Als Hildegard Knef 1951 in dem Film „Die Sünderin“ für drei Sekunden nackt auf der Leinwand erschien, löste das einen Sturm der Entrüstung aus, der die junge Bundesrepublik erschütterte. In Köln erhob sich ein Priester im Kinosaal und schrie das Publikum an, vor den Gebäuden protestierten Menschen mit Schildern, auf denen „Schande“ stand. Jemand warf eine Tränengasbombe in die Belüftungsanlage eines Kinos, die Polizei räumte den Saal. Kardinal Frings verurteilte den Film von der Kanzel herab, die Kirche rief zum Boykott auf, Kinobesucher wurden angespuckt und mit Tinte übergossen.

Knef reagierte mit beißender Bitterkeit auf die Empörung. „Man hat mich verurteilt für 3 Sekunden“, sagte sie damals. „Diejenigen, die zwölf Jahre lang gemordet haben, sitzen in ihren Wohnzimmern und schütteln den Kopf über mich. “ Der Skandal machte „Die Sünderin“ zum erfolgreichsten deutschen Film des Jahres, kostete Knef aber ihren Vertrag in Hollywood – und kurz darauf zerbrach auch ihre erste Ehe.
Geboren wurde Hildegard Frieda Albertine Knef am 28. Dezember 1925 in Ulm. Ihr Vater, ein Tabakhändler, starb, bevor sie ein Jahr alt war. Sie wuchs in Berlin-Schöneberg bei ihrer Mutter und einem Stiefvater auf, den sie als blass und bedeutungslos in Erinnerung behielt.
Ihr Leben lang suchte sie nach einer Vaterfigur, ein Muster, das sie später in ihrer Autobiografie mit dem selbst erfundenen Wort „vatersüchtig“ beschrieb. Mit 14 Jahren bewarb sie sich an der Filmhochschule der Ufa – nicht für die Schauspielerei, sondern für das Zeichnen und die Bühnengestaltung. Doch in den frühen 1940er Jahren geriet sie in den Bannkreis von Ewald von Demandowsky, dem Reichsfilmintendanten. Er war deutlich älter, verheiratet und ein Funktionär des NS-Regimes.
Die Beziehung, die sie Jahrzehnte später in ihren Memoiren offen schilderte, war eine Mischung aus Leidenschaft, Abhängigkeit und Furcht – und zugleich ihr Eintrittstor in die Welt des Films. In den letzten Kriegsmonaten vollzogen die beiden eine Art Trauungszeremonie ohne rechtliche Gültigkeit, dann wurde Knef in die Kampfzone geschickt. Sie trug eine Uniform der Wehrmacht, wurde verwundet und überlebte in einem bombardierten Haus, das über ihr zusammenstürzte. Demandowsky geriet in sowjetische Gefangenschaft und verschwand endgültig aus ihrem Leben.
Nach dem Krieg gehörte Hildegard Knef zu den Trümmerfrauen in Berlin. Durch ihre Verbindung zu einem NS-Funktionär war ihre Lage unklar – weder den Opfern noch den Schuldigen wurde sie eindeutig zugeordnet. 1946 engagierte sie der Regisseur Wolfgang Staudte für den ersten deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“. Ihr Gesicht wurde zum Symbol der Hoffnung einer zerstörten Nation, und 1947 erschien sie auf dem Titel des „Spiegel“.
Im selben Jahr heiratete sie den jüdisch-amerikanischen Besatzungsoffizier Kurt Hirsch, mit dem sie 1948 nach Hollywood ging. Ihr Trauzeuge war Erich Pommer, der legendäre Produzent von „Metropolis“, der vor den Nazis nach Amerika geflohen war. In den USA wurde aus Hildegard Knef die aussprechbarere Hildegarde Neff, und sie nahm schließlich die amerikanische Staatsbürgerschaft an. In einer Garderobe bei 20th Century Fox teilte sie sich einen Raum mit der damals noch unbekannten Marilyn Monroe, die sich von ihr deutsche Literatur lieh – darunter Rainer Maria Rilke.
Knef schrieb später über Monroe: „Sie war klüger, als die Männer um sie herum wahrhaben wollten. “
Hollywood jedoch wollte keine unbequeme deutsche Schauspielerin mit eigenen Ansprüchen. Nach dem Skandal um „Die Sünderin“ kündigte das Studio ihren Vertrag, und die Ehe mit Hirsch zerbrach 1952. Es folgten Jahre zwischen London, Paris und Rom.
