Amsterdam, 1945 – Die Jagd nach dem „holländischen Al Capone” beginnt: Dries Riphagen, einer der gefürchtetsten Judenjäger der Besatzungszeit, entkommt in einem Sarg über die Grenze – und lässt eine Spur der Verwüstung zurück, die bis heute nachhallt.
Der Krieg ist vorbei, aber die Rechnung ist offen. Während die Niederlande beginnen, die Wunden der deutschen Besatzung zu zählen, sucht die Justiz nach einem Mann, dessen Name in den Verhörprotokollen der Nachkriegszeit immer wieder auftaucht: Bernhardus Andreas Dries Riphagen. Er wird beschuldigt, für den Tod von mindestens 200 jüdischen Mitbürgern verantwortlich zu sein – durch Verrat, Erpressung und direkte Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst der SS.
Doch der Mann, der einst im Amsterdamer Vergnügungsviertel Rembrandtplein das Sagen hatte, ist nicht mehr aufzufinden. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel, das sich erst Wochen später in einem makabren Detail auflösen wird: Riphagen wurde in einem Sarg liegend, versteckt in einem Leichenwagen, über die niederländische Grenze nach Belgien geschmuggelt. Die Flucht des Mannes, der als „niederländischer Al Capone” in die Kriminalgeschichte eingehen sollte, ist eine Geschichte von Brutalität, Täuschung und einem Justizsystem, das an seinen eigenen Widersprüchen scheitert.
Geboren am 7. September 1909 in Amsterdam als achtes Kind einer zerrütteten Familie, kannte Riphagen Entbehrung und Vernachlässigung von klein auf. Seine Mutter starb, als er sechs Jahre alt war; sein Vater, ein Alkoholiker, kümmerte sich kaum um die Kinder.
Diese frühen Erfahrungen formten einen jungen Mann, der früh lernte, dass Gewalt und List die einzigen Währungen sind, die zählen. Mit 14 Jahren heuerte er bei der Handelsmarine an, fuhr auf Frachtschiffen über den Atlantik und verbrachte rund zwei Jahre in den Vereinigten Staaten, wo er für Standard Oil arbeitete. In den USA kam er erstmals mit der organisierten Kriminalität in Kontakt – eine Schule, die ihn nachhaltig prägte.
Mit 18 Jahren kehrte er nach Amsterdam zurück und tauchte vollständig in die Unterwelt der Stadt ein. Er wurde Zuhälter, handelte mit gestohlenem Schmuck und Gebrauchtwagen, organisierte illegale Glücksspiele und schreckte vor keiner Auseinandersetzung zurück. Sein auffälliger Lebensstil, seine Vorliebe für teure Anzüge und seine Verbindungen zur Unterwelt brachten ihm den Spitznamen ein, der ihn bis heute begleitet.
Als die Wehrmacht am 10. Mai 1940 in die Niederlande einmarschierte, änderte sich für Riphagen alles – aber nicht im Sinne einer Bedrohung, sondern im Sinne einer Chance. Die deutsche Besatzung, die nach der Kapitulation am 14.
Mai 1940 unter der Führung von Reichskommissar Arthur Seyss-Inquart stand, führte rasch antisemitische Maßnahmen ein. Juden wurden aus dem öffentlichen Dienst entfernt, ihre Unternehmen registriert und enteignet. Im Januar 1941 ordneten die Besatzer an, dass sich alle Juden registrieren lassen müssten – angeblich zu ihrem Schutz, tatsächlich aber zur Vorbereitung der Deportationen.
Mehr als 100. 000 Menschen wurden erfasst, darunter Tausende Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Ab dem 29.
April 1942 mussten Juden den gelben Davidstern tragen; wer ohne dieses Kennzeichen angetroffen wurde, riskierte die Deportation in das Konzentrationslager Mauthausen – ein Ort, der in den Niederlanden als nahezu sicheres Todesurteil galt.
