Hanna drückte die Tür ihres alten VW Polo zu und hielt die Kiste mit den holländischen Rosenmustern fest, damit sie nicht verrutschte. Die Oktobersonne brach durch die Wolken und tauchte den Stadtpark in weiches, goldenes Licht. Nach drei Stunden auf dem Blumengroßmarkt am Stadtrand spürte sie eine angenehme Müdigkeit, jene Art von Erschöpfung, die man nach getaner Arbeit fühlt. Mit achtunddreißig Jahren und fünfzehn Jahren Berufserfahrung in der Floristik löste jede neue Rosensorte bei ihr immer noch die gleiche Begeisterung aus wie am ersten Tag.

Vorsichtig balancierte sie den Karton, in dessen Fächern zehn geschnittene Stiele der seltenen Sorte „Miss Bubbles“ ruhten, mit zartrosa Knospen, die zur Mitte hin cremefarben wurden. Morgen würde sie diese bei der Besprechung im Salon präsentieren, wo sie seit acht Jahren als Chef-Floristin arbeitete. Hanna schlug den gewohnten Weg durch den Park ein, um schneller nach Hause zu kommen. Thomas, ihr Mann, hatte versprochen, heute früher zurückzusein, gegen neunzehn Uhr.
Vielleicht würde sie es schaffen, seinen Lieblingslachs mit Ofengemüse zuzubereiten, obwohl er in den letzten Monaten ehrlich gesagt immer öfter länger im Büro blieb. Das Immobiliengeschäft, erklärte er dann immer, erfordere im Moment ständige Anwesenheit. Die Kunden seien anspruchsvoll, Deals würden im letzten Moment platzen. Sie dachte gerade darüber nach, welche Beilage sie kochen sollte, als sie eine ältere Dame auf einer Parkbank bemerkte.
Die Frau saß da, neben sich zwei riesige Einkaufstaschen, und atmete schwer, die Hand auf die Brust gepresst. Das graue Haar war ordentlich unter einem Tuch verborgen. Auf den Schultern trug sie einen verblichenen Mantel, der offensichtlich aus einem vergangenen Jahrzehnt stammte. Hanna verlangsamte ihren Schritt.
Die Frau sah erschöpft aus, ihr Gesicht war blass. „Brauchen Sie Hilfe? “, fragte Hanna und trat näher. Die alte Dame hob den Blick.
Ihre Augen waren überraschend hell, beinahe transparent. Darin blitzte etwas auf, das Hanna nicht einordnen konnte, Dankbarkeit oder vielleicht etwas anderes. „Ach, Kindchen“, flüsterte die Frau. „Wenn du wüsstest, wie schwer mir alles fällt.
Früher habe ich solche Strecken gar nicht bemerkt, aber heute ist der Weg vom Supermarkt bis nach Hause wie eine Weltreise. Wohnst du weit weg? “
„Nein, ich gehe nur durch den Park. “
„Ach, woher?
“, winkte die Alte in Richtung der Wohnblöcke hinter dem Park. „Da drüben im dritten Hauseingang. Mit diesen Taschen, Kartoffeln habe ich gekauft, Konserven. Mein Enkel hatte versprochen zu helfen, ist aber nicht gekommen.
Die Jugend hat heute ihre eigenen Dinge im Kopf. “
Hanna stellte die Kiste mit den Rosen auf die Bank. „Lassen Sie mich helfen. Ich muss ohnehin in diese Richtung.
“
Das war eine kleine Lüge. Ihr Haus lag in der entgegengesetzten Richtung, aber Hanna konnte nicht einfach weitergehen. Ihre Mutter hatte ihr immer beigebracht, älteren Menschen zu helfen. Und was kosteten sie schon die zusätzlichen zehn Minuten?
„Oh, mein Kind“, strahlte die Frau. „Du bist ein Engel des Himmels. Ich bin Frau Trautmann. Hertha Trautmann.
Und wie heißt du? “
„Hanna. Lass mich die Taschen nehmen, und wir gehen ganz in Ruhe, nicht hetzen. “
Sie griff nach den beiden Taschen, die tatsächlich bleischwer waren, mindestens zehn Kilo jede, und sie machten sich auf den Weg über den Pfad.
Frau Trautmann ging langsam, stützte sich auf ihren Stock, aber ihr Atem wurde ruhiger. „So jung und hübsch“, sagte die alte Dame und musterte sie. „Bestimmt verheiratet. “
„Ja, seit vierzehn Jahren.
