Als sich im September 1841 über dem Bois de Boulogne bei Paris der Nebel lichtete, stand Heinrich Heine seinem Gegner gegenüber. Der berühmteste deutsche Dichter seiner Zeit war zu einem Duell angetreten – der Grund war ein Buch, in dem er eine Frau beleidigt hatte. Eine Kugel traf seinen Oberschenkel, die Wunde war nicht tödlich. Doch es sollte sein letztes Duell in einem Leben voller Kämpfe bleiben, die er meist mit der Feder ausgetragen hatte.

Heinrich Heine, geboren am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf, wuchs in einer Zeit auf, in der Napoleon die alten Gesetze gegen Juden hinweggefegt hatte. Als Junge stand er in der Menge und sah den Kaiser auf weißem Pferd durch die Stadt reiten – ein Moment, der ihn für immer prägte. Nach dem Sturz Napoleons kehrten die alten Beschränkungen zurück, und die kurze Zeit der Gleichberechtigung war vorbei.
Sein Vater, ein gescheiterter Tuchhändler, konnte die Familie nicht ernähren. So schickte man den jungen Harry, wie Heine damals hieß, nach Hamburg zu seinem Onkel Salomon Heine, einem der reichsten Bankiers der Stadt. Dort sollte er das Geschäft erlernen. Die Firma, die der Onkel ihm einrichtete, war nach weniger als einem Jahr bankrott.
Statt zu rechnen, schrieb Harry heimlich Gedichte. In Hamburg verliebte er sich in seine Cousine Amelie – oder vielleicht doch in deren Schwester Therese. Die Forschung ist sich bis heute nicht sicher. Sicher ist nur, dass die unerfüllte Liebe zu einem der berühmtesten Lyrikwerke deutscher Sprache führte: dem „Buch der Lieder“.
Auf Drängen der Familie begann er ein Jurastudium. In Göttingen trat er einer Studentenverbindung bei und wurde wegen seiner jüdischen Herkunft ausgeschlossen. Am 28. Juni 1825, einen Tag vor seiner Doktorprüfung, ließ er sich evangelisch taufen.
Aus Harry wurde Heinrich. Er selbst nannte die Taufe später „Eintrittskarte in die europäische Kultur“ – eine Karte, die nach Verrat roch. Die Taufe brachte ihm nicht, was er erhofft hatte. Eine Professur blieb ihm verwehrt, die Christen sahen in ihm weiterhin den Juden, die Juden einen Verräter.
Er stand zwischen allen Stühlen – für einen Satiriker die ideale Position. Mit dem „Buch der Lieder“ wurde Heine 1827 über Nacht berühmt. Seine Verse klangen wie Volkslieder, als hätten sie schon immer existiert. Die „Lorelei“, ein Gedicht über eine Nixe am Rhein, das er selbst erfunden hatte, wurde so deutsch, dass selbst die Nazis es später nicht verbieten konnten.
Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn vertonten seine Gedichte. Doch sein Erfolg machte ihm Feinde. In seinen Reisebildern verspottete er die deutschen Fürsten, die Zensur und die Kirche. Als der Dichter August von Platen ihn mit antisemitischen Stereotypen angriff, schlug Heine zurück – mit einer brutalen, homophoben Schmähschrift, die einen gewaltigen Skandal auslöste.
Platens Gazelen liest heute niemand mehr, Heines Lieder singt man noch immer. Doch der Streit kostete Heine seine letzte Hoffnung auf eine Professur in München. Als im Juli 1830 die Revolution in Paris ausbrach, war Heine elektrisiert. Im Mai 1831 verließ er Deutschland für immer.
Die Zensur hatte seine Bücher verboten, er galt als Staatsfeind. Paris, die Stadt der Revolutionen und Exilanten, nahm ihn auf. Dort lernte er 1834 in einem Schuhgeschäft eine junge Verkäuferin kennen, die nicht lesen konnte. Crescence Eugénie Mirat, von Heine Mathilde genannt, war das genaue Gegenteil der gebildeten Salon-Damen, die er kannte.
Sie wusste nicht, wer er war, und genau das liebte er an ihr. Sieben Jahre lebten sie zusammen, bevor sie heirateten – aus einem pragmatischen Grund: Am Tag nach der Hochzeit sollte Heine sich duellieren, und im Falle seines Todes wollte er Mathilde abgesichert wissen. Die Ehe war stürmisch. Mathilde war eifersüchtig, verschwenderisch, hatte ein heftiges Temperament.
