Rom. Ein Name, der für das Grauen des Zweiten Weltkriegs in Italien steht, ein Massaker, das 335 unschuldige Menschen das Leben kostete, und ein Mann, der fast 50 Jahre unerkannt in Argentinien lebte: Erich Priebke. Nun, Jahrzehnte nach seinem Tod am 11.
Oktober 2013, sorgt der frühere SS-Hauptsturmführer erneut für einen Skandal, der die Gemüter in Italien und Deutschland erhitzt. Es geht nicht um neue Erkenntnisse zu seinen Verbrechen, sondern um die Frage, die ihn bis zuletzt begleitete: Wer ist bereit, diesen Mann zu begraben? Die Antwort, die nun ans Licht kommt, offenbart ein erschütterndes Netzwerk aus kirchlichen Strippenziehern, rechtsextremen Sympathisanten und einer Behörde, die vor einer Leiche kapitulierte.
Die Geschichte von Priebkes letztem Skandal beginnt nicht in einem Gerichtssaal, sondern in den kargen Hügeln nahe der italienischen Hauptstadt. Nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft wegen der Organisation des Massakers in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1944 verbrachte der gebrechliche Greis seine letzten Jahre unter Hausarrest in Rom.
Als er im Alter von 100 Jahren starb, hatte er einen letzten Wunsch geäußert: Er wollte neben seiner Ehefrau Alice in Argentinien beigesetzt werden, dem Land, das ihm fast ein halbes Jahrhundert lang Straffreiheit gewährt hatte. Doch dieser Wunsch wurde zur diplomatischen und moralischen Zerreißprobe. Die argentinischen Behörden, die Priebke 1995 ausgeliefert hatten, lehnten die Rückführung der Leiche umgehend ab.
Man wolle nicht, dass das Land erneut zum Rückzugsort für NS-Verbrecher werde, hieß es aus Buenos Aires. Die Botschaft war klar: Selbst im Tod war Priebke unerwünscht.
Die Weigerung Argentiniens zwang die Familie zu einer verzweifelten Suche nach einem letzten Ruheort. Sie wandten sich an Priebkes Geburtsort Henningsdorf, heute ein Ortsteil von Berlin. Doch auch dort stießen sie auf eine Mauer der Ablehnung.
Die Stadtverwaltung erklärte, man habe keinerlei rechtliche oder moralische Verpflichtung, die sterblichen Überreste eines Kriegsverbrechers anzunehmen. Die Befürchtung war zu groß, dass ein Grab zur Pilgerstätte für Neonazis aus ganz Europa werden könnte. Deutschland, das Land, für das Priebke gemordet hatte, verweigerte ihm die letzte Ehre.
Die Familie stand vor einem Scherbenhaufen, und die Leiche des Mannes, der einst über Leben und Tod entschied, lag nun in einem anonymen Kühlhaus in Rom, während Anwälte fieberhaft nach einer Lösung suchten.
In dieser Sackgasse trat ein Akteur auf den Plan, der die Tragweite seiner Entscheidung offenbar völlig falsch einschätzte: die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX).
Diese ultrakonservative Gruppierung, die sich 1988 von Rom losgesagt hatte, erklärte sich bereit, eine Trauerfeier für Priebke in ihrer Kirche in Albano Laziale, südöstlich von Rom, auszurichten. Für die Bruderschaft war es ein Akt der Nächstenliebe, für die Öffentlichkeit ein Skandal. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und innerhalb weniger Stunden formierte sich massiver Widerstand.
Antifaschistische Gruppen, Gewerkschaften und Überlebendenverbände riefen zu Protesten auf. Sie argumentierten, dass eine kirchliche Zeremonie für einen Mann, der eigenhändig zwei Menschen erschossen und Hunderte auf dem Gewissen hatte, eine Verhöhnung der Opfer und ihrer Familien sei.
Der Tag der geplanten Beisetzung, der 19. Oktober 2013, wurde zum Brennpunkt der Wut. Vor der Kirche in Albano versammelten sich Hunderte Demonstranten, darunter viele ältere Menschen, die die Schrecken des Krieges noch selbst erlebt hatten.
Sie skandierten Parolen und blockierten die Zufahrtsstraßen. Der Sarg mit Priebkes Leichnam, der in einem schlichten Begleitfahrzeug transportiert wurde, kam nur wenige hundert Meter vor dem Gotteshaus zum Stehen. Die Polizei, die mit einem Großaufgebot angerückt war, stand vor einem Dilemma.
Einerseits sollte die öffentliche Ordnung aufrechterhalten werden, andererseits war die Lage so aufgeheizt, dass jede Eskalation zu einer Katastrophe führen konnte. In einer chaotischen Szene, die an die dunkelsten Tage der italienischen Nachkriegszeit erinnerte, kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen rechtsextremen Sympathisanten, die versuchten, eine Gasse zum Sarg zu bilden, und der Menge der Gegendemonstranten.