“
„Kinder? “
Hanna wurde ernst. Diese Frage tat immer weh, auch wenn sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. „Nein, es hat irgendwie nicht geklappt.
“
Frau Trautmann nickte, als hätte sie das bereits gewusst. „Das kommt vor. Der Herrgott gibt es nicht jedem, aber das heißt nicht, dass das Leben leer ist. Du hast noch alles vor dir, Kindchen.
“
Sie verließen den Park und gingen an der Straße entlang. Hanna bemerkte, dass die alte Dame sie aufmerksam ansah, nicht flüchtig, sondern prüfend, als versuche sie etwas zu erkennen. „Und was machst du beruflich? “, fragte Frau Trautmann.
„Ich bin Floristin. Ich habe gerade Blumen vom Großmarkt geholt. “
Hanna nickte auf die Schachtel, die sie zusammen mit einer der Taschen unter den Arm geklemmt hatte. „Blumen“, wurde die Alte nachdenklich.
„Ein schöner Beruf. Blumen bringen ja nicht nur Freude, sie sagen auch die Wahrheit, wenn man zuzuhören versteht. “
Hanna lächelte. Wahrscheinlich hatten ältere Menschen ihre eigene Philosophie für alles.
„Die Wahrheit ist: Jede Blume hat doch ihre eigene Sprache. Rosen zum Beispiel. Sie zeigen Liebe, aber sie können auch eine Lüge verdecken, mit einer schönen Verpackung. “
Etwas in der Stimme von Frau Trautmann ließ Hanna aufhorchen.
Die alte Dame sprach seltsam, als plaudere sie nicht bloß zur Unterhaltung. Sie erreichten den Wohnblock, einen typischen Bau aus den Achtzigerjahren mit abblätternder Farbe am Eingang. Frau Trautmann blieb stehen. „Hier wohne ich.
Danke dir, meine Liebe. Würdest du mir noch bis zur Wohnung helfen? Ich wohne im ersten Stock, nicht weit. “
„Natürlich.
“
Der Aufzug war wie zu erwarten außer Betrieb. Sie stiegen die Treppe hinauf, es roch nach feuchten Wänden. Frau Trautmann schloss die Wohnungstür auf, und Hanna trug die Taschen in den winzigen Flur. Die Wohnung war klein, eine Einzimmerwohnung, aber überraschend gemütlich.
An den Wänden hingen alte Fotografien, auf dem Fensterbrett standen Töpfe mit Geranien. „Komm rein, setz dich einen Moment“, bat die alte Dame. „Ich mache Tee. “
„Danke, aber ich muss wirklich los.
Mein Mann wartet. “
Frau Trautmann griff plötzlich nach Hannas Hand. Ihre Finger waren kalt und knochig, aber ihr Griff war fest. „Warte, ich muss dir etwas sagen.
“
Hanna war verwirrt. In den Augen der Alten erschien etwas Beängstigendes. „Nichts Böses, aber etwas sehr Ernstes. Ich habe dich nicht ohne Grund angehalten, Kindchen.
Du hast mir geholfen, obwohl du hättest weitergehen können. Das bedeutet, du hast eine helle Seele, und hellen Seelen muss man helfen. “
„Ich verstehe nicht. “
Frau Trautmann führte sie zum Tisch, drückte sie auf einen Stuhl, setzte sich gegenüber und nahm Hannas beide Hände in die ihren.
„Ich habe eine Gabe, Hanna. Seit meiner Kindheit sehe ich Dinge, die andere nicht sehen. Normalerweise schweige ich. Die Leute mögen die Wahrheit nicht, sie fürchten sich.
Aber du hast Gutes getan, und ich muss dir helfen. “
Hanna spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Sie glaubte nicht an Wahrsagerinnen oder Mystik, sie hatte das immer für Scharlatanerie gehalten. Aber jetzt, als sie in diese hellen, fast verblichenen Augen blickte, glaubte sie ihr plötzlich.
„Dein Mann“, begann die Alte und starrte auf Hannas Handflächen. „Er schenkt dir Blumen. “
„Ja“, antwortete Hanna überrascht. „Jeden Freitag bringt Thomas einen Strauß mit.
Er weiß, dass ich Blumen liebe. Ich arbeite ja selbst damit. “
„Und du freust dich? “
„Natürlich.