Sie sprach kein Deutsch und las nie eine Zeile von ihm – 22 Jahre lang. In Paris bewegte sich Heine im Kreis der größten Geister seiner Zeit: Honoré de Balzac, George Sand, Frédéric Chopin, Hector Berlioz. Auch Karl Marx, ein entfernter Verwandter, gehörte zu seinen Bekannten. Sie diskutierten nächtelang, doch Heine blieb Dichter.
„Ich liebe den Aufstand, aber ich liebe nicht die Aufständischen“, schrieb er. Ein Ereignis erschütterte ihn zutiefst: Vor der Küste von Boulogne-sur-Mer zerschellte das Schiff „Amphitrite“ mit deportierten Frauen an Bord. Heine stand am Strand und musste zusehen, wie das Meer die Leichen anspülte. Das Bild verfolgte ihn sein Leben lang.
Sein Streit mit dem Schriftsteller Ludwig Börne, ebenfalls Jude und Exilant, wurde zur Feindschaft. Nach Börnes Tod 1837 schrieb Heine eine Abrechnung, in der er auch Börnes Vertraute Jeanette Wohl beleidigte. Deren Ehemann forderte Satisfaktion – es kam zum Duell, bei dem Heine in den Oberschenkel getroffen wurde. In den frühen 1840er Jahren zeigten sich die ersten Symptome seiner Krankheit: Schwäche in den Beinen, Zittern, Sehprobleme.
Die Ärzte rätselten. Erst 1997 fand eine Haaranalyse die wahrscheinliche Ursache: chronische Bleivergiftung, die sein Nervensystem langsam zerstörte. Im Mai 1848 verließ Heine zum letzten Mal seine Wohnung. Er wollte die Venus von Milo im Louvre sehen.
Vor der Statue brach er zusammen und weinte. „Ich lag zu ihren Füßen und weinte so heftig, dass selbst ein Stein hätte Mitleid haben müssen“, schrieb er später. „Und die Göttin blickte auf mich herab, mitleidig, ja, aber ohne Arme, um mir zu helfen. “
Es folgten acht Jahre in seinem Bett, das er selbst „Matratzengruft“ nannte.
Gelähmt, fast blind, von Schmerzen geplagt, diktierte er seine Gedichte. Das Morphium dämpfte den Schmerz, aber er nahm weniger als nötig, um klar denken zu können. Sein Humor blieb ihm bis zuletzt. „Gott wird mir vergeben, das ist schließlich sein Beruf“, soll er gesagt haben.
Ein Jahr vor seinem Tod trat eine andere Frau in sein Leben: die Schriftstellerin Elise Krinitz, die er „Mouche“ nannte. Sie las ihm vor, schrieb seine Diktate auf, hörte zu. Die letzten Gedichte, die er schrieb, galten ihr. Mathilde duldete die Besuche – auch wenn sie die Gespräche nicht verstand, wusste sie, dass diese Frau ihrem Mann etwas gab, was sie selbst nicht geben konnte.
Am 17. Februar 1856 starb Heinrich Heine in Paris. Er wurde auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt, ohne religiöse Zeremonie, wie er es verfügt hatte. Sein Wunsch war ein Degen auf dem Sarg: „Ich war ein tapferer Soldat im Befreiungskrieg der Menschheit.
“
Nach seinem Tod geriet Heine zwischen die Fronten. In Deutschland wollte man ihm lange kein Denkmal setzen. Als es 1899 schließlich errichtet wurde, stand es nicht in Düsseldorf, sondern in New York. 1933 verbrannten die Nationalsozialisten seine Bücher – und druckten die „Lorelei“ trotzdem weiter, mit dem Vermerk „Verfasser unbekannt“.
Düsseldorf versöhnte sich erst spät mit ihrem großen Sohn. Seine Zeile aus dem Drama „Almansor“ – „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ – wurde zur Prophezeiung, die er 112 Jahre vor den Bücherverbrennungen schrieb. Heute steht sie in Stein gemeißelt vor Bibliotheken und Gedenkstätten in aller Welt.
Sie gehört zur Welt, wie die „Lorelei“, die noch immer gesungen wird, oft ohne dass die Sänger den Namen des Verfassers kennen.