Die italienischen Behörden zogen schließlich die Notbremse. Der Präfekt von Rom ordnete an, die Trauerfeier abzubrechen und den Sarg zu beschlagnahmen. Die Entscheidung fiel nicht aus Respekt vor den Opfern, sondern aus purer Angst vor einem Flächenbrand.
Der Sarg wurde von Polizeikräften aus dem Fahrzeug gehoben und unter massivem Schutz in ein geheimes Lager gebracht. Die Familie Priebkes, die sich bereits in der Kirche befand, wurde von der Polizei daran gehindert, an der Zeremonie teilzunehmen. Sie mussten tatenlos zusehen, wie der Leichnam ihres Vaters und Großvaters erneut in die Anonymität verschwand.
Der Skandal war perfekt: Ein toter Kriegsverbrecher, der von seinem eigenen Staat verstoßen wurde, von der Kirche im Stich gelassen und von der Polizei wie ein Staatsfeind behandelt wurde.
Doch damit endete die Posse nicht. Die Beschlagnahmung des Sarges warf die Frage auf, was mit der Leiche nun geschehen sollte. Wochenlang lag Priebke in einem Kühlhaus, während sich die Behörden weigerten, eine Entscheidung zu treffen.
Die Stadt Rom, das Bistum und die Region Lazio schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Niemand wollte die Kosten für eine Bestattung übernehmen, und niemand wollte den Ort preisgeben, aus Angst vor Demonstrationen. Es war eine beispiellose Situation in der italienischen Rechtsgeschichte: Ein Toter wurde zur politischen Geisel.
Die Familie reichte Klagen ein, um die Herausgabe des Leichnams zu erzwingen, scheiterte jedoch vor Gericht. Die Richter argumentierten, dass die öffentliche Sicherheit Vorrang vor den Pietätsrechten der Angehörigen habe.
Erst nach wochenlangem Tauziehen, das die italienische Öffentlichkeit in Atem hielt, gelang eine Lösung. Der Innenminister ordnete an, Priebke an einem geheimen Ort zu bestatten. Der Ort wurde nie offiziell bekannt gegeben, um eine Pilgerstätte zu verhindern.
Später sickerte durch, dass die Asche des Mannes, der einst in den Ardeatinischen Höhlen das Feuer auf wehrlose Gefangene eröffnet hatte, auf einem kleinen Friedhof in der Nähe von Rom verstreut wurde. Die Beisetzung fand im Morgengrauen statt, ohne Angehörige, ohne Priester, ohne Grabstein. Es war ein Akt der Auslöschung, eine bewusste Tilgung aus dem kollektiven Gedächtnis.
Doch genau diese Geheimnistuerei nährt bis heute die Fantasie von Rechtsextremen, die in Priebke einen Märtyrer sehen.
Der Fall Priebke ist mehr als nur die Geschichte eines verhinderten Begräbnisses. Er wirft ein grelles Licht auf die bis heute unaufgearbeitete Rolle der katholischen Kirche bei der Fluchthilfe für NS-Verbrecher. Die Priesterbruderschaft St.
Pius X. , die sich bereit erklärt hatte, die Trauerfeier auszurichten, steht in der Tradition der sogenannten Rattenlinien, über die viele Nazis nach Südamerika entkamen. Bischof Alois Hudal, der Priebke nach eigenen Angaben half, war ein bekannter Sympathisant des Nationalsozialismus.
Die Weigerung der Kirche, sich von diesem Erbe zu distanzieren, und die Bereitschaft, einem Massenmörder eine kirchliche Zeremonie zu gewähren, haben tiefe Wunden hinterlassen. Die Gläubigen in Italien, viele von ihnen Nachfahren der Opfer, fühlen sich von ihrer Institution verraten.
Gleichzeitig zeigt der Fall, wie fragil der Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland und Italien immer noch ist. Während die offiziellen Staatsführungen klare Kante gegen Rechtsextremismus zeigen, gibt es in der Gesellschaft und in kirchlichen Randgruppen immer noch ein gefährliches Maß an Verständnis für die Täter. Die Tatsache, dass Priebke fast 50 Jahre lang unbehelligt in Argentinien leben konnte, obwohl seine Identität bekannt war, ist ein Versagen der internationalen Justiz.
Und die Tatsache, dass seine Leiche bis heute wie ein Staatsgeheimnis behandelt wird, zeigt, dass die Angst vor einer Verherrlichung des Nationalsozialismus immer noch allgegenwärtig ist. Die Behörden haben aus der Geschichte gelernt, aber die Lehren sind brüchig.
