Im Sommer 1943 erhält William Donovan, der Leiter des amerikanischen Geheimdienstes OSS, ein Dokument, das Geschichte schreiben wird. Es umfasst 125 Seiten, hat keinen Titel und keinen Absenderstempel. Doch sein Inhalt ist brisant: Charakterprofile von über 150 deutschen Künstlern – Schauspieler, Regisseure, Musiker, Schriftsteller. Für jeden einzelnen gibt der Verfasser eine Einschätzung ab: Wer ist überzeugter Nationalsozialist, wer Mitläufer, wer hat Widerstand geleistet, und wer ist so kompromittiert, dass er nie wieder eine öffentliche Rolle spielen darf?

Der Verfasser sitzt 3. 000 Kilometer entfernt auf einer Farm in Vermont. Er züchtet Ziegen, hackt Holz, spricht kaum Englisch – und war einst der erfolgreichste Bühnenautor der Weimarer Republik. Sein Name: Carl Zuckmayer, geboren 1896 in Nackenheim am Rhein, Autor des „Hauptmanns von Köpenick“.
Zuckmayers Leben beginnt in einer behüteten bürgerlichen Kindheit. Der Vater betreibt eine Fabrik für Weinkapseln, die Mutter Amalie stammt aus einer Familie mit jüdischen Wurzeln – ein Umstand, der in der Familie verschwiegen wird. Schon als kleiner Junge belauscht Carl ein Gespräch, das nicht für seine Ohren bestimmt ist: Seine Mutter weint, es fallen Worte über Vorsicht und darüber, dass bestimmte Verwandte nicht mehr eingeladen werden. Dieses Schweigen prägt ihn.
1915 meldet sich der 18-Jährige als Kriegsfreiwilliger. Die Euphorie weicht schnell dem Grauen des Grabenkriegs an der Westfront. Er überlebt, viele seiner Kameraden nicht. Eine Nacht verfolgt ihn sein Leben lang: Ein verwundeter französischer Soldat liegt stundenlang schreiend im Niemandsland und stirbt, weil ihm niemand helfen kann.
Zuckmayer wird später den Krieg hassen – nicht als politisches Statement, sondern als tiefe körperliche Ablehnung dessen, was Menschen einander antun können. Nach dem Krieg kehrt er als anderer Mensch zurück. Er studiert, heiratet überstürzt Anne Marie Ganz – die Ehe scheitert nach einem Jahr an einer Affäre mit der Schauspielerin Annemarie Seidel. Sein erstes Stück „Kreuzweg“ wird 1921 in Berlin ein Flop, eine Anstellung als Dramaturg in Kiel endet nach einer zu freizügigen Inszenierung.
Zuckmayer geht nach Berlin. In der Hauptstadt der 20er Jahre bekommt er eine Chance beim großen Regisseur Max Reinhardt. 1925 gelingt ihm mit der Komödie „Der fröhliche Weinberg“ der Durchbruch – ein Skandal, der ausverkaufte Häuser bringt und ihm den Kleistpreis einbringt. Im selben Jahr heiratet er die Schauspielerin Alice Herdan.
Es ist der Beginn einer 52-jährigen Ehe. 1930 schreibt Zuckmayer das Drehbuch zu Josef von Sternbergs Film „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich. Der Film wird ein Meisterwerk der Kinogeschichte, doch der Autor bleibt im Schatten. Wenig später arbeitet er an seinem größten Stück: „Der Hauptmann von Köpenick“.
Es erzählt die wahre Geschichte des Schuhmachers Wilhelm Voigt, der 1906 mit einer gestohlenen Hauptmannsuniform Soldaten kommandierte und den Bürgermeister von Köpenick verhaftete – ein Stück über blinden Gehorsam und die Absurdität eines Systems, das Uniformen über Menschen stellt. Die Premiere am 5. März 1931 wird ein überwältigender Erfolg. Doch draußen marschieren die Braunhemden.
Nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 wird Zuckmayer zum Staatsfeind erklärt. Am 10. Mai 1933 werden seine Bücher auf dem Berliner Opernplatz verbrannt.
Er und seine jüdische Frau Alice ziehen sich in ihr Haus in Henndorf bei Salzburg zurück – Österreich ist noch nicht Teil des Reiches. Fünf Jahre lang leben sie in der Illusion, dort sicher zu sein, umgeben von anderen Emigranten wie Max Reinhardt, Franz Werfel und Stefan Zweig. Der Anschluss Österreichs im März 1938 zerstört diese Illusion. Die Zuckmayers fliehen über die Schweiz nach Frankreich, dann durch Spanien nach Portugal und schließlich per Schiff nach New York.