1955 gelang ihr am Broadway in Cole Porters Musical „Silk Stockings“ ein großer Erfolg als sowjetische Kommissarin. Als die Rolle drei Jahre später verfilmt wurde, ging sie an Cyd Charisse – Knef wurde übergangen, ohne Erklärung oder Anruf. 1962 heiratete sie den englischen Schriftsteller David Cameron Palastanga, mit dem sie eine Tochter, Christina, bekam. Die Ehe hielt bis 1976.
In den 1960er Jahren wandte sich Knef der Musik zu und schrieb ihre Liedtexte selbst. Ihre tiefe, raue Stimme polarisierte – Kritiker warfen ihr vor, nicht singen zu können. Ihre knappe Antwort darauf: „Die Dietrich konnte es auch nicht, aber versuchen Sie mal, nicht zuzuhören. “ 1968 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Der geschenkte Gaul“, die zum Bestseller wurde und in der sie ihr Leben schonungslos offenlegte.
Drei Jahre später folgte mit „Das Urteil“ ein Bericht über ihren Kampf gegen Brustkrebs. Es folgten mehr als 50 Operationen in drei Jahrzehnten, ein Lungenemphysem durch jahrzehntelanges Rauchen und eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln, die sie öffentlich eingestand. Trotz der Schwächung trat sie weiter auf, teils mit Drainageschläuchen unter dem Kleid. Als ein Arzt ihr sagte, sie dürfe nicht mehr singen, fragte sie zurück: „Und leben?
“ Der Arzt schwieg. Knef ging auf die Bühne. 1977 heiratete sie zum dritten Mal – Paul von Schell, ein Mann, der die Öffentlichkeit mied und der 25 Jahre lang an ihrer Seite blieb. Er begleitete sie zu jeder Operation, saß in den Wartezimmern und wurde in den letzten Jahren ihr Pfleger.
Über ihre Tochter Christina sprach Knef öffentlich fast nie. Sie schützte ihr Kind konsequent vor der Öffentlichkeit und hielt es damit von dem Leben fern, das ihr selbst so viel Leid gebracht hatte. Nach dem Mauerfall 1989 erlebte Knef eine späte Wiederentdeckung in Deutschland. Ihre Lieder liefen wieder im Radio, jüngere Musiker nannten sie ein Vorbild, Verlage brachten Neuauflagen ihrer Bücher heraus.
Am 27. Juni 2001 stellte sie einen Antrag auf Wiedereinbürgerung und wurde wieder Deutsche – ein halbes Jahrhundert, nachdem sie die deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben hatte. Ihren letzten großen öffentlichen Auftritt hatte sie im selben Jahr auf der Berlinale. Der Saal stand auf und applaudierte minutenlang.
Knef, zu diesem Zeitpunkt schwer krank und sichtbar geschwächt, stand aufrecht im Scheinwerferlicht und nahm die Ovationen mit ruhiger Stille entgegen. Am 1. Februar 2002 starb Hildegard Knef in Berlin an einer Lungenentzündung, die ihr durch das Emphysem geschwächter Körper nicht mehr bekämpfen konnte. Sie wurde 76 Jahre alt.
Paul von Schell war bei ihr. Beerdigt wurde sie auf dem Waldfriedhof Zehlendorf, wo ihr Grab bis heute eine Pilgerstätte ist. Nach ihrem Tod benannte die Stadt Berlin einen Platz am Potsdamer Platz nach ihr, und 2005 gab die Deutsche Post eine Briefmarke mit ihrem Porträt heraus. Zurück blieb das Bild einer Frau, die nie um Verzeihung bat – nicht für ihre Nacktheit, nicht für ihre Männer, nicht für ihre Wahrheiten.
Sie hatte Deutschland einen Spiegel vorgehalten und dafür gebüßt, dass das Spiegelbild unbequem war. Ihr Leben war eine Geschichte von fünf Neuanfängen: von der Tochter ohne Vater über die Soldatin wider Willen, die Sünderin der Nation, die Verbannte aus Hollywood bis hin zur Sängerin mit der gebrochenen Stimme und zur Schriftstellerin, die nicht log. Hildegard Knef starb nicht in der Vergangenheit, sie blieb bis zum Ende ganz sie selbst – unbequem, unnachgiebig und ohne Entschuldigung.