Stockholm, 10. Dezember 1966. Im Konzerthaus erstrahlt der Saal im Kerzenlicht, während 500 Gäste in Abendgarderobe auf einen historischen Moment warten. Auf der Bühne steht eine weißhaarige 75-jährige Frau, deren Hände so stark beben, dass die Manuskriptseiten rascheln.

Minuten später soll sie den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen, doch hinter ihrer Stirn tobt ein Sturm der Angst: Sie ist überzeugt, dass Agenten sie beobachten und Schatten hinter den Samtvorhängen lauern. Drei Wochen zuvor lag diese Frau noch in der geschlossenen Abteilung der Beckomberger Klinik, Diagnose: Verfolgungswahn. Ihre Freundin Eva Lisa musste gegen die Bedenken der Ärzte kämpfen, um sie für diese Zeremonie herauszuholen. Zu instabil, zu gefährdet, lautete das Urteil der Mediziner.
Doch wie verweigert man einer Nobelpreisträgerin den größten Moment ihres Lebens? Die Frau ist Nelly Sachs, die Dichterin des Holocaust, die Stimme der sechs Millionen Toten. Ihre Biografie liest sich wie ein einziger Überlebenskampf: Sie überstand Gestapo-Verhöre, bei denen sie für fünf Tage die Sprache verlor, floh in letzter Minute aus Deutschland und überlebte das Exil. Doch das Wissen um die Ermordung ihrer Verwandten, die in den Lagern starben, hat sie nie verlassen.
Geboren wurde Leonie Sachs am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg als einziges Kind von Margarete und William Sachs. Die Familie war tief assimiliert: Der Wohlstand stammte aus der Gummifabrik des Vaters, man sprach Deutsch, las Goethe und Schiller, und das Judentum blieb nur eine Randnotiz im Taufregister. Das behütete Mädchen namens Nelly wuchs in einer Villa voller Kunst und Kultur auf, abgeschirmt von den Gefahren der Straße und ohne Spielkameraden.
Privatlehrer unterrichteten sie in Sprachen, Musik und Literatur, während die Mutter eine symbiotische Bindung zu dem zerbrechlichen Kind entwickelte. Die heile Welt zerbrach, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Nelly Sachs, die sich ihr Leben lang als Deutsche gefühlt hatte, wurde plötzlich zur Verfolgten. Die Gestapo verhörte sie, und die Angst, die sie damals erlebte, sollte sich tief in ihr Gedächtnis eingraben.
Nur durch die Hilfe von Freunden gelang ihr 1940 in letzter Minute die Flucht nach Schweden. Doch der Frieden erwies sich für sie als schlimmer als der Krieg: Ihre Mutter starb kurz nach der Ankunft in Stockholm, und die Nachricht von der Ermordung ihrer übrigen Familie traf sie mit voller Wucht. In den folgenden Jahren wurde die Dichterin von Wahnvorstellungen geplagt. Sie sah Verfolger, die nicht real waren, doch die Gefahr, die sie einst fürchtete, war es gewesen.
Mehrfach wurde sie in psychiatrische Kliniken eingewiesen, darunter auch in die Beckomberger Klinik. Dennoch schuf sie ihr literarisches Werk, das die Erinnerung an die Ermordeten wach hält. Ihre Gedichte wurden zu einem Mahnmal, ihre Stimme zur Klage und zur Anklage zugleich. Als Nelly Sachs an ihrem 75.
Geburtstag auf der Bühne in Stockholm stand und den goldenen Medaillen entgegennahm, wusste sie, dass ihre Verfolger von damals längst nicht mehr existierten. Der Schmerz aber war real, auch wenn sein Auslöser im Nebel verschwamm. Die Schuld des Überlebens, die Trauer um die Verlorenen und das Wissen um das Geschehene trug sie bis zu ihrem letzten Tag mit sich.
Still, beharrlich, nicht zu überhören für jene, die hinhören wollen.