Vor einem Fernsehstudio in Berlin saß eine 99-jährige Frau, aufrecht und in makellosem Kostüm, als der Journalist ihr die Frage stellte, die sie seit 56 Jahren nicht losließ: Bereuen Sie? Leni Riefenstahl beugte sich vor. Ihre Antwort war kein Eingeständnis ihrer Filme, sondern ein Satz, der wie ein Schatten über ihrem gesamten Leben hängen blieb. Sie bedauere, dass sie mit Augen geboren wurde, die nur Schönheit sahen, und auf die mörderischste Vernichtungsmaschine der Geschichte blickte, um eine perfekte Bildkomposition zu erkennen.

Geboren wurde Helene Berta Amalie Riefenstahl am 22. August 1902 in Berlin-Wedding. Ihr Vater Alfred, ein Unternehmer für Heizungstechnik, erzog sie mit eiserner Disziplin. Ohne Vorwarnung warf er sie als Fünfjährige in einen See, um ihr die Angst zu nehmen.
Sechzig Jahre später nannte sie das keine Grausamkeit, sondern eine Lehre: keine Angst zu haben. Dieses Muster, Härte in Tugend umzudeuten, zog sich durch ihr Leben. Ihre Mutter Berta schmuggelte das Kind heimlich in Theater und Varietés. Der Traum von der Bühne führte Leni zunächst zum Tanz.
Doch mit 22 Jahren zerstörte ein Kreuzbandriss ihre Karriere als Tänzerin. In einer U-Bahn-Station entdeckte sie 1924 das Filmplakat zu „Der Berg des Schicksals“ von Arnold Fanck und war sofort fasziniert. Sie schrieb ihm einen Brief, erzwang ein Treffen und erhielt eine Rolle. In den darauffolgenden Jahren spielte sie in mehreren Bergfilmen, in denen sie riskante Kletterpartien absolvierte und dabei die Technik des Filmemachens beobachtete.
1932 schuf sie ihr eigenes Werk „Das blaue Licht“. Regie, Drehbuch und Hauptrolle lagen bei ihr. Der Film gewann die Silbermedaille in Venedig. Nachdem ihr Co-Autor Béla Balázs auf sein Honorar und seine Nennung bestand, weigerte sich Riefenstahl.
Nach der Machtergreifung ließ sie seinen Namen aus dem Abspann entfernen, im Laufe der Zeit wurde er komplett geschnitten. Dieser Film brachte ihr die Aufmerksamkeit Adolf Hitlers ein. Im Sommer 1932 trafen sie sich an der Ostseeküste. Er versprach ihr: „Wenn wir an die Macht kommen, werden Sie unsere Filme drehen.
“ Ob es eine intime Beziehung gab, ist nie belegt. Was belegt ist: Riefenstahl erhielt Aufträge direkt vom Kanzler, am Propagandaministerium von Joseph Goebbels vorbei. Diese Sonderstellung sorgte für eine jahrelange Rivalität zwischen der Regisseurin und dem Propagandaminister. Ihr erster Parteitagsfilm war „Sieg des Glaubens“ von 1933.
Nachdem Ernst Röhm in der Nacht der langen Messer ermordet wurde, ließ man fast alle Kopien dieses Films vernichten. Erst Jahre später tauchte ein Exemplar in einem britischen Archiv wieder auf. Ein Jahr später drehte sie ihr Hauptwerk: „Triumph des Willens“ über den Reichsparteitag in Nürnberg 1934. 30 Kameras, 170 Mitarbeiter, in den Boden gegrabene Gruben, um marschierende Kolonnen von unten zu filmen, und Aufzüge an Fahnenmasten für neue Kameraperspektiven.
Riefenstahl behauptete bis zu ihrem Tod, der Film sei eine Dokumentation gewesen. Doch Albert Speer bestätigte später, dass die Kulissen des Parteitags speziell für ihre Kamera entworfen worden waren. Viele Szenen wurden wiederholt und inszeniert, Hitler erscheint im Film über den Wolken. In ihrem Privatarchiv fand sich zudem ein Brief, in dem sie selbst von „Einfluss als Propaganda“ schrieb.
Auch die Finanzierung verschleierte sie: Beide Hauptwerke, „Triumph des Willens“ und „Olympia“, wurden vom Staat finanziert, nicht unabhängig produziert. 1936 drehte sie über die Olympischen Spiele in Berlin den zweiteiligen Film „Olympia“. Unterwasserkameras, Kameras in Zeppelinen und Zeitlupenaufnahmen waren technische Premieren, die später weltweit zum Standard wurden. Beeindruckt zeigte sie sich ausgerechnet vom schwarzen US-Athleten Jesse Owens, der vier Goldmedaillen gewann.
Am 20. April 1938, Hitlers Geburtstag, feierte „Olympia“ Premiere. Im September 1939 folgte sie der Wehrmacht nach Polen. In der Stadt Konskie soll sie am 5.