Er ist ein aufmerksamer Ehemann. “
Frau Trautmann drückte Hannas Hände fester. Ihr Gesicht wurde ernst, fast feierlich. „Am Freitag wird dir dein Mann Blumen schenken“, sagte sie langsam, jedes Wort betonend.
„Aber riech zuerst selbst daran. Bevor du sie in eine Vase stellst, riech an ihnen. Und wenn du den Geruch nicht erkennst, dann stell keine Fragen. Wirf sie weg, und sag nichts.
“
Hanna lachte unsicher auf. „Das klingt wie aus einem Krimi. Was soll denn an Blumen falsch sein? “
„Ich kann dir nicht mehr sagen“, flüsterte die Alte.
„Ich sehe nur, was ich sehe. Eine dunkle Wolke über deinem Herzen. Und Blumen, die nach etwas riechen, das nicht von dieser Welt ist. Vertrau mir, Kindchen.
Und wenn du sie bekommst, riech zuerst selbst daran. “
Hanna wollte widersprechen, aber die alte Dame stand auf und lächelte wieder, als wäre nichts gewesen. Die Stimmung war wie weggeblasen. „Vielen Dank für deine Hilfe, mein Kind.
Du bist ein guter Mensch. Und denk an meine Worte. Auch wenn sie dir jetzt sinnlos erscheinen. “
Hanna verabschiedete sich verwirrt und ging die Treppe hinunter.
Als sie auf die Straße trat, drehte sie sich noch einmal um, aber am Fenster im ersten Stock war keine Bewegung zu sehen. Sie schüttelte den Kopf. Alte Leute eben. Sie musste nach Hause.
Die Tage vergingen, und Hanna verdrängte die seltsame Begegnung. Sie erzählte Thomas nichts davon, er hätte nur gelacht. Aber in den Nächten wachte sie manchmal auf und hörte die Stimme der Alten in ihrem Kopf: „Am Freitag wird dir dein Mann Blumen schenken. Aber riech zuerst selbst daran.
“
Donnerstagabend kam Thomas spät nach Hause, küsste sie auf die Stirn und sagte beiläufig: „Morgen bringe ich dir wieder welche mit. Die neuen Ranunkeln aus Holland, du wirst sie lieben. “
Hanna lächelte, aber innerlich wurde sie kalt. Am Freitag also.
Sie hatte gehofft, die Frau hätte nur dahergeredet. Der Freitag kam. Hanna arbeitete bis kurz nach Mittag im Salon, aber ihre Gedanken waren woanders. Sie konnte sich nicht konzentrieren, ließ eine Vase fast fallen und verwechselte die Preisschilder.
Ihre Kollegin Petra musterte sie besorgt. „Alles okay bei dir? Du bist heute so neben der Spur. “
„Ja, nur ein bisschen müde“, log Hanna.
„Schlecht geschlafen. “
Um kurz nach fünf hörte sie den Schlüssel im Schloss. Thomas rief aus dem Flur: „Hanna? Bist du da?
“
„Im Wohnzimmer! “
Er kam herein, in der Hand einen großen, in Papier eingewickelten Blumenstrauß. Wie immer freute sie sich, aber heute war die Freude von einer seltsamen Anspannung überschattet. „Für dich, meine Süße“, sagte er und drückte ihr den Strauß in die Arme.
Er roch nach seiner üblichen Mischung aus Rasierwasser und Bürogebäuden. Er küsste sie auf die Lippen und ließ sich aufs Sofa fallen. „Was gibt es zu essen? Ich sterbe vor Hunger.
“
„Ich mache gleich etwas“, murmelte Hanna. Sie sah auf den Strauß in ihren Händen. Das Papier war nass von den Stielen. Die Alte hatte es also gewusst.
Der Freitag, die Blumen. Alles stimmte. „Thomas? “
„Mhm?
“
„Was sind das für Blumen? “
„Ranunkeln, hab ich doch gesagt. Die aus Holland, mit den schönen Farben. “
Hanna nickte.
Sie zog das Papier vorsichtig zurück. Die Knospen waren prachtvoll, in tiefem Rot und Rosa, fast zu perfekt. Sie beugte sich vor und roch daran. Ein süßlicher, schwerer Duft schlug ihr entgegen, so intensiv, dass sie einen Moment lang dachte, ihr würde schlecht.
