DER PHILOSOPH VOR GERICHT: WARUM HEIDEGGER NICHT ANTWORTEN KONNTE

DER PHILOSOPH VOR GERICHT: WARUM HEIDEGGER NICHT ANTWORTEN KONNTE

Im Februar 1946 saß Martin Heidegger vor der Entnazifizierungskommission in Freiburg. Der einst gefeierte Philosoph, den viele als den bedeutendsten Denker seit Aristoteles betrachteten, wurde von Verwaltungsbeamten befragt. Auf dem Tisch lagen sein NSDAP-Mitgliedsausweis mit der Nummer 312589 sowie Denunziationsschreiben mit seiner Unterschrift. Der Mann, der die Welt gelehrt hatte, große Fragen zu stellen, fand keine Antwort auf die einfache Frage nach seiner Schuld.

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Zur gleichen Zeit las Hannah Arendt in New York von den Prozessen in Deutschland. Sie war Jüdin, vor den Nazis geflohen und einst Heidegger’s Geliebte und Schülerin gewesen. Der Mann, der ihr das Denken beigebracht hatte, hatte sich auf die Seite ihrer Verfolger gestellt. Martin Heidegger wurde am 26.

September 1889 in Messkirch geboren. Sein Vater arbeitete als Mesner der Kirche St. Martin, die den Ort beherrschte. Der Junge wuchs in tiefster katholischer Frömmigkeit auf, zeigte aber früh eine ungewöhnliche Neigung zum Nachdenken.

Ein Ortsgeistlicher förderte ihn, sodass er das Gymnasium besuchen konnte. Nach einer kurzen, abgebrochenen Zeit im Jesuiten-Noviziat wegen Herzproblemen wandte er sich der Philosophie zu. Der Erste Weltkrieg hinderte ihn nicht am Studium, da er wegen seines schwachen Herzens vom Frontdienst befreit war. Der Glaube verlor für ihn nach und nach seine Bedeutung.

1919 trennte er sich formell von der katholischen Kirche. An die Stelle Gottes trat das Denken. In diese Zeit fällt ein Brief an seine Verlobte Elfriede Petri aus dem Jahr 1916, in dem er sich über die „schreckliche Verjudung” der deutschen Kultur beklagte. Die NSDAP existierte damals noch nicht.

Elfriede Petri stammte aus einer protestantischen Offiziersfamilie und war bereits Antisemitin, bevor sie Heidegger kennenlernte. Die beiden heirateten 1917 und schlossen einen ungewöhnlichen Kompromiss: Künftige Söhne sollten protestantisch erzogen werden. Die Ehe entwickelte ein klares Muster. Er dachte und schrieb, sie organisierte sein Leben, tippte Manuskripte und sorgte für den Unterhalt.

1919 kam der Sohn Jörg zur Welt, ein Jahr später Hermann. Hermann war jedoch nicht Martins leiblicher Sohn, sondern stammte aus einer Affäre Elfriedes mit dem Arzt Friedel Caesar. Heidegger wusste davon und akzeptierte es erstaunlich gelassen. Es war offenbar ein stiller Pakt: Er durfte lieben, wen er wollte, sie führte das Reich.

1922 baute Elfriede mit Geld ihrer Familie eine Hütte in Todtnauberg im Schwarzwald. Dieser einfache, fast primitive Ort wurde für Heidegger zum Heiligtum. Hier, fern von der Stadt, entstand sein Denken. Hier sollte später auch das Buch entstehen, das die Philosophie des 20.

Jahrhunderts verändern sollte. Im Herbst 1924 lernte Heidegger an der Universität Marburg die 18-jährige Studentin Hannah Arendt kennen. Sie war aus Königsberg gekommen, um bei dem berühmten Professor zu studieren. Zwischen den beiden entwickelte sich eine leidenschaftliche, heimliche Beziehung.

Sie trafen sich in Pensionen außerhalb der Stadt, kommunizierten über vertrauenswürdige Boten und schrieben sich Briefe. Heidegger verliebte sich, wagte aber nicht, seine Ehe für sie zu riskieren. 1928 beendete er die Beziehung mit den Worten, sie müsse ihren eigenen Weg finden. Arendt war tief verletzt.