In diesem Klima der Angst und Verfolgung eröffneten sich für Kriminelle wie Riphagen völlig neue Geschäftsfelder. Die Besatzungsbehörden waren bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, der ihnen half, die jüdische Bevölkerung aufzuspüren. Riphagen schloss sich dem Sicherheitsdienst der SS an und arbeitete eng mit dem SD zusammen.
Gemeinsam mit anderen Berufsverbrechern aus der Amsterdamer Unterwelt, darunter die berüchtigte Familie Oley, jagte er untergetauchte Juden, Schwarzmarkthändler und all jene, die ihr Vermögen vor den Deutschen versteckt hatten. Für jeden aufgegriffenen Juden erhielten die Jäger eine Prämie – zwischen 7,50 und 40 Gulden pro Person. Doch Riphagen begnügte sich nicht mit diesen Prämien.
Er unterschlug Wertgegenstände, eignete sich Wohnungen deportierter Juden an und häufte ein beträchtliches Vermögen an, das er auf Bankkonten in Belgien und der Schweiz deponierte. Einer seiner bekanntesten Fälle: Er versprach einer jüdischen Frau, ihr bei der Flucht nach England zu helfen, und zog nach ihrer Deportation mit seiner Familie in ihr luxuriöses Wohnhaus ein.
1943 schloss sich Riphagen der „Henrike Kolonne” an, einer Einheit, die 1942 von Wim Henneicke gegründet worden war und aus rund 50 Männern bestand – viele davon Berufsverbrecher. Allein zwischen dem 4. und 31.
März 1943 lieferte diese Kolonne 3. 190 jüdische Menschen an die deutschen Behörden aus, die sie anschließend in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor deportierten. Bis Ende 1943 hatte Riphagen ein Vermögen angehäuft, das ihm ein Leben in Luxus ermöglichte.
Im letzten Kriegsjahr arbeitete er für den SD in der Stadt Assen, wo er sich darauf spezialisierte, untergetauchte alliierte Piloten aufzuspüren und alliierte Waffenabwürfe zu überwachen. Seine Taten waren von einer Kaltblütigkeit geprägt, die selbst unter Kollaborateuren als extrem galt.
Als der Zweite Weltkrieg in Europa am 8. Mai 1945 endete, wusste Riphagen, dass seine Zeit abgelaufen war. Die niederländische Justiz suchte ihn wegen Verrats an jüdischen Menschen; die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass er für den Tod von mindestens 200 Menschen verantwortlich war.
Doch anstatt sich zu verstecken, tat Riphagen etwas Unerwartetes: Er nahm Kontakt zu Wim Evert Sanders auf, einem ehemaligen Widerstandskämpfer und Polizeichef der Stadt Enschede. Sanders erklärte sich bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten – nicht als Gefangener, sondern als sogenannter Privatgefangener unter Hausarrest. Im Gegenzug lieferte Riphagen Informationen über andere Kollaborateure und Unterstützungsnetzwerke der Nationalsozialisten.
Diese ungewöhnliche Vereinbarung hielt jedoch nicht lange. Im Februar 1946 gelang ihm mit Hilfe von Fritz und Piet Kerkhoven, zwei Männern aus der Amsterdamer Unterwelt, die Flucht. Die Brüder betrieben ein Transportunternehmen, das auch Bestattungen durchführte – und genau diese Tarnung nutzten sie für den Transport.
Riphagen wurde in einen Sarg gelegt und in einem Leichenwagen über die niederländische Grenze nach Belgien geschmuggelt.
Von Belgien aus führte ihn seine Flucht durch Frankreich und schließlich nach Spanien. Sein Sohn Rob erklärte später, Riphagen habe die Strecke von Belgien nach Spanien innerhalb von drei Monaten mit dem Fahrrad zurückgelegt. Im Mai 1946 wurde er in der spanischen Stadt Huesca angehalten, weil er keine gültigen Ausweispapiere besaß.
