Die Sonne stand tief über Manhattan, als wir aus der U-Bahn-Station an der 57th Street auftauchten. Der Himmel war klar, aber der Wind fuhr uns kalt in die Knochen. Ich zog die Jacke enger zusammen und starrte nach oben, immer weiter nach oben, bis mir der Nacken wehtat. Die Wolkenkratzer wirkten hier anders als auf Fotos.

Sie schoben sich schwer übereinander, und irgendwo dazwischen, halb verdeckt von neueren, glänzenderen Türmen, ragte das Empire State Building auf. „Da hinten ist es“, sagte ich und deutete darauf. „Das dünne, spitze Ding. “
Neben mir trat Erik näher und kniff die Augen zusammen.
„Ja, das muss es sein. Das müsste es sein, glaube ich. “
„Da steht übrigens Sex“, warf ich ein und zeigte auf eine riesige Leuchtreklame, die sich über die Dächer zog. „Einfach so.
Sex. “
Er grinste. „Klassisches New York. “
Der Verkehr rauschte an uns vorbei, jemand schrie irgendwo in der Ferne, und ein Polizeiauto schob sich mit quietschenden Reifen durch die Menge.
Genau so hatte ich mir das immer vorgestellt. Wie eine Geräuschkulisse, die jemand extra für uns abspielt. Nur dass sie echt war. „Hörst du das?
“, fragte ich leise. „Das ist genau dieser New-York-Sound. “
„Ja, irre“, sagte Erik. Er deutete auf einen schlanken, fast schon lächerlich dünnen Wolkenkratzer, der sich in den Himmel bohrte.
„Sieh dir den an. Der wackelt bestimmt wie verrückt, wenn es stürmt. “
„Muss er ja“, antwortete ich. „Damit er nicht umkippt.
“
„Wie beim Flugzeug“, sagte er. „Als wir mit dem A380 gestartet sind. Ein bisschen Wind, und alles hat gewackelt. So schlimm hatte ich das noch nie.
Ich dachte, wir kippen gleich um. “
„Aber es muss ja wackeln, damit es nicht runterfällt. “
„Danke, das beruhigt mich ungemein. “ Er lachte, und ich musste auch lachen, obwohl das Herz bei der Erinnerung noch ein bisschen schneller schlug.
Wir schlenderten die 57th Street entlang, vorbei an Millionen-Dollar-Schaufenstern. In einem Schaufensterhingen Anzüge, deren Preisschilder ich gar nicht erst lesen wollte. Auf der anderen Straßenseite ragte ein riesiger Glasbau in den Himmel, fast fertig, Bauarbeiter klein wie Ameisen auf den Gerüsten. Der gehörte einem russischen Milliardär, hatte ich irgendwo gelesen.
Nur ein paar Dutzend Wohnungen, jede Millionenfach teuer. „Was die da für eine Wohnung zahlen“, sagte ich kopfschüttelnd. „Das ist selbst für München ein Witz. “
„Die Fenster will ich nicht putzen müssen“, sagte Erik.
„Ich würde da sowieso nicht wohnen wollen. Viel zu hoch. Da ist mir der Boden lieber. “
Aus dem Augenwinkel sah ich eine Frau, die hektisch schrie und dann losrannte.
Jemand hinter ihr brüllte etwas auf Spanisch. Ein Taschendiebstahl, mitten auf der Straße. „Hast du das gesehen? “, fragte ich und deutete verstohlen in die Richtung.
„Da wurde gerade was geklaut. “
„Ja, das klang so. “ Er zuckte die Schultern. „Willkommen in New York.
Das ist wohl Teil des Ambientes. “
„Das wäre es auch ohne den Diebstahl gewesen“, murmelte ich. „Und danach setzen wir uns in den Park“, sagte Erik, „essen einen Donut und schauen uns die Kinder an, die schreien. “
„Ein perfekter Plan.
“ Ich lachte auf. „Vielleicht sehen wir ja auch einen dieser süßen Heiratsanträge. Meine Schwester Koffi hat vor ein paar Wochen ihren auf dem Empire State Building bekommen. Stell dir das mal vor.
Die waren ganz alleine auf so einem Dach, und irgendwelche Touristen, die weit weg standen, haben das gefilmt und geschrien, als er auf die Knie ging. Ich fand das so schön, weil es einfach so für sich war. “
„Willst du danach auf den 91. Stock?
“, fragte Erik. „Weiß ich nicht, ob ich so was nach solchen Orten filmen möchte“, antwortete ich vorsichtig. „Da wo wirklich Tragisches passiert ist. Das fühlt sich nicht richtig an.
