mechaniker John May. Er war unter einem Bierlastwagen angebunden und hatte die gesamte Hinrichtung mitangesehen. Er war der einzige Zeuge, der nicht gekauft, eingeschüchtert oder zum Schweigen gebracht werden konnte.
Doch es gab noch einen Überlebenden. Frank Gusenberg, einer der Brüder, die zuvor versucht hatten, einen von Capones Männern zu ermorden, lebte noch. Er war 14 Mal getroffen worden – nicht 22 Mal, wie oft behauptet wird.

Der Polizeisergeant Clarence Sweeney, der am Tatort eintraf, kannte Gusenberg aus seiner Kindheit. Er beugte sich über den sterbenden Mann und fragte ihn, wer geschossen habe. Gusenberg, mit 14 Kugeln im Leib, blutend auf dem Betonboden, sah ihn an und sagte: „Niemand hat auf mich geschossen."
Er starb drei Stunden später, ohne ein einziges Wort zu verraten. Das war der Ehrenkodex dieser Welt: Schweigen bis zum Tod.
Weil Gusenberg schwieg, wurde die berühmteste Mordserie der amerikanischen Geschichte nie offiziell aufgeklärt. Al Capone, der alle für den Drahtzieher hielten, war zum Zeitpunkt des Massakers in Florida und wurde nie angeklagt.
Doch das Massaker wendete die öffentliche Meinung endgültig gegen ihn. Aus dem Volkshelden wurde ein Monster. Der daraus resultierende Druck führte schließlich dazu, dass die Bundesbehörden Capone auf anderen Wegen zu Fall brachten – wegen Steuerhinterziehung.
Die Ereignisse hatten noch weitere Folgen. Der Forensiker Dr. Calvin Goddard nutzte die Patronenhülsen aus der Garage, um die Wissenschaft der Ballistik zu etablieren. Er bewies, dass die Waffen der Polizei nicht benutzt worden waren und verband später zwei Thompson-Maschinenpistolen mit dem Massaker.
Und der öffentliche Schock über die Wirkung von Maschinenpistolen führte direkt zum National Firearms Act von 1934, dem ersten großen bundesstaatlichen Waffengesetz der USA.
Die Garage selbst wurde schließlich abgerissen. Die Backsteinmauer, an der die sieben Männer gestanden hatten, wurde Stein für Stein abgetragen und als makabre Souvenirs verkauft. Teile davon landeten in Museen.
Was an diesem Morgen geschah, war keine Schießerei. Es war keine heroische letzte Schlacht. Sieben Männer, die dachten, sie würden nur verhaftet, wurden kaltblütig hingerichtet. Ihre Gesichter wurden zerschossen, der Boden schwamm in Blut, ein Hund heulte unter einem Lastwagen, und ein Sterbender nahm das Geheimnis seiner Mörder mit ins Grab.
Hollywood hat daraus eine Actionszene gemacht. Die Realität war etwas ganz anderes: ein Exekutionskommando, dem sich die Opfer freiwillig stellten.