FRANZ KAFKA SCHRIEB 100 SEITEN AN SEINEN VATER — DER LAS SIE NIE

FRANZ KAFKA SCHRIEB 100 SEITEN AN SEINEN VATER — DER LAS SIE NIE

Im November 1919 sitzt Franz Kafka in einem Sanatorium in Schelisen, nördlich von Prag. Der 36-Jährige, von Tuberkulose gezeichnet, schreibt einen Brief an seinen Vater. Es sind über 100 Seiten – die wohl längste Abrechnung, die je ein Sohn mit seinem Vater verfasst hat. Der Brief ist eine Anklage: Hermann Kafka habe ihn zerstört, seine Selbstachtung vernichtet, seine Fähigkeit zu lieben gekrüppelt.

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„Du hast mich niedergetreten”, schreibt Kafka, „und ich bin nie wieder aufgestanden. ” Doch dann folgt ein Satz, der alles verkompliziert: „Aber du bist nicht schuld. Ich bin nicht schuld. Wir sind beide Opfer.

”

Kafka übergibt die Seiten seiner Mutter mit der Bitte, sie dem Vater zu geben. Julie Kafka liest den Brief vollständig – und gibt ihn ihrem Sohn zurück. Hermann Kafka erfährt nie von der Existenz dieses Dokuments. Er stirbt 1931, sieben Jahre nach seinem Sohn, ohne zu wissen, was dieser über ihn dachte.

Wer war dieser Mann, dessen Name heute weltweit für das Absurde und Bedrohliche steht? Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren. Sein Vater Hermann hatte sich aus bitterster Armut hochgearbeitet, er betrieb ein Geschäft für Kurzwaren.

Die Familie gehörte zu den deutschsprachigen Juden Prags, die zwischen Tschechen, Deutschen und orthodoxen Juden dreifach isoliert waren. In den ersten sechs Jahren war Franz der einzige überlebende Sohn. Zwei Brüder starben als Kleinkinder. Der Vater richtete all seine Erwartungen auf den verbliebenen Sohn.

Hermann erzählte immer wieder von seiner eigenen harten Jugend, in der er barfuß im Schnee Karren gezogen hatte – und stellte den verträumten, blassen Jungen als Versager dar. Die Erziehungsmethoden hinterließen tiefe Narben. Eine Szene schildert Kafka Jahrzehnte später: Als Vierjähriger weinte er nachts um Wasser, woraufhin der Vater ihn in Unterwäsche auf den Balkon stellte. „Ich war danach zwar folgsamer”, schrieb Kafka, „aber ich trug einen inneren Schaden davon.

” Die Mahlzeiten beschrieb er als tägliches Tribunal, bei dem der Vater spottete und demütigte. Die Mutter stand zwischen Vater und Sohn wie ein Schatten. Sie glättete und schwieg, verteidigte Franz aber nie. Zu seinen drei Schwestern hatte er unterschiedliche Verhältnisse.

Die jüngste, Ottla, wurde seine Verbündete – ihr Schicksal sollte das tragischste werden. In der Schule war Kafka ein unauffälliger, solider Schüler. Seine Lehrer bemerkten nichts Außergewöhnliches. Unter der Oberfläche jedoch tobte ein Krieg aus Angst vor Versagen und Demütigung.

Am Gymnasium fand er erste Freunde, mit denen er Nietzsche und Kierkegaard las. Den Wunsch, Literatur zu studieren, verwarf der Vater: Literatur brachte kein Geld. Kafka studierte also Jura. Im Oktober 1902 lernte er Max Brod kennen, einen selbstbewussten jungen Mann, der zu seinem engsten Freund werden sollte.

Brod erkannte sofort Kafkas Genie und zog ihn in den Prager Literatenkreis. Die jungen Intellektuellen trafen sich im Café Arco. Kafka saß meist am Rand, hörte zu und lachte – Brod erinnerte sich später, dass Kafka beim Vorlesen seiner eigenen Texte oft so lachen musste, dass er nicht weitersprechen konnte. Nach dem Jurastudium arbeitete Kafka zunächst bei einer Versicherungsgesellschaft, dann ab 1908 bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen.

Er besichtigte Fabriken, prüfte Sicherheitsvorrichtungen und erstellte Gutachten über verstümmelte Arbeiter. Er war gut in diesem Job, wurde befördert und trug zu besseren Sicherheitsvorschriften bei – doch er hasste die Arbeit. Sein Alltag war zermürbend: Büro bis 14 Uhr, dann das Mittagessen mit dem Vater am Kopf des Tisches, dann die Enge der elterlichen Wohnung. Erst spät nachts, wenn alle schliefen, gehörte die Zeit ihm.

Er schrieb von 23 Uhr bis in die frühen Morgenstunden. Sein Körper wurde immer dünner, er litt unter Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Es wäre jedoch falsch, Kafka nur als leidenden Sonderling zu sehen. Er war ein ausgezeichneter Schwimmer, ruderte gern, unternahm lange Wanderungen und zeichnete groteske Skizzen.