Sie verließ Marburg, heiratete und begann eine eigene Karriere. Jahrzehnte später gestand sie, nie aufgehört zu haben, ihn zu lieben. 1927 erschien Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit”. Das Buch revolutionierte die Philosophie.

Begriffe wie „Dasein”, „Geworfenheit” und „Sein zum Tode” prägten eine ganze Generation. Jean-Paul Sartre baute auf diesem Werk seinen Existentialismus auf. Heidegger wurde zum meistdiskutierten Denker Europas. Sein Erfolg brachte ihm den Lehrstuhl in Freiburg ein, die Nachfolge seines Lehrers Edmund Husserl.

Der kleine Junge aus Messkirch war nun einer der mächtigsten Männer der deutschen Universität. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Am 21.

April 1933 wurde Heidegger zum Rektor der Universität Freiburg gewählt. Zehn Tage später trat er der NSDAP bei. Seine Mitgliedsnummer war 312589. Am 27.

Mai hielt er seine Rektoratsrede mit dem Titel „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität”. Darin erklärte er, der Führer selbst und allein sei die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz. Als Rektor setzte Heidegger die sogenannten Ariergesetze um. Studenten, die als nicht arisch galten, verloren ihre Stipendien.

Er schrieb Denunziationen. In einem Gutachten über seinen früheren Schüler Eduard Baumgarten erwähnte er dessen Verbindung „mit dem Juden Frenkel”. Eine andere Denunziation betraf den Chemiker Hermann Staudinger, den Heidegger pazifistischer Neigungen verdächtigte. Staudinger behielt seine Stelle nur, weil seine Forschung als kriegswichtig galt.

1953 erhielt er den Nobelpreis. Heidegger behielt seine NSDAP-Mitgliedschaft bis 1945 bei. Es gab auch rätselhafte Zwischenfälle. Bei einer Versammlung unterbrach Heidegger einen studentischen NS-Aktivisten schroff und hielt stattdessen einen Vortrag über Sigmund Freud.

Manche sahen darin Widerstand. Doch seine philosophischen Tagebücher, die erst Jahrzehnte nach seinem Tod veröffentlicht wurden, zeigen einen subtileren, aber systematischen Antisemitismus. Er schrieb vom „Weltjudentum” als einer Macht, die das Sein zerstöre. Die Juden seien entwurzelt und ohne Bindung an Heimat und Boden.

1933 wurde Hannah Arendt von der Gestapo verhaftet und acht Tage lang verhört. Nach ihrer Freilassung floh sie nach Paris. Als Frankreich fiel, wurde sie interniert, konnte aber fliehen. 1941 erreichte sie New York.

In den folgenden Jahren machte sie Karriere als politische Denkerin. Ihre Bücher über den Totalitarismus machten sie berühmt. Die Söhne Heideggers wurden eingezogen. Beide kämpften an der Ostfront und gerieten in sowjetische Gefangenschaft.

Jörg kam Anfang der 1950er Jahre zurück, Hermann folgte kurz darauf. Beide sprachen selten über das Erlebte. Nach dem Krieg musste sich Heidegger einem Entnazifizierungsverfahren stellen. Der Philosoph Karl Jaspers, einst sein engster Freund, sagte als Zeuge aus, Heideggers Denkweise sei „in ihrer Art diktatorisch”.

Im Winter 1945 erlitt Heidegger einen Zusammenbruch und wurde ins Sanatorium eingewiesen. Das Urteil im Dezember 1946 lautete: Mitläufer. Er verlor das Recht zu lehren. Für einen Mann, dessen Leben das Lehren gewesen war, kam das einer Auslöschung gleich.

Elfriede verteidigte ihn öffentlich und wies alle Vorwürfe zurück. 1950, fünf Jahre nach Kriegsende, kam Hannah Arendt nach Freiburg. Sie traf Heidegger in seinem Haus, offiziell bei Kaffee und Kuchen mit Elfriede als Gastgeberin. Die Gespräche drehten sich um Philosophie, nicht um die Jahre zwischen 1933 und 1945.