September 1939 Zeugin der Erschießung von rund 30 polnischen Zivilisten geworden sein. Nach ihrer Version rief sie dazwischen und wurde von einem Gewehr bedroht. Fotografien zeigen sie jedoch am Rand des Geschehens. Sie kehrte zurück, um weiter für das Regime zu arbeiten.
Von 1940 bis 1944 drehte sie den Spielfilm „Tiefland“. Für Massenszenen holte sie Häftlinge aus Lagern der Nationalsozialisten für Sinti und Roma, mindestens 66 Menschen wurden aus den Lagern Maxglan und Marzahn zum Filmen geholt. Nach den Dreharbeiten wurden viele von ihnen nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. Riefenstahl behauptete jahrzehntelang: „Ich habe alle nach dem Krieg wiedergesehen.
Keinem ist etwas geschehen. “ Die Dokumentarfilmerin Nina Gladitz deckte diese Lüge in ihrem Film „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ von 1982 auf. Riefenstahl klagte, verlor aber nicht den Kern der Sache: Der Einsatz der Lagerinsassen war belegt. Am 21.
März 1944 heiratete sie den Major Peter Jacob. Die Ehe hielt zwei Jahre. Nach dem Krieg wurde sie mehrfach verhaftet und durchlief vier Entnazifizierungsverfahren zwischen 1945 und 1948. Viermal wurde sie als „Mitläuferin“ eingestuft.
Dieses Urteil nutzte sie als Schild und behauptete später immer wieder, man habe sie freigesprochen. Ihre Versuche, nach dem Krieg wieder als Regisseurin zu arbeiten, scheiterten. Filme wie „Die roten Teufel“ und „Schwarze Fracht“ stießen auf Protest oder wurden durch Unfälle abgebrochen. „Tiefland“ feierte 1954 Premiere, wurde aber abgelehnt.
Mehr als 50 Klagen wegen Verleumdung führte sie gegen Kritiker und Journalisten, die sie Propagandistin nannten. Anfang der 60er Jahre entdeckte sie die Nuba, einen Stamm im Sudan. In den Bergen Nubiens fotografierte sie Körper mit Asche bemalt, Ringkämpfe und Rituale. Die Bildbände „Die Nuba“ (1973) und „Die Nuba von Kau“ (1976) wurden Bestseller.
Die Schriftstellerin Susan Sontag analysierte diese Fotografien 1975 in „Fascinating Fascism“: Der Blick, der in Nürnberg die marschierenden Kolonnen filmte, richte sich jetzt auf afrikanische Körper. Es sei derselbe Kult der physischen Perfektion ohne Innenschau. In den späten 70er Jahren begann Riefenstahl mit dem Tauchen. Sie gab in einer Tauchschule auf den Malediven ein falsches Alter an.
In ihren letzten Jahrzehnten widmete sie sich Unterwasseraufnahmen und veröffentlichte „Korallengärten“. 1987 erschienen ihre Memoiren, in denen sie ausließ, korrigierte und umdeutete. Sie behauptete unter anderem, die Sinti und Roma aus „Tiefland“ hätten den Krieg überlebt. 1993 konfrontierte der Regisseur Ray Müller sie in „Die Macht der Bilder“ mit den Vorwürfen.
Als er nach den Sinti und Roma fragte, weinte Riefenstahl – aber vor Empörung, nicht Reue. Sie fragte, warum man immer wieder darauf zurückkomme. Im Jahr 2002, zu ihrem 100. Geburtstag, erschien ihr letzter Film „Impressionen unter Wasser“, ohne Menschen und ohne gesprochene Worte.
Im selben Jahr erhob eine Gruppe von Überlebenden der Sinti und Roma Zivilklage. Vor Gericht sprach Riefenstahl 32 Worte: „Ich bedauere, dass Cinti und Roma während des Nationalsozialismus Unrecht und Gewalt erlitten haben. “ Es war das einzige öffentliche Eingeständnis ihres Lebens. Am 22.
August 2003, ihrem 101. Geburtstag, heiratete sie Horst Kettner, ihren langjährigen Weggefährten und Kameramann, der 35 Jahre an ihrer Seite war. 17 Tage später, am 8. September 2003, starb sie in ihrem Haus in Pöcking im Schlaf an Krebs.
Ihre Asche wurde auf dem Waldfriedhof in München beigesetzt. Ihr jüngerer Bruder Heinz war 1944 an der Ostfront gefallen. In den wenigen Interviews, in denen sein Name fiel, verlor die sonst beherrschte Frau die Fassung. Sie konnte den persönlichen Verlust betrauern, nicht die Millionen.
Die Frage, ob sie die Taten des Regimes bewusst sah oder durch die Linse ihrer Ästhetik blind war, bleibt unbeantwortet – und die Antworten darauf sind beide unverzeihlich.