1911 entdeckte er das jiddische Theater und freundete sich mit einem Schauspieler an, was den Vater entsetzte. „Wer sich mit Hunden zu Bett legt, steht mit Flöhen auf”, sagte Hermann Kafka. Im August 1912 traf Kafka Felice Bauer, eine junge Frau aus Berlin. Was als flüchtige Begegnung begann, wurde zu einer Obsession.

Kafka schrieb ihr täglich, oft mehrmals täglich – fast 500 Briefe. Seine Briefe waren keine gewöhnlichen Liebesbriefe, sondern Verhöre und Selbstanklagen: „Ich bin kein Mensch, ich bin eine Ruine. ”

In der Nacht vom 22. auf den 23.

September 1912 schrieb Kafka in einem Zug die Erzählung „Das Urteil” – der Wendepunkt seines Schaffens. Kurz darauf entstand „Die Verwandlung”, die Geschichte eines Mannes, der eines Morgens als Ungeziefer erwacht. Es folgte der Roman „Der Verschollene”. Im Juni 1914 verlobte sich Kafka offiziell mit Felice – sechs Wochen später war alles vorbei.

Ein Treffen im Hotel Askanischer Hof in Berlin, bei dem Felice, ihre Schwester und ihre Freundin Grete Bloch die Widersprüche von Kafkas Vorstellungen von Ehe und Zusammenleben konfrontierten, beendete die Verlobung. Kafka nannte dieses Ereignis später den „Gerichtshof im Hotel”. Drei Wochen danach brach der Erste Weltkrieg aus. Kafka notierte in sein Tagebuch: „Jetzt habe ich meinen Krieg.

”

Der Krieg wurde für Kafka eine Erleichterung – niemand konnte von ihm verlangen zu heiraten, solange Europa brannte. In diesen Jahren entstanden „In der Strafkolonie” und große Teile des Romans „Der Prozess”, die Geschichte eines Mannes, der verhaftet wird, ohne zu erfahren, wessen man ihn beschuldigt. Die Parallele zum „Gerichtshof im Hotel” war offensichtlich – Kafka selbst fühlte sich verurteilt, ohne das Urteil zu verstehen. Im Juli 1917 verlobte sich Kafka zum zweiten Mal mit Felice.

Einen Monat später hustete er Blut. Die Diagnose: Tuberkulose in beiden Lungenflügeln. Kafka schrieb an Felice, dass er nicht heiraten könne. Doch die Krankheit war für ihn nicht nur das Hindernis, sondern auch die Rettung – sie befreite ihn von allen Erwartungen, die er nicht erfüllen konnte.

Im Dezember 1917 wurde die Verlobung endgültig gelöst. Nach der Diagnose verbrachte Kafka einige Monate bei seiner Schwester Ottla in Zürau, wo er die rätselhaften Aphorismen schrieb. Er lernte Hebräisch und träumte von einer Auswanderung nach Palästina. 1919 verlobte er sich mit Julie Wohryzek, einer jungen Tschechin.

Hermann Kafka tobte und drohte: „Heirate sie, und du bist für mich gestorben. ” Die Verlobung zog sich hin und wurde schließlich aufgelöst. Nach diesem Scheitern schrieb Kafka den Brief an den Vater. Er analysierte seine Kindheit, die Demütigungen, die Angst.

Doch er erkannte auch an, dass der Vater nach dessen eigenen Maßstäben sein Bestes gegeben hatte. Die Wendung am Ende des Briefes ist erschütternd: „Du bist gänzlich schuldlos, und auch ich bin gänzlich schuldlos. ” Die Katastrophe war niemandes Schuld – beide konnten nicht anders. Der Brief endete ohne Versöhnung, mit der Feststellung, dass alles gesagt war und sich nichts ändern würde.

Im April 1920 erhielt Kafka Post von Milena Jesenská, einer jungen Wiener Journalistin, die seine Texte ins Tschechische übersetzte. Die Korrespondenz wurde zu Kafkas offenster: „Angst ist mein Wesen”, schrieb er ihr. Sie trafen sich nur zweimal, doch die Briefe gehören zur Weltliteratur. Milena verstand Kafka wie kaum jemand sonst, „wie ein Mensch ohne Haut”, schrieb sie später über ihn.

Die Korrespondenz verebbte – und Milena starb 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück. Im Sommer 1923, als Kafka bereits todkrank war, geschah noch einmal etwas Unerwartetes. In Müritz an der Ostsee begegnete er Dora Diamant, einer 25-jährigen Frau aus einer chassidischen Familie. Zum ersten Mal in seinem Leben verließ Kafka Prag.