Aber da war noch etwas anderes, ein beißender, chemischer Geruch, den sie nicht einordnen konnte. Er erinnerte sie an etwas, aber sie kam nicht darauf. Ihre Handflächen wurden feucht. „Thomas“, fragte sie langsam und ließ den Strauß auf den Tisch sinken.
„Woher hast du die genau? “
„Aus dem Laden an der Ecke“, antwortete er beiläufig. „Warum fragst du so komisch? Ich dachte, du freust dich.
“
„Freue ich ja. Ich frage mich nur…“, sie brach ab. Die Worte der Alten klangen in ihr nach. „Wenn du den Geruch nicht erkennst, dann stell keine Fragen.
Wirf sie weg und sag nichts. “
„Hanna? Alles in Ordnung? Du bist ganz blass.
“
„Ja, ich glaube, ich habe mir etwas eingefangen. Ich muss mich kurz hinlegen. “
Sie stand auf, ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Ihr Herz schlug laut.
Sie öffnete das Fenster und atmete tief durch. Dann schaute sie auf ihre Hände. Sie zitterten. Sie ging ins Bad und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel.
Die Frau, die ihr zurückblickte, sah gehetzt aus. Sie verbrachte den Rest des Abends im Bett, während Thomas fernsah und sie gelegentlich rief, ob sie etwas zu essen wolle. Sie verneinte. Gegen elf Uhr kam er zu ihr, drehte das Licht ab und legte sich neben sie.
Sie hörte an seinem Atem, dass er nicht schlief. „Geht es dir wirklich nicht gut? “, flüsterte er. „Doch, doch.
Nur müde. Montag ist der schlimmste Tag im Laden. “
Er sagte nichts mehr. Kurz darauf hörte sie, wie sein Atem ruhiger wurde.
Aber sie selbst lag noch lange wach. Die Worte der Alten, der Geruch der Blumen, das unheimliche Gefühl, dass ihr da etwas verborgen blieb. Am nächsten Morgen, als Thomas unter der Dusche stand, schlich Hanna zurück ins Wohnzimmer. Der Strauß stand noch in der Vase auf dem Tisch.
Sie nahm ihn, wickelte ihn in Zeitungspapier und steckte ihn in den Mülleimer. Dann ging sie in die Küche und machte Kaffee. Als Thomas hereinkam, trank sie gerade ihre Tasse. „Wo sind denn die Blumen?
“, fragte er überrascht. „Die waren schon welk“, log sie. „Ich hab sie entsorgt. “
Er zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
In den nächsten Tagen konnte sie den Gedanken nicht abschütteln. Sie beobachtete Thomas, seine Gewohnheiten, seine Handygewohnheiten. Er hielt es auffällig oft mit dem Bildschirm von sich weg. Einmal klingelte sein Telefon spät abends, und er ging auf den Balkon, um zu sprechen.
Er kam zurück, als sie fragte, wer angerufen habe. „Der Chef. Irgendwas mit einem Vertrag. “
Sie glaubte ihm nicht.
Sie merkte es selbst, wie sie anfing, ihm zu misstrauen, ohne wirklich zu wissen, warum. Am Dienstag, als Thomas nicht da war, ging sie in sein Arbeitszimmer. Er hatte dort einen Aktenschrank, der immer verschlossen war. Sie wusste nicht, warum sie es tat, aber ihre Hände öffneten das Schloss mit einer alten Büroklammer, die sie in einer Schublade fand.
Die Lade war fast leer, nur ein dicker Umschlag lag darin. Sie zog ihn heraus und öffnete ihn. Es waren Kontoauszüge. Keine von ihrem gemeinsamen Konto, sondern von einem anderen, auf seinen Namen allein.
Das Konto war auf eine fremde Adresse registriert. Sie las die Zahlen, die Abbuchungen. Es waren große Summen, die jeden Monat auf ein anderes Konto gingen. Zehntausende von Euro im Laufe des Jahres.
Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie hörte den Schlüssel in der Tür. Schnell steckte sie die Unterlagen zurück, verschloss den Schrank und setzte sich auf das Sofa, griff sich eine Zeitschrift, die auf dem Tisch lag. Ihr Herz raste.
Thomas kam herein und lächelte. „Hallo, Schatz. Feierabend. Wollen wir essen gehen?
Ich lade dich ein. “
Sie starrte ihn an. Sein Gesicht, das sie seit vierzehn Jahren kannte, sah plötzlich fremd aus. „Hanna?