Arendt fragte nicht, Heidegger erklärte nicht. Später notierte sie, er habe nie verstanden, was er getan habe. Trotzdem begann zwischen ihnen eine Korrespondenz, die bis zu ihrem Tod 1975 andauern sollte. Sie setzte sich öffentlich für seine Werke ein, verteidigte ihn gegen Kritiker und half, seine Bücher in Amerika zu veröffentlichen.

1961 erschien Arendts umstrittenstes Buch über den Prozess gegen Adolf Eichmann. Sie prägte darin den Begriff der „Banalität des Bösen”. Eichmann sei kein Monster gewesen, sondern ein Bürokrat, der aufhörte zu denken. Das Buch löste einen Sturm der Entrüstung aus.

Viele warfen ihr vor, die Täter zu entschuldigen. Die Parallele zu Heidegger war unübersehbar: Auch er hatte aufgehört, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. 1967 besuchte der jüdische Dichter Paul Celan Heidegger in der Hütte in Todtnauberg. Celan, dessen Eltern in den Lagern gestorben waren, bewunderte Heideggers Philosophie.

Er hoffte auf ein Wort der Anerkennung, ein Zeichen der Überbrückung der unüberwindbaren Kluft. Sie wanderten durch das Hochmoor, sprachen über Pflanzen und Wetter. Das erhoffte Wort blieb aus. Celan schrieb darüber ein Gedicht, in dem von der „Hoffnung auf eines Denkenden kommendes Wort” die Rede ist.

Drei Jahre später nahm er sich das Leben. 1966 gab Heidegger sein einziges großes Interview dem „Spiegel”. Er stellte die Bedingung, dass es erst nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfe. Als es 1976 erschien, war die Enttäuschung groß.

Er umging Fragen nach Reue und Verantwortung. Auf die Frage nach einer Verbindung zwischen seiner Philosophie und dem Nationalsozialismus antwortete er ausweichend. Sein berühmtester Satz aus diesem Interview: „Nur noch ein Gott kann uns retten. ”

Am 4.

Dezember 1975 starb Hannah Arendt in New York an einem Herzinfarkt. Auf ihrem Schreibtisch fand man ein unvollendetes Manuskript und einen Band Heidegger mit Anmerkungen am Rand. Heidegger selbst starb am 26. Mai 1976 in Freiburg.

Er wurde in Messkirch beerdigt, wo die Glocken von St. Martin über seinem Leben geläutet hatten. Der Gottesdienst war katholisch, die Kirche seiner Kindheit. Elfriede überlebte ihn um 16 Jahre.

Sie wurde hundert Jahre alt und verwaltete sein Erbe mit eiserner Hand. Jedes Manuskript, das veröffentlicht wurde, ging durch ihre Prüfung. Sie entschied, was die Welt sehen durfte. Hermann übernahm die Hauptlast der Herausgabe der Gesamtausgabe.

Irgendwann erfuhr er die Wahrheit über seine Herkunft, sprach aber nie darüber. Er blieb bis zu seinem Tod im Januar 2020 ein Heidegger. Jörg starb 2005. 2014, fast 40 Jahre nach Heideggers Tod, wurden die „Schwarzen Hefte” veröffentlicht, philosophische Tagebücher aus den Jahren 1931 bis 1941.

Die darin enthaltenen Aussagen über das „Weltjudentum” und die „Wurzellosigkeit” der Juden schockierten selbst Kenner. Der Antisemitismus war nicht nur eine persönliche Schwäche, sondern Teil seiner Philosophie. Der Herausgeber prägte dafür den Begriff des „seinsgeschichtlichen Antisemitismus”. Die Debatte darüber dauert bis heute an.

Manche fordern, Heidegger aus dem Kanon zu streichen, andere wollen zwischen Denker und Mensch unterscheiden. Beide Positionen finden Gehör. In Messkirch erinnert ein schlichter Stein auf dem Friedhof an Martin Heidegger. Daneben liegt Elfriede.

Die Hütte in Todtnauberg steht noch, gehört der Familie und ist kein Museum. In späten Jahren soll Heidegger dort Papiere im Ofen verbrannt haben. Was genau, weiß niemand. Das Feuer hat kein Gedächtnis.

Es bleibt die Frage, die niemand abschließend beantworten kann: Wie geht man mit einem Erbe um, das großes Denken und verwerfliches Handeln vereint?