Für die Familien der 335 Opfer der Ardeatinischen Höhlen ist der Fall Priebke jedoch längst nicht abgeschlossen. Viele von ihnen kämpfen bis heute um Entschädigung und Anerkennung. Der Skandal um das Begräbnis hat alte Wunden wieder aufgerissen.
Sie sehen es als Hohn, dass ein Mann, der ihre Väter, Brüder und Söhne ermordet hat, überhaupt eine Trauerfeier erhalten sollte. Sie fordern, dass die Erinnerung an die Opfer in den Mittelpunkt gerückt wird, nicht die Frage, wo der Täter begraben liegt. Die Gedenkstätte in den Ardeatinischen Höhlen, die heute ein Mahnmal ist, bleibt der einzige Ort, an dem die Wahrheit sichtbar ist.
Dort liegen die Steine, die die Eingänge verschlossen, und dort sind die Namen der Ermordeten in den Fels gemeißelt.
Die juristische Aufarbeitung des Falles Priebke ist ebenfalls ein Lehrstück. Seine Auslieferung nach Italien im Jahr 1996 und die anschließenden Prozesse waren von Skandalen geprägt. Zunächst wurde er wegen der Verbrechen verurteilt, dann aus formalen Gründen wieder freigelassen, was zu einem Sturm der Entrüstung führte.
Erst ein Berufungsgericht verhängte 1998 die lebenslange Haftstrafe. Doch auch diese wurde nie vollstreckt, da man dem 85-Jährigen Hausarrest gewährte. Priebke selbst zeigte bis zuletzt keine Reue.
In Interviews wiederholte er gebetsmühlenartig, dass er nur Befehle ausgeführt habe. Diese Haltung, die er bis zu seinem Tod aufrechterhielt, macht ihn bis heute zur Hassfigur. Er war kein kleiner Befehlsempfänger, sondern ein aktiver Organisator, der die Listen zusammenstellte und selbst schoss.
Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob der Skandal um sein Begräbnis Konsequenzen haben wird. In Italien wird eine Verschärfung der Gesetze gegen die Leugnung von NS-Verbrechen diskutiert. Die Priesterbruderschaft St.
Pius X. steht unter Druck, sich von ihrem Angebot zu distanzieren. Bislang hat sie jedoch keine Reue gezeigt.
Man habe einem Sterbenden den letzten Trost spenden wollen, hieß es in einer Stellungnahme, die wie eine Provokation wirkt. Die deutsche Regierung schweigt zu dem Fall, wohl wissend, dass jede Äußerung die Wunden weiter aufreißen würde. Dabei wäre ein klares Wort längst überfällig.
Die Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit endet nicht mit dem Tod der Täter, sie verpflichtet die Nachgeborenen zu einer unmissverständlichen Haltung.
Die Geschichte von Erich Priebke ist eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten. Eine Geschichte, in der ein Mörder fast 50 Jahre lang in Freiheit lebte, in der die Kirche ihm half und in der die Justiz versagte. Sein letzter Skandal, das verhinderte Begräbnis, ist die logische Konsequenz dieser Kette von Fehlentscheidungen.
Er zeigt, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit nie abgeschlossen ist, solange es Menschen gibt, die bereit sind, die Täter zu rehabilitieren. Die Beisetzung an einem geheimen Ort mag ein Versuch sein, die Erinnerung zu begraben, aber sie wird scheitern. Die Wahrheit über die Ardeatinischen Höhlen, über die 335 Ermordeten und über die Schuld eines Mannes, der niemals bereute, ist stärker als jeder Sarg.
Sie wird weiterleben, solange es Menschen gibt, die sich erinnern und die für Gerechtigkeit kämpfen.
Die Demonstranten vor der Kirche in Albano haben an jenem Tag im Oktober 2013 nicht nur einen Sarg gestoppt. Sie haben ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen, dass die Gesellschaft nicht bereit ist, die Täter zu ehren.
Ein Zeichen, dass die Opfer nicht vergessen sind. Die Bilder von den Protesten, die um die Welt gingen, haben mehr bewirkt als jedes Gerichtsurteil. Sie haben gezeigt, dass die Zivilgesellschaft wachsam ist.
Und sie haben der Familie Priebkes klargemacht, dass ihr Kampf um ein ehrenvolles Begräbnis ein Kampf gegen die Geschichte war, den sie niemals gewinnen konnten. Erich Priebke, der Mann, den niemand begraben wollte, ist nun dort, wo er hingehört: in der Anonymität, vergessen von denen, die ihn einst verehrten, und verachtet von allen, die um die Wahrheit wissen. Sein Name wird in den Geschichtsbüchern stehen, aber nicht als Held, sondern als Mahnung.