Was ist los? Du bist ganz blass. “
„Nichts. Ich bin nur müde.
Ich glaube, ich bleibe heute zu Hause. “
Er kam zu ihr und wollte sie auf die Stirn küssen, aber sie wich zurück. „Hanna, bitte. Sag mir, was los ist.
Du benimmst dich seit Freitag so komisch. “
„Es ist nichts“, sagte sie schärfer, als sie wollte. „Ich habe nur Kopfschmerzen. “
Er seufzte, hob die Hände.
„Wie du willst. Ich geh dann duschen. “
Er verschwand. Sie hörte das Wasser laufen.
Dann ging sie zum Telefon und rief die einzige Nummer an, die ihr einfiel, die von Frau Trautmann, die sie nie angerufen hatte. Sie hatte sie damals auf einen Zettel geschrieben, aber nie benutzt. Sie hatte den Zettel weggeworfen. Sie sah sich um, lief zum Mülleimer in der Küche, aber der war schon geleert.
Verzweifelt durchsuchte sie die Jackentaschen von Thomas, aber da war nichts. Sie setzte sich an den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. In den folgenden Wochen beobachtete sie ihn genauer. Sie fand Quittungen für ein Hotel außerhalb der Stadt.
Sie fand eine zweite Handykarte in seiner Sockenschublade, versteckt unter einem Stapel Unterhemden. Als sie sie in ihr Handy einlegte, bekam sie eine Nachricht: „Morgen, gleiche Zeit, gleicher Ort. Er weiß nichts. “
Ihr wurde übel.
Aber sie konnte sich nicht überwinden, ihn zu stellen. Die Angst, die Wahrheit zu erfahren, war zu groß. Sie lebte wie ein Schatten, aß kaum noch, konnte nicht schlafen. Sie glaubte, sie hätte es verdient.
Sie hatte sich selbst belogen, hatte nicht hinsehen wollen. Doch dann kam der Freitag, drei Wochen nach dem ersten Zeichen. Thomas kam mit einem Strauß nach Hause, diesmal mit weißen Lilien. Er gab ihr einen Kuss.
„Für dich. Und ich habe eine Überraschung: Ich habe ein Wochenende in einer Wellness-Anlage gebucht. Nur wir zwei. Das haben wir uns verdient.
“
Sie nahm die Lilien mechanisch entgegen. Sie roch nicht daran. Sie legte sie in die Vase und wartete, bis er duschen gegangen war. Dann schlich sie ins Bad, öffnete das Fenster und zertrat die Lilien mit dem Fuß.
Die Blütenknospen zerbrachen unter ihrer Sohle. Sie holte tief Luft. „Hanna? “, hörte sie seine Stimme aus dem Schlafzimmer.
Sie lief zurück, aber auf dem Weg blieb sie an der Tür stehen, weil sie auf einmal wusste, was sie tun würde. Sie ging zu seiner Jacke, die an der Garderobe hing, und durchsuchte die Innentasche. Sie fand die Visitenkarte eines Anwalts, mit handschriftlicher Notiz auf der Rückseite: „Scheidung vorbereiten. Bisher keine Beweise, aber die Konten sind auf ihren Namen.
Nächste Woche treffen. “
Sie las die Zeile zweimal. Dann noch einmal. Sie hörte seine Schritte auf dem Flur.
„Hast du meine Jacke? “, rief er. Sie steckte die Karte schnell zurück und drehte sich um. Ihr Gesicht war ruhig.
„Nein, ich hab nur geguckt, ob sie frisch gewaschen ist. Ich bringe sie morgen zur Reinigung. “
„Ach so. Danke, Schatz.
“
Er legte sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Sie stand da, mit dem Rücken zu ihm, und starrte aus dem Fenster. Die Worte der alten Frau klangen ihr in den Ohren: „Er schenkt dir Blumen. Aber riech zuerst selbst daran.
Wenn du den Geruch nicht erkennst, stell keine Fragen. Wirf sie weg und sag nichts. “
Sie drehte sich um und betrachtete ihren Mann, wie er die Kanäle durchzappte, vertieft in irgendeine Sendung. Sie sah die kleinen Falten um seine Augen, die sie früher geliebt hatte.