1940 erreichen sie Amerika – mittellos, sprachlos, heimatlos. In Hollywood will sie niemand haben. Neue York entpuppt sich als zu teuer, zu überwältigend. Der berühmte Dramatiker, der Millionen Menschen zum Lachen gebracht hat, zieht mit seiner Familie auf eine Farm in Vermont.
Die Jahre dort sind Jahre harter körperlicher Arbeit. Er mistet Ställe aus, hält Ziegen und Hühner, überlebt eisige Winter bei minus 30 Grad. In den Nächten schreibt er – an einem Stück über einen deutschen General, der gegen Hitler ist, aber für ihn fliegt. „Des Teufels General“ wird sein bedeutendstes Werk.
Die Nachrichten aus Europa sind düster: Freunde sterben, werden verhaftet, verschwinden. Stefan Zweig nimmt sich 1942 in Brasilien das Leben. 1943 kommt ein Brief von einem Mann, den Zuckmayer nicht erwartet hat: von Herrn Alt, einem Mann aus einem früheren Leben. Aber das ist eine andere Geschichte.
Der eigentliche Wendepunkt kommt vom Office of Strategic Services – dem amerikanischen Geheimdienst, der später zur CIA wird. Die Amerikaner suchen Menschen, die Deutschland kennen und unterscheiden können zwischen Überzeugungstätern und Mitläufern. Zuckmayer soll ein Gutachten über die deutsche Kulturszene schreiben. Er zögert.
Wer ist er, über andere zu richten? Er kennt diese Menschen – hat mit ihnen gelacht, gestritten, gearbeitet. Manche waren Freunde, manche Rivalen. Und er selbst?
Er ist emigriert, aber er ist auch geblieben, solange es ging. Er hat Kompromisse geschlossen, die ihm heute unangenehm sind. Alice warnt ihn: „Es wird dich zerreißen. Du wirst dich für den Rest deines Lebens fragen, ob du gerecht warst.
“ Trotzdem nimmt er den Auftrag an – weil er weiß: Wenn er es nicht tut, wird es jemand anderes tun. Jemand, der die Menschen nicht kennt, jemand, der Unschuldige verdammt und Schuldige laufen lässt. Monatelang arbeitet er nachts an dem Dokument. Er entwickelt Kategorien: „Positiv“ für klare Antifaschisten, „Negativ“ für überzeugte Nationalsozialisten, „Belastet“ für Mitläufer und Opportunisten – und eine vierte Kategorie, die er die „tragischen Fälle“ nennt: Menschen, die schuldig wurden, ohne schuldig sein zu wollen, aus Angst, aus Schwäche.
Er schreibt über Gustav Gründgens, den Intendanten des preußischen Staatstheaters – zwischen Begabung und Anpassung. Über Werner Krauss, den Schauspieler des antisemitischen Propagandafilms „Jud Süß“ – talentiert, aber charakterlich schwach. Über Leni Riefenstahl – verblendet, unbelehrbar. Und über Wilhelm Furtwängler, den Dirigenten, der Juden half, während er für ihre Mörder Musik spielte – den komplexesten Fall von allen.
Jede Seite nagt an ihm. Er verurteilt Menschen, mit denen er gelacht hat, und rehabilitiert Menschen, die er nie mochte. Manchmal fragt er sich, ob er das Recht hat zu richten. Eine Antwort findet er nicht.
Im Sommer 1943 ist das Dokument fertig. Die Reaktion aus Washington: Die Amerikaner sind zufrieden, das Dokument wird bei der Planung für die Nachkriegszeit und bei der Entnazifizierung verwendet. Jahrzehnte später, als die Archive geöffnet werden, stellen Historiker fest: Zuckmayers Einschätzungen haben in mindestens 30 Fällen die Entscheidungen der Entnazifizierungsausschüsse beeinflusst. Werner Krauss wird zunächst mit Auftrittsverbot belegt, dann rehabilitiert – Zuckmayers Urteil „schuldig, aber nicht unrettbar“ hat ihm möglicherweise einen Neuanfang ermöglicht.
Andere Karrieren enden, Menschen erfahren nie, wer über sie geurteilt hat. Nach dem Krieg kehrt Zuckmayer 1946 im Auftrag der amerikanischen Regierung zum ersten Mal nach Deutschland zurück. Was er sieht, verschlägt ihm die Sprache: Städte in Trümmern, Hunger, Elend – und die allgegenwärtige Frage: Wer war schuldig, und wer war nur ein Opfer der Umstände? Im November 1946 wird in Zürich „Des Teufels General“ uraufgeführt – die Geschichte des Generals Harras, eines Fliegers, der Hitler verachtet, aber für ihn fliegt, bis er erkennt, dass seine Kompromisse ihn zum Mittäter gemacht haben.