Er zog mit Dora nach Berlin, in eine kleine, kalte Wohnung in Steglitz. Trotz Inflation, Hunger und fehlender Heizung war er glücklich: „Ich wache morgens auf, und Dora ist da. ”

In Berlin entstanden seine letzten Erzählungen, darunter „Der Bau” und „Josephine, die Sängerin”. Dora las ihm abends vor, sie lernten zusammen Hebräisch und träumten von einem gemeinsamen Leben in Tel Aviv.

Kafka begann systematisch, seine eigenen Manuskripte zu verbrennen – Dora stand daneben, ohne zu fragen. „Er war der Autor”, sagte sie später zu den Vorwürfen, sie hätte ihn aufhalten müssen. „Es war sein Recht. ”

In dieser Zeit ereignete sich die Geschichte von der verlorenen Puppe.

Im Park begegnete Kafka einem weinenden Mädchen, dessen Puppe verschwunden war. Kafka erzählte ihm, die Puppe sei auf Reisen gegangen und habe Briefe geschrieben. Drei Wochen lang schrieb er täglich einen Brief von der Puppe und las ihn dem Mädchen vor. Am Ende schenkte er ihm eine neue Puppe – die Briefe sind verschollen.

Im März 1924 war Kafka zu krank, um in Berlin zu bleiben. Die Tuberkulose hatte den Kehlkopf erreicht. Man brachte ihn nach Wien, dann ins Sanatorium Kierling. Er konnte nicht mehr sprechen und kommunizierte mit kleinen Zetteln.

Dora wich nicht von seiner Seite. Seine letzten Tage verbrachte er damit, die Druckfahnen von „Ein Hungerkünstler” zu korrigieren – und weinte, als er die Zeilen las, in denen der Hungerkünstler gesteht, nie die Speise gefunden zu haben, die ihm geschmeckt hätte. Am Morgen des 3. Juni 1924 war das Ende nahe.

Kafka litt unerträglich, konnte nichts mehr schlucken und bat seinen Pfleger Robert Klopstock um Morphium. „Töten Sie mich, oder Sie sind ein Mörder. ” Klopstock gab ihm die Injektion – ob es die tödliche Dosis war, bleibt bis heute umstritten. Kafka starb gegen Mittag.

Es ist eine letzte grausame Ironie, dass sein Todestag der 3. Juni war, nur einen Monat vor seinem 41. Geburtstag, an dem er immer scheiterte. Max Brod hielt die Grabrede.

Er sprach von einem Genie, das die Welt noch nicht erkannt hatte. Kafka hatte Brod in zwei Briefen eine klare Anweisung hinterlassen: Alles, was er an Manuskripten, Tagebüchern und Briefen hinterließ, sollte „restlos und ungelesen verbrannt” werden. Brod las die Briefe – und verbrannte nichts. Er rechtfertigte sich später: Kafka habe gewusst, dass er, Brod, die Bitte nicht erfüllen würde.

Er ordnete den Nachlass, gab den Romanen Titel, die Kafka nie autorisiert hatte, und veröffentlichte ab 1925 „Der Prozess”, „Das Schloss” und „Amerika”. Brod schrieb auch eine Biografie, die Kafkas Bild als heiliger Märtyrer der Literatur prägte. Dabei zensierte er die Tagebücher: Er strich Passagen über Bordellbesuche und erotische Gedanken. Die vollständige, unzensierte Ausgabe erschien erst 1990 auf Deutsch und 2023 auf Englisch – fast 100 Jahre nach Kafkas Tod.

1933 wurden Kafkas Bücher in Deutschland verbrannt. Als die Nazis 1939 in Prag einmarschierten, floh Brod mit den Originalmanuskripten nach Palästina – eine Rettung der Texte, die ohne seine Flucht verloren gegangen wären. In Tel Aviv übergab er die Manuskripte seiner Sekretärin Esther Hoffe, die sie in Bankschließfächern lagerte. Nach ihrem Tod 2007 entbrannte ein jahrzehntelanger Rechtsstreit, den 2016 das israelische Oberste Gericht entschied: Die Manuskripte gehören der Nationalbibliothek in Jerusalem.

Kafkas Familie überlebte ihn nicht lange. Seine Schwester Elli wurde 1941 mit ihrer Familie nach Lodz deportiert und im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Die Schwester Valli teilte ihr Schicksal. Ottla, die Lieblingsschwester, ließ sich 1942 von ihrem christlichen Mann scheiden, um ihn und ihre Töchter zu schützen.

Sie wurde nach Theresienstadt deportiert und meldete sich im Oktober 1943 freiwillig als Betreuerin eines Kindertransports nach Auschwitz. Am 7. Oktober 1943 wurde sie dort ermordet. Aus „Kafka” wurde ein Adjektiv.

Kafkaesk steht heute in jedem Wörterbuch der Welt für das Absurde, Bedrohliche, Unverständliche. In Prag wurde der Mann, der sich vor Öffentlichkeit fürchtete, zur Touristenattraktion, mit Museen, Cafés und Souvenirs. Die letzte Ironie in einem Leben voller Ironien – doch vielleicht hätte er darüber gelacht.