“
Er schwieg einen Moment und sagte dann: „Das verstehe ich. Man will ja auch nicht in die Kirche gehen und eine Messe streamen. “
„Genau“, sagte ich. „Da passe ich nicht so rein.
“
„Wir kommen eh schon woanders rauf“, sagte Erik. „Die Leute haben gesagt, wir sollen nicht aufs Empire State Building, sondern aufs Top of the Rock. Von da sieht man das Empire State Building nämlich viel besser. “
„Und das ist auch nicht weit von hier“, sagte ich.
„Dann können wir das von unserer Bucketlist streichen. Donut im Park ansehen – erledigt. New York City – sehen wir uns gerade an. Das wird langsam was.
“
„Miami soll auch noch cool sein, oder? “, fragte Erik. „Ja. Oder LA.
Wir haben nur ein bisschen was angerissen, bevor wir hergeflogen sind. “
„Stimmt, wir waren die letzten beiden Tage in Los Angeles“, sagte ich gedankenverloren. Dann blieb ich vor einem Schaufenster stehen und starrte an mir selbst herunter. „Moment.
Meine Strumpfhose ist kaputt. “
„Bei den Schmerzen? “ Erik lachte. „Das ist wohl passiert, als wir durch die Stadt marschiert sind.
“
„Hör mal, geh du mal ein paar Kilometer in High Heels“, sagte ich. „Das ist die vielleicht schlimmste Stadt für so was. “
„Da hinten“, sagte Erik plömm. Er deutete auf eine kleine Brücke, die sich über einen ausgetrockneten Straßengraben zog.
„Da habe ich geheiratet. “ Er grinste. „Na ja, irgendwo da. “ Der Graben war vielleicht zwei Meter breit, ein bisschen Beton, ein paar welke Blätter, eigentlich nichts Besonderes.
„Das ist süß“, sagte ich. „Das erklärt, warum diese Brücke so eine Geschichte hat. “
Wir liefen weiter und bogen in den Central Park ein. Für einen Mittwoch waren erstaunlich viele Leute unterwegs, Jogger, Mütter mit Kinderwagen, Touristen mit Selfiestangen.
Ein kleines Mädchen rannte kreischend davon, während seine Mutter es rufend verfolgte. Ich blieb stehen und grinste. „Wie lange sind die wohl schon da drin? “
„Glaubst du, die schreit noch?
“, fragte Erik. „Ich schreit, also denke schon. Seit wann sind Kinder denn vernünftig? “ Ich lachte, aber dann wurde der Schrei schriller, und ich machte mir doch Sorgen.
„Sollten wir vielleicht mal jemanden rufen? “
„Nein, alles gut“, sagte Erik. „Die Mutter ist ja da. Du hattest einfach nur das Gefühl, gerade etwas zu hören, das es nicht gibt.
“
„Vielleicht war es nicht das Kind, sondern irgendein eine“, sagte ich. „Vielleicht hörst du nur, was du glaubst, hören zu müssen. “
„Aha, ganz viel Emotion dabei“, sagte ich grinsend. Wir fanden schließlich eine Wiese, holten uns an einem Imbissstand zwei Donuts und setzten uns auf eine Bank.
Der erste Bissen war zuckersüß und warm, und der Cappuccino dazu war genau richtig. Über uns ratterte eine U-Bahn über die Hochbahn, und dahinter ragte die Skyline in einen Himmel, der langsam ein bisschen rosa wurde. Der Abendwind wurde kälter, aber genau für solche Momente sind wir hergekommen. „Das ist ein Drehbuch, wie ich es kenne“, sagte ich zufrieden und lehnte mich zurück.
„Vom rauschenden Taxi zur Schnellbahn bis zum Empire Sate Building. “ Die Pizza zwischendurch hatte nach Papier geschmeckt, und der Donut jetzt war das genaue Gegenteil. Ich wusste, dass es eigentlich nicht viel zu bedeuten hatte, aber der Moment fühlte sich trotzdem nach einem richtigen Anfang an. „New York, der Traum, von dem man nie wusste, dass man ihn hat“, murmelte ich.
Erik nickte und lehnte sich ebenfalls zurück, während er einen Schluck Kaffee nahm. „Und damit wäre die Stadt zumindest von der Bucketlist gestrichen“, sagte ich. „Ein paar Sachen stehen aber noch aus“, sagte Erik. „Wir wollten doch noch mit dem Hubschrauber fliegen, oder?
“
„Wenn wir es schaffen. “ Ich lächelte. „Aber der Donut ist der erste wichtige Schritt. “
Wir lachten und saßen noch eine ganze Weile so, bis die Sonne zwischen die Gebäude rutschte und die Fenster hell aufleuchteten.