Sie sah den Mann, den sie vierzehn Jahre lang geliebt und dem sie vertraut hatte. Und sie erkannte, dass er schon lange nicht mehr derselbe war. Sie ging zu ihm und setzte sich neben ihn. Er sah auf und lächelte, aber diesmal konnte sie das Berechnende darin erkennen.
„Alles gut, Schatz? “
„Ja“, sagte sie langsam. „Ich glaube, wir müssen reden. “
„Worüber?
“
„Ich habe deine Kontoauszüge gefunden. Und die Visitenkarte von dem Anwalt. Und deine zweite Handykarte. “
Sein Gesicht wurde aschfahl.
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Die Fernbedienung fiel ihm aus der Hand. „Hanna, das kann ich erklären. “
„Das glaube ich nicht, Thomas.
Ich habe genug gehört. “
„Bitte, es ist nicht, was du denkst. Die Konten, das war nur eine Vorsorge. Für den Fall der Fälle.
Ich wollte es dir sagen, aber ich wusste nicht, wie. “
„Vorsorge? Seit wann gehst du mir fremd? “
Er schwieg.
Sein Schweigen war lauter als jedes Geständnis. „Es tut mir leid“, flüsterte er schließlich. „Es hat nichts zu bedeuten. Sie ist nur… jemand, mit dem ich reden kann.
Es war nie ernst. “
„Nie ernst? Du hast unsere Ersparnisse auf ein geheimes Konto geschoben, und du sagst mir, es war nie ernst? “
Er vergrub das Gesicht in den Händen.
Sie stand auf, ging zum Fenster und starrte hinaus auf die Straße. Die Lichter der Stadt funkelten. Sie dachte an die alte Frau im Park, an den Geruch der Blumen, an die Warnung, die sie in den Wind geschlagen hatte. „Ich will, dass du gehst“, sagte sie ruhig.
„Hanna, bitte. Gib mir eine Chance. Es war nur ein Fehler. Ich liebe dich.
“
Sie drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren trocken. „Du liebst mich? Du hast mich belogen, betrogen und unsere Ersparnisse versteckt.
Das ist keine Liebe, Thomas. Das ist etwas anderes. “
Er stand auf, wollte auf sie zugehen, aber sie hob die Hand. „Geh.
Und lass den Schlüssel da. “
Er zögerte, wollte etwas sagen, aber sie hatte sich schon umgedreht. Sie hörte, wie er seine Sachen aus dem Schlafzimmer holte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Dann war es still.
Sie blieb lange am Fenster stehen, bis die Lichter der Stadt zu flackern begannen und die ersten Lichter des Morgens am Horizont auftauchten. Dann ging sie in die Küche, nahm den Strauß Lilien, den sie zertreten hatte, und wickelte die kaputten Stiele in ein Zeitungspapier. Sie warf sie in den Müll. Dann setzte sie sich an den Tisch und rief im Blumengroßmarkt an.
„Hallo, hier ist Hanna. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich heute später komme. Und… danke, dass Sie mich übernommen haben. Ich habe mir eine Auszeit genommen, um nachzudenken.
Nein, alles ist gut. Aber ich glaube, ich brauche ein paar Tage, um ein paar Dinge zu klären. Ja, ich melde mich. Danke.
“
Sie legte auf und starrte auf ihre Hände. Sie zitterten noch, aber zum ersten Mal seit Tagen war sie ruhig. Sie sah sich in der Wohnung um, die plötzlich so fremd wirkte. Auf dem Boden lag noch die Fernbedienung, dort wo Thomas sie hatte fallen lassen.
Sie hob sie auf und legte sie auf den Tisch. Dann öffnete sie die Terrassentür und trat auf den Balkon. Die Morgenluft war kühl und roch nach Herbst. Sie sah auf die Dächer der Stadt und atmete tief durch.
Die Worte der alten Frau waren erfüllt, wenn auch anders, als sie gedacht hatte. Es war nicht nur ein Verdacht, sondern ein Verrat, der sich in Blumen verbarg. Und sie hatte gelernt, darauf zu hören. Sie trat wieder hinein, schloss die Tür und ging ins Bad.
Sie drehte das Wasser auf und ließ es laufen, während sie sich im Spiegel betrachtete. Die Frau, die ihr entgegenblickte, sah müde aus, aber ihre Augen waren wach. Sie hatte noch einen langen Weg vor sich, aber sie würde ihn gehen. Allein, aber mit klarem Kopf.
Sie hatte sich selbst zurückerobert, und das war der Anfang von allem.