Das Stück wird zum größten Bühnenerfolg der Nachkriegszeit. Die deutschen Zuschauer weinen – sie sehen auf der Bühne ihre eigene Verstrickung, ihre eigenen Kompromisse. Doch es gibt auch harte Kritik: Thomas Mann wirft Zuckmayer vor, das Stück rehabilitiere den guten Mitläufer und verwische die Grenzen zwischen gut und böse. Bertolt Brecht bezeichnet ihn als Unterhaltungsliteraten, der den Deutschen Absolution für ihre Verbrechen verkaufe.
Zuckmayer verteidigt sich nicht öffentlich. In privaten Gesprächen sagt er, er schreibe über Menschen, nicht über Kategorien – Menschen sind nicht gut oder böse, sondern beides gleichzeitig. Die 50er Jahre bringen Ruhm, Auszeichnungen und die Anerkennung des Klassikers. Doch Zuckmayer fühlt sich nicht wohl in dieser Rolle.
Deutschland hat sich verändert, er hat sich verändert, und die junge Generation interessiert sich nicht mehr für seine Art von Drama. 1958 verlassen er und Alice Amerika endgültig und ziehen nach Saas-Fee, einem Bergdorf in den Walliser Alpen. Dort verbringen sie ihre letzten 20 Jahre. 1966 erscheint seine Autobiografie „Als wär’s ein Stück von mir“ – 600 Seiten Erinnerungen, die monatelang auf den Bestsellerlisten stehen.
Doch es gibt Dinge, die er nicht erzählt. Er verschweigt den Geheimreport für den OSS – das Dokument bleibt unter Verschluss und wird erst 25 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht. Er beschönigt manches: Die frühe Kriegsbegeisterung wird erwähnt, aber nicht in voller Intensität; die Jahre in Vermont werden als Abenteuer geschildert, nicht als Verzweiflung. Seine eigenen Kompromisse werden angedeutet, aber nicht ausgeführt.
Es ist keine Lüge, sondern eine sorgfältig ausgewählte Wahrheit. In den letzten Jahren lässt die Gesundheit nach. Alice pflegt ihn, stark wie immer. Im Herbst 1976 kommen alte Freunde zum Abschied vorbei.
Im Dezember sitzt er mit Alice am Kaminfeuer und sagt: „Ich hatte ein gutes Leben. Nicht ohne Schmerz. Aber gut. “ Am 18.
Januar 1977 stirbt er im Krankenhaus von Visp, 80 Jahre alt. Alice hält seine Hand, bis er geht. Die Beerdigung findet in Saas-Fee statt, auf einem kleinen Friedhof am Rande des Dorfes mit Blick auf die Berge. Alice stirbt 1981 und wird neben ihm begraben.
Nach Zuckmayers Tod verändert sich die Wahrnehmung seines Werks. In den 80er Jahren entdeckt eine neue Generation von Theatermachern ihn neu – nicht als ehrwürdigen Klassiker, sondern als Autor, der noch immer unbequeme Fragen stellt. „Der Hauptmann von Köpenick“ wird als scharfe politische Satire inszeniert, „Des Teufels General“ erlebt eine Renaissance. Die Frage, die seine Stücke stellen, bleibt aktuell: Wie entsteht Mitläufertum?
Wann wird Schweigen zur Komplizenschaft? Was hätte ich getan? Der Geheimreport wird 2002 veröffentlicht, 25 Jahre nach seinem Tod. Er löst Kontroversen aus: Hatte Zuckmayer das Recht, über andere zu urteilen?
War er gerecht oder parteiisch? Hat er alten Freunden geholfen und alten Rivalen geschadet? Die Historiker finden keine einfachen Antworten. Was das Dokument vor allem zeigt, ist die Unmöglichkeit des Urteilens – und die Verzweiflung eines Mannes, der versuchte, Kategorien zu schaffen, wo keine Kategorien passten.
Carl Zuckmayer hinterlässt keine Denkmäler aus Stein, sondern Geschichten, die überdauern. Seine Werke werden bis heute aufgeführt. Seine berühmteste Szene bleibt die, in der der kleine Mann Wilhelm Voigt in einer gestohlenen Uniform vor dem Spiegel steht und fragt: „Da stehst du nun und de biste. Was bist du denn?
“ Es ist die Frage, die unbeantwortet bleibt – die Frage, die sich jeder Mensch irgendwann selbst stellen muss.