31 T-34 rollten auf das Feld — ein einziger Sanitäter griff zur Pak, weil niemand mehr da war

31 T-34 rollten auf das Feld — ein einziger Sanitäter griff zur Pak, weil niemand mehr da war

Am 14. Januar 1944, um 5:42 Uhr, wusch Sanitätshauptfeldwebel Erich Kamler in einem zerschossenen Schuppen am Westrand des Dorfes Snamenka chirurgisches Besteck. Das Wasser war eiskalt, eine dünne Eisschicht hatte sich an den Rändern der Schüssel gebildet. Der Nebel hing dicht zwischen den Strohdächern, die Sicht betrug vielleicht 80 Meter. Die Temperatur lag bei etwa minus 11 Grad.

Aus der Ferne kam ein dumpfes, regelmäßiges Malen. Kettenglieder auf gefrorenem Boden, mehrere Motoren. Kein deutsches Geräusch. Kamler hob den Kopf und zählte. Seine Erfahrung von zwei Wintern an dieser Front sagte ihm: Das war ein ganzer Verband.

Er stieg auf den Erdwall hinter dem Schuppen und hob das Fernglas. Aus dem Hohlweg, der aus dem Birkenwald herausführte, rollten die ersten Silhouetten. Er zählte ruhig weiter: 31 T-34 in lockerer Marschkolonne. Auf den Türmen saßen Schützen, geschätzt sechs bis acht Mann pro Panzer. Rund 220 Infanteristen.

Kamler war 36 Jahre alt, gebürtig aus Hildesheim. Vor dem Krieg hatte er vier Semester Medizin in Göttingen studiert, dann als Rettungssanitäter beim Roten Kreuz in Hannover gearbeitet. Formell war er unbewaffnet bis auf eine Pistole 08 mit drei Magazinen. Seine Aufgabe war: Verwundete bergen, nicht schießen.

Doch die letzten zwölf Stunden hatten alles verändert. In der Nacht war ein sowjetischer Stoßkeil durch die dünne Linie der neunten Panzerdivision gebrochen. Der Kompaniegefechtsstand war zerschlagen, der Funk schwieg. Der Leutnant war tot, der Spieß tot, die beiden MG-Trupps an der Straßenbiegung tot.

Kamler hatte die ganze Nacht Verwundete in den Schuppen geschleppt. Neun Mann, von denen sieben noch lebten. Einer mit aufgerissenem Bauch, zwei mit Brustdurchschüssen, vier mit Splitterverletzungen.

120 Meter südlich des Schuppens stand eine 7,5-cm-Pak. Der Sechs-Mann-Trupp, der sie bediente, lag tot um das Geschütz herum. Das Geschütz selbst war unbeschädigt, der Verschluss leichtgängig. Im Munitionsverschlag lagen 38 Schuss.

Kamler ließ das Glas sinken. Er sah zum Geschütz, dann zum Schuppen mit den Verwundeten, dann zurück zur Hohlwegmündung. Auf dem Papier war seine Lage eine Endsumme: 31 Panzer, 220 Schützen, keine eigene Linie, kein Funk, kein Befehl, kein zweiter Mann.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Die Kolonne kam nicht in Schützenlinie, sondern in Marschordnung durch einen einzigen Hohlweg von acht Metern Breite.

Kamler kniete sich neben den toten Geschützführer, schloss ihm die Augen und nahm ihm die Geschützführertasche ab. Dann ging er zum Geschütz.

Er hatte nie ein solches Geschütz bedient. Aber im Frühjahr 1943 hatte er bei Charkow drei Tage lang einer Pak-Bedienung beim Stellungsbau geholfen. Er hatte zugesehen, wie geladen, gerichtet und abgefeuert wurde. Er war ein methodischer Mensch und hatte sich jeden Handgriff gemerkt.

Er kannte den Höhenrichtgriff, den Seitenrichtgriff, das Zielfernrohr, den Fallkeilverschluss. Er kannte das Gewicht einer Panzergranate: 6,8 Kilogramm. Er kannte die Theorie. Er hatte nie allein gefeuert.

Er formulierte drei Varianten. Rückzug: die Verwundeten zurücklassen. In den Schuppen zurück: mit der Pistole auf das Ende warten. Oder das Geschütz allein bedienen, allein laden, allein richten, allein abfeuern.

Auf dem Papier war Variante drei keine Möglichkeit. Kamler wählte sie trotzdem. Nicht aus Tapferkeit, sondern aus Geometrie.

