Ich stand mitten in einer fremden Stadt, der Verkehr kroch an mir vorbei, und über mir hing ein Affe an einer Laterne, als wäre das die normalste Sache der Welt. Gerade erst hatte ich diesen…

Ich stand mitten in einer fremden Stadt, der Verkehr kroch an mir vorbei, und über mir hing ein Affe an einer Laterne, als wäre das die normalste Sache der Welt. Gerade erst hatte ich diesen...

Der Affe hing einfach da oben an der Laterne, ganz entspannt, während unter ihm der Verkehr kroch. Irgendjemand rief etwas, dann ging ein Lachen durch die Gruppe. Wir waren gerade um die Ecke gebogen, da hatte ich diesen Zahnpastafleck an meiner Jacke entdeckt. Nein, nicht schon wieder.

Thumbnail

Ich hatte extra aufgepasst. Aber bevor ich mich richtig darüber aufregen konnte, war der Blick schon wieder bei dem verdammten Tier. Es saß jetzt auf dem Dach eines parkenden Autos und schaute uns direkt an, als würde es uns den Weg weisen wollen. Immerhin besser als das, was es vorhin gemacht hatte.

Ich hatte wirklich kurz Angst, es würde mir auf den Kopf machen. Es war verrückt hier. Diese ganzen Schriftzeichen überall, die leuchtenden Buchstaben, die sich die Hauswände hochzogen, die engen Gassen voller Stände, an denen getrockneter Fisch und komisches Zeug hing. Der Geruch war das erste, was mich umgehauen hatte.

Es roch intensiv, ein bisschen nach Abfluss, nach Gullydeckel, so wie dieser eine Geruch, der einem in manchen Ecken von Berlin entgegenschlägt, nur intensiver. Ich hatte mal eine这种, wie hieß das noch, eine surströmming-Dose aufgemacht – nein, eigentlich hatte ich sie nur gerochen, während sich jemand anderes daran versucht hatte. Sofort musste ich daran denken, wie ich mich damals im Haus verbarrikadiert hatte, als eine Freundin das Zeug probierte. Sie stand drinnen, ich stand draußen hinter der Terrassentür und habe durch das Glas zugeschaut, wie sie sich quälte.

Kategorisch abgelehnt, dieser Gestank. „Da drüben, Chat, das ist die Straße“, sagte ich und zeigte auf eine Kreuzung, an der ein Bus sich durch die Menge quälte. „Wir müssen zu dem Bus. “ Aber erstmal links, sonst schaffen wir das nie.

Die Straßenführung hier war sowas von bescheuert. Ein Moment noch da, im nächsten Moment war der Bordstein einfach weg und man stand vor einer Baugrube. Ich war vorhin fast reingelaufen, hatte mich im letzten Moment noch am Geländer festgehalten. „Ich mach jetzt übrigens Navi, dann musst du nicht mehr aufs Handy schauen“, sagte ich zu der Person neben mir, die sowieso nur am Wackeln war.

„Du wärst sowieso nicht so gut darin gewesen“, kam die Antwort zurück, gefolgt von einem kurzen Lachen. „Ich meine es ernst, halt das Ding fest“, sagte ich und hielt mein Handy in die Höhe, „sonst geht noch was kaputt. “ Die Batterie war bei zehn Prozent, zehn! Und natürlich hatte keiner von uns ein Ladegerät dabei.

Wir hatten nicht geladen, wir waren losgezogen, ohne nachzudenken, und jetzt schwebte diese Anzeige wie ein Damoklesschwert über uns. Ich musste das Handy trotzdem ausmachen und wieder anmachen, um zu sehen, ob ich gerade reingezoomt hatte oder ob die Kamera einfach so wackelte. „Sorry, Chat, fürs Wackeln“, murmelte ich. „Ist das da drüben ein Gefängnis?

“, fragte jemand aus der Gruppe und zeigte auf ein riesiges Gebäude, das sich wie eine Festung in den Himmel schob. Es war aus grauem Beton, mit winzigen Fenstern und hohen Mauern. Sah aus wie ein hochgezogener Knast, ernsthaft. „Ich glaube schon“, sagte ich und checkte kurz die Karte.