Ein Auto hupte zweimal, jemand lachte, und der Moment fühlte sich einfach richtig an. „Sag mal, woran denkst du gerade? “, fragte Erik, ohne mich anzuschauen. Ich überlegte kurz.
„Daran, wie schneller doch die Zeit vergeht, wenn man unterwegs ist. Und daran, dass ich hier bleiben könnte. “ Erik blickte mich überrascht an. „Ach?
Ich dachte, du willst zurück nach München zu deinem Wissen und deiner Familie? “
„Na ja“, sagte ich und zuckte mit den Schultern, „ein paar Sachen muss man verschieben. Und wenn man schon so weit geflogen ist, sollte man auch darauf vertrauen, dass man wieder ankommt. “ Ich starrte auf meine Hände.
„Liegt das eigentlich an uns? Oder an der Stadt? “
Erik schwieg eine Weile und stellte dann leise den Becher ab. „Ich glaube, ein bisschen von beidem“, sagte er.
„Aber hauptsächlich an dir. “
Ich starrte ihn an, und er wich meinem Blick aus. „Das ist ja mal ein Satz …“ setzte ich an, aber die Stimme brach mir. Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg.
„Alles gut“, sagte er schnell und wandte sich zur Seite. „Ich sage das nur, weißt du, weil … weil ich heute einfach so viel klarer sehe. “ Er lachte nervös auf. „Schau mich nicht so an, ich will dich nicht in Verlegenheit bringen.
Ich wollte es nur gesagt haben. “ Er stand auf und klopfte sich die Hose ab. „Komm, die Luft wird kalt. Wir fahren später besser nicht mehr mit der U-Bahn.
“ Und schon lief er los. Ich blieb noch einen Moment sitzen, den warmen Becher zwischen den Händen, und starrte ihm hinterher. Ich wollte ihm nicht hinterherlaufen. Ich wollte nicht, dass er sieht, wie ich es gesagt habe.
Ich wollte, dass dieser Moment einfach ein weiterer schöner Moment unter vielen war. Aber mein Herz klopfte laut und hart gegen die Rippen, und ich wusste genau, dass das etwas bedeutete. Am nächsten Morgen waren wir früh wach und nahmen die U-Bahn zur Battery Park Station. Von dort aus wollten wir eigentlich zur Freiheitsstatue, aber die Tickets waren ausgebucht, also schlenderten wir einfach durch den Park und stellten uns an das Geländer, das den Hafen säumte.
Das Wasser flackerte in der Morgensonne, und hinter den hellen Schleiern ragte die Stadt auf, die wir inzwischen schon fast ein bisschen kannten. „Die sieht heute fast friedlich aus“, murmelte Erik neben mir und deutete darauf. Ich folgte seinem Blick, sagte aber nichts. Ein paar Möwen kreischten, und das Wasser plätscherte unten gegen die Steine.
Es war einer dieser Momente, in denen man das Gefühl hat, die Stadt würde für einen den Atem anhalten. Und dann sagte Erik: „Woran denkst du gerade? “
„An gestern“, sagte ich ehrlich. „Ich meine, an das, was du gesagt hast.
Und daran, wie ich mich gefühlt habe, als du gegangen bist. “ Ich blickte zu Boden und machte einen Schritt näher an das Geländer. „Ich habe die ganze Nacht wach gelegen und überlegt, ob ich jetzt einfach was sagen soll, oder ob ich dir lieber das Gefühl lasse, dass es mir auch so ging. “ Ich drehte mich zu ihm um.
„Erik, ich glaube, ich fühle dasselbe. “
Er blinzelte, und für einen Moment dachte ich, ich hätte ihn jetzt endgültig verloren. Aber dann lächelte er, dieses echte, warme Lächeln, das ich in den letzten Tagen so gefeiert habe. „Das höre ich jetzt aber gern“, sagte er leise und zog mich in eine feste Umarmung.
Ich vergrub das Gesicht in seiner Jacke und wusste, dass es wirklich so war, dass es mich in dem Moment nicht mehr interessierte, wo genau wir waren oder was als Nächstes kommen würde. Wir standen noch eine Weile so da, die Wellen schlugen unten gegeneinander, die Stadt brummte ganz leise, und dann machten wir uns langsam auf den Weg in den Norden, raus aus der Innenstadt, raus aus dem Trubel. Der restliche Tag verstrich wie im Rausch. Wir schlenderten durch SoHo, guckten in Läden, die wir uns nie leisten konnten, und aßen später in einer kleinen Pizzabude um die Ecke eckig, mit der Hand und einem riesigen Stück Pepperoni.