Er kam ins Gefängnis, wurde jedoch wieder freigelassen, nachdem sich ein Jesuitenpriester für ihn eingesetzt hatte. Unter der Auflage, sich ordnungsgemäße Ausweisdokumente zu beschaffen, erhielt Riphagen einen Nansen-Pass – ein Ausweisdokument für staatenlose Flüchtlinge. Zeitgleich versorgte ihn Fritz Kerkhoven mit Kleidung und Schuhen, in denen Diamanten verborgen waren, die Riphagen zuvor bei ihm deponiert hatte.
Als die niederländischen Behörden ihn schließlich in Madrid ausfindig machten, floh er im März 1948 gemeinsam mit einem Freund nach Argentinien. Die Adresse, die er dort angab, gehörte einem Jesuitenpriester – ein möglicher Hinweis auf Kontakte zu sogenannten Nazi-Rattenlinien, die jedoch nie nachgewiesen werden konnten.
In Argentinien angekommen, versuchte der niederländische Botschafter in Buenos Aires, Floris Caselius, Baron van Pallandt, Riphagens Auslieferung zu erreichen. Doch der Versuch scheiterte aus mehreren Gründen: Die vorliegenden Anklagepunkte bezogen sich überwiegend auf ältere Straftaten wie Autodiebstahl und Raub, und es lagen nicht genügend Beweise vor, um ihn wegen seiner Kriegsverbrechen strafrechtlich zu verfolgen. Im Mai 1951 berichtete die rechtsgerichtete argentinische Zeitung „La Razón”, dass der Oberste Gerichtshof entschieden habe, die verbliebenen Anklagen seien verjährt.
Riphagen verdankte seine Freiheit vor allem seinen Beziehungen zu Rodolfo Valenzuela, einem Richter am Obersten Gerichtshof Argentiniens und engen Vertrauten von Präsident Juan Perón. Durch Valenzuela knüpfte er enge Kontakte zu Perón und dessen dritter Ehefrau María Estela Martínez de Perón, besser bekannt als Isabelita. Diese Beziehungen pflegte er bis an sein Lebensende.
Riphagen ließ sich im Stadtteil Belgrano in Buenos Aires nieder, wo er eine Pressebildagentur betrieb. Darüber hinaus arbeitete er für den Geheimdienst Peróns und organisierte im Luna Park Boxveranstaltungen für seinen alten Bekannten aus Amsterdam, Jan Oley. Nach dem Sturz Peróns im Jahr 1955 reiste Riphagen quer durch Europa – vor allem zwischen Spanien, der Schweiz und Deutschland.
Dort lebte er gewissermaßen als Gigolo und umgab sich mit wohlhabenden Frauen, die ihn finanziell unterstützten. Sein Lebensabend war geprägt von einem gewissen Luxus, aber auch von der ständigen Angst vor Entdeckung. Dries Riphagen, der als schlimmster Kriegsverbrecher Amsterdams gilt, starb am 13.
Mai 1973 im Alter von 63 Jahren an Krebs in einer Privatklinik in der Schweizer Stadt Montreux. Er wurde nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen.
Die Geschichte von Dries Riphagen wirft ein grelles Licht auf die dunklen Kapitel der niederländischen Besatzungszeit. Sie zeigt, wie die deutsche Besatzung nicht nur politische Strukturen zerstörte, sondern auch kriminelle Energien freisetzte, die sich gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft richteten. Riphagen war kein Ideologe; er war ein Opportunist, der die Notlage Tausender Menschen ausnutzte, um sich zu bereichern.
Seine Flucht und sein ungestraftes Leben in Argentinien und Europa sind ein Beispiel für das Versagen der Nachkriegsjustiz, die in vielen Fällen nicht in der Lage war, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Die Erinnerung an seine Opfer – die Männer, Frauen und Kinder, die er den Deutschen auslieferte – bleibt jedoch wach. Sie sind die eigentlichen Protagonisten dieser Geschichte, auch wenn ihre Namen in den Akten oft nur als Zahlen auftauchen.
Die Jagd nach Dries Riphagen endete mit seinem Tod, aber die Aufarbeitung seiner Taten und die Frage nach Gerechtigkeit bleiben ein offenes Kapitel der niederländischen Geschichte.