„Das ist der New York County Criminal Court oder so. “ Das erklärte einiges. An der Fassade hingen riesige Schriftzeichen. „Denkt ihr, die Leute hier denken gerade, wir wären in New York?

“, fragte ich in den Chat. Es sah schon so aus, wie in den Filmen, mit den ganzen Leuchtreklamen und den hoch aufragenden Fassaden. Ein bisschen fühlte es sich an wie Hongkong, wie damals, als wir durch die Märkte gelaufen waren. Irgendwo vor mir wurde wieder gelacht.

Jemand hatte einen Spruch gerissen, einen von diesen dämlichen Insider-Witzen, die wir immer machen. „Peter, dein Kumpel ist mal wieder am Start“, sagte ich und deutete auf einen Typen, der ein Stück weiter vorn auf dem Gehweg stand und sich den Bauch hielt. Er nannte sich immer so, keine Ahnung warum, aber wir kannten ihn nur als Peter. Als wir ihn einholten, war er immer noch nicht fertig mit Lachen.

„Chat, wisst ihr, was ich gerade sehe? “, sagte ich und drehte das Handy zu ihm. „Genau diese eine Sache, die wir vorhin besprochen haben. Das mit dem Glas.

“ Die anderen nickten. „Es ist einfach so ein bisschen teuflisch, wie das aussieht“, fügte ich hinzu. „Ich war gestern im Century Park“, sagte eine andere Person in der Runde, „und da gab es diese Donuts, die waren so krass. Die waren wirklich so lecker.

Ich sag euch, ich liebe die. “ „Toolpatzig“, warf jemand ein. „Genau das, Toolpatzig. “

Der Typ, Peter, grinste.

Irgendetwas an ihm war heute anders. „Alter, sag mal“, lachte ich und schaute ihn an, „hockt da gerade die ganze Zeit ein Affe mit einer Chinesin als Frisur auf deinem Kopf oder wie ist das? “

Er winkte ab. „Kalte Hände“, sagte er und steckte die Finger in die Achseln.

„Vom Händewaschen. Das Wasser war kalt. “

„Ja, klar“, lachte ich. Später, als wir über eine ziemlich heruntergekommene Brücke gingen, sagte ich in den Chat: „Können wir kurz überlegen, wie wir Peter einen Zahn finanzieren?

“ „Einen was? “, fragte jemand. „Einen Döner, du Held“, lachte ich. „Hab ich doch gesagt.

Döner. “ „Ach so, Döner. “ Wir lachten alle. „Annabella hat was gegen uns“, meinte ich, „aber das ist okay.

Ihr müsst einfach weniger aufs Handy schauen. “ „Jetzt redest du, ausgerechnet du. “

Wir blieben stehen, weil die Straße gesperrt war. Ein paar Leute mit Warnwesten standen herum, einer winkte uns zu, wir sollten einen Bogen machen.

„Also, das ist ja wohl die dämlichste Straßenführung, die ich je gesehen habe“, sagte jemand und starrte auf den Boden, wo sich ein riesiges Loch auftat. Da stand ich wieder, dieser Gullideckel unter meinen Füßen, und dieses Bild aus der Umkleidekabine schob sich wieder in meinen Kopf. Dieser Geruch, wie eine Mischung aus Abwasser und nassem Beton, der mich an eine bestimmte U-Bahn-Station in Berlin erinnerte, an diesem Ort, wo ich mal fast auf der Stelle hätte kotzen müssen, weil es so gestunken hat. „Der ist schon eklig“, sagte ich und trat einen Schritt zur Seite.

Ich konnte nicht anders, ich musste wieder an den Tag damals im August denken. Durchgefroren war ich heute sowieso die ganze Zeit, nicht nur wegen der Kälte, sondern weil ich so wenig geschlafen hatte. Ich hatte letzte Nacht im Bett gelegen und hatte immer wieder auf mein Handy geschaut, statt zu schlafen. Ich hatte versucht, mein Tablet zu holen, aber ich war zu müde zum Spielen.