Die Sonne stand tief, als wir im Madison Square Park auf einer Bank landeten und den Leuten zusahen, wie sie mit ihren Kaffees an uns vorbeiliefen. „Das war ein gutes Leben“, sagte ich und meinte es nicht ironisch. „Das war es wirklich. “ Erik nickte und legte den Arm auf die Rückenlehne.
„Warst eigentlich schon immer ein Fan von dieser Stadt? “, fragte er nach einer Weile. „Ich weiß nicht“, sagte ich. „Ich hab sie mir einfach immer ein bisschen so vorgestellt, wie sie eben ist.
Groß, laut, ein bisschen einsam. Aber wenn man die richtigen Leute dabei hat, ist sie genau richtig. “ Ich grinste und schlug ihm leicht auf den Oberarm. „Und die richtigen Leute habe ich wohl gerade nicht dabei.
“
„Pass auf, gleich nehme ich dir die Donuts wieder weg“, sagte er und zog an meiner Papiertüte, in der noch ein halber Krapfen übrig war. “Dann hol sie dir doch. ” Er lachte leise, und ich musste ebenfalls grinsen. Alles war gut, dachte ich.
Und egal, was morgen kommt, dieser Moment da im flirrenden Abendlicht von Manhattan war genau da, wo ich ihn haben wollte. Wir entschieden uns, die letzten zwei Tage in Williamsburg zu verbringen. Das lag richtig versteckt jenseits der Brücke, heruntergekommen, kunterbunt und voller Cafés, die heißer Kaffee und kalte teure Limonade verkauften. Die Luft da roch fremd und laut, und ich mochte das Bild, das es abgab, allerdings mehr als die Realität.
Und dann, am letzten Abend, standen wir noch einmal am East River, als die Lichter der Stadt ins Wasser schienen und die Straßen auf uns heiß und träge herüberschauten. Erik drehte sich zu mir und nahm meine Hand. „Ich wollte, dass wir das so machen“, sagte er leise, „damit es sich nicht anfühlt wie der letzte Moment, sondern wie der erste von etwas. “ Ich drückte seine Finger und sah ihm in die Augen, ohne zu blinzeln.
Das Herz schlug mir bis zum Hals, und ich wusste, dass ich diese Szene später, wenn wir wieder zu Hause sind, niemals erzählen können werde, ohne dass mir die Stimme bricht. „Okay“, wisperte ich, und ein Lächeln breitete sich über mein Gesicht aus, das mir die Wangen wehtat. „Okay. “ Er beugte sich herüber, und als sich unsere Lippen trafen, war die Stadt auf einmal ganz still.
Kein Hupen, keine lauten Touristen, kein Kichern. Nur wir, dieser eine Moment, und die Lichter von New York, die sich in seinen Augen spiegelten. Und ich wusste, dass egal, wie oft wir wiederkommen oder ob wir es nie wiedersehen würden, diese eine Erinnerung für immer bleiben wird. Als wir am nächsten Morgen unsere Sachen packten und das Gepäck am Bett liegen ließen, fühlte es sich an, als hätten wir hier nie etwas zu erledigen gehabt.
Mein Blick wanderte durch das Fenster bis hinüber zur Skyline, die im Morgennebel fast schwerelos wirkte. „Komm“, sagte Erik in die Stille hinein und nahm meine Hand. „Wir holen uns noch einen letzten Donut für den Flug. “ Wir gingen noch einmal raus, die Straße entlang, vorbei an den Cafés und den Klamottenläden, vorbei an der sich kräuselnden Filmreklame und den Menschen, die sich nicht um uns scherten.
Er hielt meine Hand fest, fest, das ganze Grüßen hinweg bedacht, und als der Kaffee uns warm um den Magen lag und der Flughafen vor uns lag, drehte ich mich noch einmal kurz um. Die Stadt ragte hinter dem Glas des gestreckten Himmels auf, alle Konturen glatt wie ein Foto. Und ich wusste, dass ich einen Teil von mir dort lassen konnte, ganz egal zurückblieb. Als der Pilot über das Bordmikrofon die Tagesordnung durchgibt und der Flug offiziell begann, sagte ich nur leise: „Bis bald, New York.
“ Neben mir nickte Erik, und für eine Weile war da nur Stille und der Blick auf den Flügel, der sich in gewaltigen Wellen von den Wolken abhob, weiter und weiter, bis die Stadt nur noch ein kleines, glitzerndes Etwas weit unter uns war.