Der Hohlweg hatte am Ausgang eine scharfe Linkskurve. Jeder T-34, der dahinter auftauchte, zeigte für drei bis vier Sekunden seine Seite. Bei 600 Metern würde die Panzergranate 40 die 45-Millimeter-Seitenpanzerung öffnen. Vorausgesetzt, er traf.

Er schleppte die erste Granate heran, schob sie ins Patronenlager. Der Verschluss schnappte sauber zu. Er trat hinter das Zielfernrohr und richtete auf den Punkt, an dem der erste Panzer erscheinen würde.

Der Führungspanzer schob sich aus dem Hohlweg, drehte mit knirschenden Ketten und geriet in volle Seitenstellung. 620 Meter. Kamler zog den Abzug.

Der Knall schlug ihm in die Ohren. Das Geschütz sprang zurück. Eine Sekunde Stille, dann ein heller, harter Schlag drüben am Hohlwegsausgang. Der Turm hob sich vom Wannenrand ab, drehte sich in der Luft und fiel 30 Meter weiter ins Feld. Schwarzer Rauch quoll aus der Wanne. Erster Treffer, erster Abschuss.

Die Kolonne stockte. Kamler riss den Verschluss auf, die heiße Hülse sprang in den Schnee. Er schleppte die zweite Granate heran. Der zweite T-34 versuchte, links am Wrack vorbeizudrücken. 500 Meter. Schuss. Treffer hinter dem Turm. Brand.

Dritter Wagen, vierter Wagen. Bis 6:14 Uhr hatte Kamler sechs T-34 ausgeschaltet. In 13 Minuten mit acht Schuss. Er hatte zweimal daneben getroffen. Sein Atem ging stoßweise, der rechte Arm zitterte. Auf der Geschützführertasche notierte er mit einem Bleistiftstummel: sechs Abschüsse, 30 Schuss verbleiben.

Um 6:17 Uhr begann die zweite Phase. Der sowjetische Bataillonskommandeur war kein Anfänger. Die Kolonne stoppte, die hinteren Panzer fächerten in den Birkenwald aus. Vier Wagen rollten in einem weiten Bogen nach Süden, um die Flanke zu erreichen. Die aufgesessene Infanterie sprang ab und teilte sich in zwei Gruppen.

Kamler entschied, die Sprenggranaten zu sparen und zuerst die flankierenden Panzer zu bekämpfen. Ein durchbrechender T-34 hätte die Lage in zwei Minuten beendet.

Er richtete auf den linken der vier Flankenwagen. 550 Meter. Treffer in den Turm. Der Wagen blieb stehen, Rauch stieg auf. Kein Brand, aber Besatzung vermutlich tot oder verletzt.

Der nächste Wagen feuerte zurück. Die Granate schlug zwölf Meter rechts vom Geschütz in den Boden. Ein Splitter schlug gegen die Schildkante, 20 Zentimeter neben Kamlers Kopf. Er duckte sich nicht.

Um 6:24 Uhr geschah, was geschehen musste. Der Verschluss klemmte. In der eisigen Luft von Kondenswasser benetzt und sofort wieder erhitzt, blieb er in halb geöffneter Stellung stehen. Die heiße Hülse saß fest.

Im selben Moment schlug eine Granate direkt in den Schild der Pak. Das Blech wurde nicht durchschlagen, aber ein Splitter, etwa drei Zentimeter lang, schlug Kamler durch den linken Handschuh. Er durchtrennte zwei Mittelhandknochen und blieb in der Handfläche stecken.

Kamler war Sanitäter. Er kannte die nächsten 90 Sekunden, bevor der Schock die Feinmotorik nahm. Mit den Zähnen und der gesunden Rechten schnürte er einen Kompressionsverband um das Handgelenk. Dann griff er nach der Kornzange, die er am Morgen gewaschen hatte, und zog den Stahlsplitter mit einer einzigen drehenden Bewegung aus der Handfläche. Er warf ihn in den Schnee.

Der klemmende Verschluss war das größere Problem. Kamler nahm einen Hammer aus der Werkzeugkiste und schlug zweimal flach gegen den Verschlusshebel. Beim dritten Schlag sprang die Hülse heraus.

Er nahm die nächste Granate, klemmte sie zwischen den Knien, schob sie mit der rechten Hand ins Patronenlager. Der Verschluss schnappte. Er richtete neu und feuerte auf den zweiten Flankenpanzer. Treffer in die Wanne unter dem Turm. Brand.