Stattdessen hatte ich irgendein Video über die Habsburger angemacht und war dann doch nicht eingeschlafen. Ich hatte mir so Mühe gegeben, wirklich, aber es wollte einfach nicht klappen. Jetzt zahlte ich den Preis, ich war total durch den Wind, und alles fühlte sich an, als würde ich durch Watte laufen. „Wir müssen da rüber“, sagte ich und deutete auf die andere Straßenseite.

„Da ist der Bus. “ Ich schaute auf mein Handy, aber die Karte war geladen und zeigte uns als kleinen blauen Punkt in einem Meer aus roten Staus. „Einmal nach links und dann sofort wieder rechts“, murmelte ich. „Wie sollen wir da rüberkommen?

“, fragte jemand. „Erstmal nach links“, sagte ich, „einfach immer schön brav dem Plan folgen. “ Aber auf halbem Weg sah ich es. Der Growling, diese Katze, die wir am Anfang der Reise gesehen hatten, saß jetzt auf einer Mauer und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen.

Sie war so entspannt, so weit weg von dem ganzen Stress hier. Ich musste lächeln. „Oh, guck mal, Chat“, sagte ich und drehte das Handy zu der Katze, „eine fette da. “ Die Kommentare überschlugen sich fast.

„Ja, sie ist echt fett, die liegt da einfach rum“, lachte ich, während ich näher ranzoomte. Die haben doch nicht alle Latten am Zaun, dachte ich, während ein weiterer Lacher durch mein Team ging. Wir liefen weiter und kamen an einem dieser riesigen Gebäude vorbei, das aus massiven, dunklen Steinen gebaut war. Es war keine Kirche, aber es hatte etwas Sakrales an sich, mit den hohen Fensterbögen und den alten Verzierungen.

Nur, dass an der Fassade riesige chinesische Zeichen prangten. „Da sind bestimmt auch ein paar chinesische Schriftzeichen an der Kirche“, sagte ich in den Chat. „Das sieht so aus wie aus einem Film. “

Ich merkte, wie meine Finger langsam taub wurden, obwohl ich Handschuhe trug.

Ich war durchgefroren, bis auf die Knochen. „Irgendwann, wenn meine Hände wieder anfangen zu funktionieren, wird das alles hier viel entspannter“, sagte ich und blies in meine Hände. „Was machst du da für Faxen? “, fragte mein Gegenüber und lachte, als ich versuchte, meine Jacke zuzumachen.

„Ich kann nichts dafür“, erwiderte ich, „der Reißverschluss beißt mich. “ Es war kalt, aber die Stimmung war seltsam aufgekratzt. Ich glaube, es lag daran, dass wir die ganze Zeit nur gelacht haben, weil wir müde waren und nicht mehr richtig wussten, wie uns geschah. Die Mischung aus Schlafmangel und der fremden Umgebung machte uns alle ein bisschen kicherig.

Da blieb Peter plötzlich stehen. Er hielt ein Blatt Papier in der Hand, das er sich vorhin von einem der Stände mitgenommen hatte, irgendein Flyer. Er schaute darauf, dann wieder hoch zu den Häusern, dann wieder auf das Papier. „Ich hab das Gefühl, die Straße hat sich verändert“, sagte er.

„Halt’s Maul, Alter“, lachte ich. „Das haben wir gleich wieder. “

Aber wir liefen tatsächlich im Kreis. Die Gassen waren eng, und immer wieder bogen wir an denselben späteren Ständen ab, die es, als wir ankamen, gar nicht gab.

Irgendwann standen wir vor einer riesigen, fast leeren Fläche. Das war vorher nicht da. Mitten auf dem Platz tat sich ein Abgrund auf, Bauarbeiten, ein tiefes Loch im Boden, aus dem ein Rohr ragte. Ein Geruch, der mich wieder an Gullydeckel erinnerte, stieg mir in die Nase.

„Das ist einfach nur noch absurd“, stellte ich fest. „Oh Gott, Chat, das riecht hier so nach Abwasser“, sagte ich und rümpfte die Nase. „Ich weiß auch nicht, warum, aber Berlin riecht manchmal ein bisschen so, wisst ihr, wenn es geregnet hat und die Hitze den Dreck aus dem Boden zieht? Das erinnert mich irgendwie an zu Hause.

“

Ich blieb stehen und schaute auf die Baustelle. Die anderen waren schon einen halben Meter vorgegangen, aber sie blieben stehen, als ich nicht weiterging. „Wat is‘n jetzt? “, fragte ich.

„Ich komme da nicht rüber“, sagte die Person mit der Kamera. „Das schaffe ich nicht. “ Sie deutete auf die mehrere Meter breite Lücke, ein Spalt aus Schnee und Schlamm. Ich schaute auf die andere Seite.

Es war machbar, aber nur, wenn man Anlauf nahm. „Doch, das schaffst du. Komm schon, wir schaffen das. “

Ich reckte die Hand, aber sie zögerte.

„Nein, ich hab Angst, dass ich stürze. “ Ihre Stimme war dünn und ein bisschen zittrig. „Komm schon“, drängte ich. „Ich helfe dir doch.

Wir gehen zusammen rüber. “ Ich trat näher und wartete, bis sie die Hand nahm. „Eins, zwei, wir schwimmen nicht, wir springen. “

Und dann liefen wir, ihre Hand zitterte in meiner, wir schafften es mit einem Satz über das Loch.

Hinter uns plumpste es, der Schnee, den wir losgetreten hatten, fiel in die Tiefe. „Siehste“, sagte ich und klopfte mir den Schnee von der Hose, „war doch gar nicht so schlimm. Und nichts ist kaputt gegangen, nicht mal das Handy. “ Ich hielt mein Smartphone hoch, die Taschenlampe leuchtete noch.

„Zehn Prozent, das reicht noch. Vielleicht. “

Wir standen jetzt auf einem kleinen Hügel, von dem aus wir über die Dächer der Stadt schauen konnten. Die Gebäude reckten sich in den grauen Himmel, und irgendwo in der Ferne sah man ein riesiges, einem futuristischen Ringschiff ähnliches Bauwerk, das die Skyline durchbrach.

Ein Lachen entkam mir. „Hey, Chat, guck mal“, sagte ich und richtete die Kamera auf das Gebäude. „Das ist die Zentrale der Vereinten Nationen. Ist das nicht verrückt?

“ Es sah aus wie ein Raumschiff, majestätisch und gefühllos in seiner Wucht. „Es ist auf jeden Fall ein markanter Anblick. Sieht aus, als würde es hier in ein paar Jahren alles dominieren. “

Wir mussten weiter, also drehten wir uns noch einmal um, um die Aussicht zu genießen.

Ich drückte meinen Rücken durch, die Müdigkeit war wie weggeblasen, der Adrenalinschub hatte mir neue Energie gegeben. Meine Füße waren schwer, aber ich lief weiter. „Okay“, sagte ich und atmete tief durch, „wir haben es fast geschafft. Das ist die letzte Straße, da drüben ist der Bus.

“ Eine Straße weiter war Schluss. Wir bogen um die letzte Ecke und da war er, der Bus. Er war fast leer, der Motor lief, die Tür stand offen. Ich stieg als letzte ein und warf einen Blick zurück auf die verschneite Gasse, aus der wir gekommen waren.

Der Zettel, die Katze, die Lücke – alles lag hinter uns. „Na also“, sagte ich und setzte mich auf den ersten freien Sitzplatz, tief durchatmend. „Chat, wir haben es geschafft. “ Mein Handy vibrierte, aber ich schaute nicht mehr hin.

Ich schaute nur aus dem Fenster, an den gleichgültigen, glitzernden Fassaden vorbei, während der Bus sich ruckartig in Bewegung setzte. Die Heizung lief auf Hochtouren, und langsam kehrte das Gefühl in meine Hände zurück.