Inzwischen war die linke Infanteriegruppe auf 190 Meter heran. Kamler griff zur ersten Sprenggranate. Er richtete den Lauf flach über das Stoppelfeld und schoss. Die Granate detonierte in 40 Metern Höhe hinter den Schützen. Vier Mann blieben liegen, drei fielen. Der Rest warf sich flach.

Er hatte noch acht Sprenggranaten, 13 Panzergranaten und eine bedienbare Hand.

Um 6:38 Uhr begann die dritte Phase. Die linke Gruppe hatte sich in die Senke vor dem Schuppen geworfen, unsichtbar im toten Winkel. Die rechte Gruppe nutzte den Rauch der brennenden Panzer als Sichtschutz. Drei Schützen bewegten sich weit nach Süden, um das Geschütz von hinten zu erreichen.

Auf 100 Meter würde ein Schütze durch den 5-Millimeter-Schild schießen, als wäre er nicht da.

Kamler schwenkte das Geschütz mit der gesunden Rechten um etwa 15 Grad nach links, sodass der Schild auch die linke Flanke deckte. Die linke Hand pumpte trotz Verband Blut in den Schnee.

Zweite Sprenggranate, 140 Meter, flach in die Senke. Drei Schreie, dann Stille. Dritte Sprenggranate, 200 Meter, in den Rauch auf die rechte Gruppe. Vier Männer schlugen vornüber. Vierte Sprenggranate, 230 Meter, auf die Südumgehung am Bach. Ein Mann fiel, zwei warfen sich in den Bachgraben.

Um 6:44 kam, was kommen musste. Ein einzelner T-34 hatte das Bachbett überquert und kam aus der Flanke direkt auf das Geschütz zu. 230 Meter und schrumpfend.

Kamler riss das Geschütz herum. Der T-34 feuerte zuerst, die Granate ging über den Schild hinweg. 90 Meter. 60. 40. 19 Meter.

Auf 19 Metern zog Kamler den Abzug. Die Panzergranate schlug in die Wannenfront unterhalb des Bugmaschinengewehrs, durchschlug und detonierte im Inneren. Der T-34 hob sich an, Rauch quoll aus jeder Luke. Er rollte noch acht Meter und blieb brennend stehen.

In diesem Moment fiel Kamler. Ob es der Blutverlust war oder der Druck der Granate, die in 19 Metern Entfernung detoniert war, konnte er später nicht sagen. Er fiel neben den toten Geschützführer und blieb liegen, das Gesicht im Schnee.

Er bekam nicht mehr mit, dass eigene Panzergrenadiere, alarmiert durch einen Funkspruch, mit drei Sturmgeschützen in die Flanke der sowjetischen Restkolonne stießen. Er bekam nicht mit, dass man ihn um 7:30 Uhr mit kaum messbarem Puls neben dem Geschütz fand.

Neben acht ausgebrannten T-34 in einem Halbkreis und 24 toten sowjetischen Schützen im Stoppelfeld.

Drei Tage später schrieb ein Hauptmann in seinem Gefechtsbericht: Sanitätshauptfeldwebel Kamler hat allein und ohne Bedienung die Pak 40 geführt, acht Feindpanzer abgeschossen und mindestens 29 feindliche Schützen außer Gefecht gesetzt. Sein Verhalten sicherte den Rückzug der eigenen Linie um vier Stunden.

Am 7. März 1944 erhielt Erich Kamler das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Die linke Hand wurde gerettet, blieb aber steif.

Er überlebte den Krieg, beendete 1951 das Medizinstudium, das er 1932 abgebrochen hatte, und arbeitete bis 1979 als Landarzt in einem Dorf bei Hildesheim. Er sprach nie über Snamenka. Auf Anfragen von Veteranenzeitschriften antwortete er nicht.

Er starb 1986 an einem Herzinfarkt in seiner Praxis, zwischen zwei Sprechstunden. In seinem Schreibtisch fand seine Tochter eine kleine Holzkiste. Darin lag die Kornzange, die er am Morgen des 14. Januar 1944 gewaschen hatte.

Es war nicht das Geschütz, das 31 T-34 gestoppt hat. Eine Pak ohne Bedienung ist Stahl auf zwei Rädern. Es war auch nicht Tapferkeit, denn Kamler hatte keine Zeit, tapfer zu sein.

Es war Arithmetik. Ein Mann, ein Hohlweg von acht Metern Breite, eine Linkskurve, drei bis vier Sekunden Seitenansicht pro Panzer, 6,8 Kilogramm in der rechten Hand. Der Rest war eine zerrissene linke Hand und das Schweigen eines Landarztes, das 40 Jahre dauerte.